Zeitungsdebatte Meine Traumzeitung

In welcher Form sie zukünftig auch konsumiert werden: Tageszeitungen brauchen ein Alleinstellungsmerkmal, sagt der freie Journalist und Blogger Daniel Bröckerhoff, und einen einfachen Mechanismus, einzelne Geschichten bezahlen zu können.

Zeitungen sind wie Pommesbuden. Mit diesem Satz ist eigentlich alles gesagt, genau, wie in der #tag2020-Debatte mittlerweile fast alles gesagt wurde.

Jeff Jarvis will mehr offenen Journalismus, Thomas Knüwer will mit den Tageszeitungen ins Internet, Mario Sixtus und Richard Gutjahr wollen wild rumprobieren, Hatice Akyün will mehr Meinung, Stephan Weichert staatliche Subventionen, Armin Wolf hat keine Finanzierungslösung und Wolf Schneider will in Ruhe über die Jugend von heute schimpfen.

Julian Heck plädiert auf vocer.org  währenddessen für mehr Wert durch Mehrwert und hatte dieselbe Essens-Vergleich-Idee wie ich. (Für mehr Meta-Analyse einmal bitte rüber zu Herrn Lobo, der sich bei Herrn Niggemeier breit gemacht hat .)

Dazwischen krakeelt dann noch der ewige Krakeeler Don Alphonso den FAZ-Blog  voll, beleidigt alles und jeden - hat aber auch keine Antwort.

Ich habe auch kein Patentrezept. Aber ich kann sagen, warum ich noch nie Abonnent einer Tageszeitung war und erstmal auch nicht werde, obwohl ich es gern wäre. Denn Journalismus muss bezahlt werden. Nur: Überzeugen tut mich keins der möglichen Angebote.

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, lag jeden Morgen die "Neue Rhein Zeitung" (NRZ) im Zeitungskasten. Es war die Zeit, als ich mich unter ohrenbetäubenden Pfeifgeräuschen bei T-Online einwählen musste und Onlinezeitungen einmal am Tag aktualisiert wurden. Das Laden einer Seite dauerte zuweilen Minuten. Minutenaktuelle Informationen in geschriebener Form waren damals rar und daher so wertvoll wie Pfeffer und Salz im Mittelalter.

Lesesüchtig wie ich seit frühster Kindheit bin, habe ich die "NRZ" jeden Tag beinahe inhaliert. Ich kann mich dabei aber nur an wenige Momente erinnern, in denen ich beim Lesen vom Stuhl sprang und unter "Bravo!"-Rufen der Zeitung Beifall klatschte. Berichte über Bundestagsdebatten, das Abschneiden des lokalen Fußballvereins, Unfälle auf Bundesstraßen haben wenig Faszinierendes.

Doch es gab Ausnahmen. Auf der Seite 3 erschienen in unregelmäßigen Abständen Reportagen eines langhaarigen Zausels mit Vollbart, der mal Geschichten von Kriegen weit weg erzählte oder - ganz Lokaljournalist - zu Fuß, per Fahrrad oder auf Rollerblades im Ruhrgebiet unterwegs war und von seinen abenteuerlichen Trips an Rhein und Ruhr berichtete. Matthias Maruhn und sein poetischer Blick auf die Welt ist das Einprägendste, was mir von der "NRZ" in Erinnerung geblieben ist.

Heute sind aktuelle Informationen so wertvoll wie Salz und Pfeffer: Man braucht sie, aber man bekommt sie im Hunderterpack gratis hinterhergeschmissen. Und genau soviel Geld kann man auch damit verdienen.

Natürlich gibt es für den Gourmet handgeschöpftes Himalayasalz und seltene Biopfeffersorten aus ausgewählten Plantagen, für die viel Geld bezahlt wird. Aber die Mehrheit frisst das Müll-Salz für 69 Cent aus dem Discounter. (Michael Pantelouris  hatte da noch den hübschen Vergleich mit dem Olivenöl, der im Grunde dasselbe sagt.)

Und genau hier setzt die Pommesbude ein: Die Tageszeitungen kochen heute immer noch die gutbürgerliche deutsche Nachrichten-Küche: nicht gut, nicht schlecht, mit leicht regionalem Einschlag, einigermaßen bezahlbar, aber nichts Besonderes. Eine Print-Pommesbude gleicht der anderen. Und: Ich habe nicht mal die Wahl, was ich essen will. Das Menü ist vorgeschrieben.

Wenn ich eine bestimmte Geschichte lesen will, muss ich das ganze Produkt kaufen oder warten, bis der eine für mich relevante Artikel online ist. Technisch wäre diese sogenannte Entbündelung längst möglich. Praktiziert wird sie so gut wie gar nicht. Schließlich hat man das ja schon immer so gemacht.

Und aus genau diesem Grund bediene ich mich lieber im Netz, wenn ich wissenshungrig bin. Denn dort kann ich mir meinen Info-Teller mit dem vollpacken, was mich interessiert. Wenn die Institution (nicht die Distributionsform) "Tageszeitung" eine Zukunft haben will, muss sie zwar nicht zu einem Gourmet-Tempel wie "SZ" und "FAZ" mutieren. Aber sie muss sich unterscheiden, wie sich kleine Cafés und Garküchen unterscheiden. Wie sich netzpolitik.org  von ruhrbarone.de  unterscheidet.

Die Reportagen von "NRZ"-Reporter Matthias Maruhn waren vor 15 Jahren schon die Ausnahme, das Himalayasalz, die seltene Pfeffersorte, das handgepresste Olivenöl. Für sie wäre ich auch heute noch bereit, Geld zu bezahlen. Aber das ist mir auch im Jahr 2013 so gut wie nirgends möglich.

Der Niedergang der Mischmasch-Blätter ist aus diesen und vielen anderen Gründen im vollen Gange, wie Thomas Knüwer hier schon schrieb. Am Ende werden wahrscheinlich wenige große Marken übrig bleiben, die den Massenmarkt bedienen.

Der Rest sollte sich schnell überlegen, was ihre Redaktion, ihr Angebot so einzigartig macht, dass man dafür Geld ausgeben möchte. Mein Tipp: Ein All-you-can-eat-Menü aus allem möglichen aus aller Welt von gestern ist es nicht. Ein Menü, bei dem ich gezwungen werde fünf Gänge zu bezahlen, obwohl mich nur der Hauptgang interessiert, ist es auch nicht.

Alle Lokalzeitungsmacher sollten sich zudem schnell diesen Artikel von Stefan Niggemeier  durchlesen und sich fragen, ob es bei ihnen im Örtchen genau so zugeht wie in Berlin:

"Ich lebe in Friedrichshain, einem Berliner Ortsteil mit 120.000 Einwohnern. Es gibt für diese Menschen de facto keinen Lokaljournalismus."

In diesem Satz steckt soviel Dilemma, dass ich weinen möchte. Eine Lokalzeitung, die NUR und AUSSCHLIEßLICH lokale Nachrichten bringt - DAS wäre eine echte Innovation. (Kollege Lischka stellt hier so ein Modell vor.) Im Netz gibt es das als "hyperlokalen Journalismus" längst, doch bislang hat sich kein deutscher Verlag getraut, es zu professionalisieren.

Wenn ich mir was wünschen könnte, wäre das eine Mischung aus all den Ansätzen, die die oben genannten Herren schon aufgezählt haben. (Kleiner Gender-Einschub: Wo sind eigentlich die Damen? Außer Frau Akyün...?) Und zwar online. Als Website und App.

Ich möchte eine Tageszeitung / Redaktion / App / Seite, die mir das, was gerade passiert, passiert ist oder passieren wird so aufbereitet, dass ich einen schnellen Überblick bekomme. Gleichzeitig möchte ich die Möglichkeit, tiefer ins Thema einzusteigen, Dossiers dazu zu lesen und alle Facetten zu verstehen. Die App cir.ca  macht das für den amerikanischen Markt schon ganz gut (aber auch kostenlos).

Ich möchte, dass meine Interessen, Themen und Vorlieben dabei berücksichtigt werden. Ich will eine App / Seite / wasauchimmer, die lernt, was mich interessiert und dementsprechend gewichtet. (Die Filterblase, die dabei stets befürchtet wird gab es auch im Print. Den Sport-Teil hab ich immer einfach weggeworfen.)

Ich will die Möglichkeit, mir aus einem Angebot von verschiedenen Angeboten, Meinungen und Artikeln ein eigenes Nachrichtenmenü zusammen zu stellen. Die Artikel, die ich lese, werden einzeln bezahlt - wie, das sollen sich die Verlage bei Apple oder Amazon abgucken.

Und schließlich möchte ich Journalisten, die keine Agenturwiederkäuer und Agendahinterrenner sind, sondern eigene Geschichten mit eigenem Ansatz, eigenem Blickwinkel und eigener Haltung bieten.

Was ich nicht mehr möchte: Einmal am Tag eine gedruckte Zusammenfassung dessen, was eine Redaktion für wichtig hält. In Pommesbuden hab ich schon oft genug gegessen in meinem Leben.

Tldr (too long didnt read)

Die Tageszeitung in Papierform mit allerlei Nachrichten aus der Welt, dem Land und dem Ort, die einmal am Tag erscheint, liegt im Sterben. Wenn die Institution "Tageszeitung" überleben will, braucht sie klare Unterscheidungsmerkmale und eigene Ansätze, erkennbare Journalisten, eigene Geschichten, neue Arten der Berichterstattung und vor allem: einen einfachen Bezahlweg, der es mir ermöglicht, einzelne Geschichten zu lesen, ohne das ganze Programm kaufen zu müssen.

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