Daniel Richter Malender Potenzprotz

Daniel Richter hat sich von der figurativen Malerei verabschiedet und zum Spachtel gegriffen: In Frankfurt zeigt er jetzt Bilder mit Porno-Sujets. Aber ist explizit auch interessant?

In jungen Jahren verbrachte Daniel Richter, Jahrgang 1962, viel Zeit auf St. Pauli. Vorzugsweise da, wo Reeperbahn und Davidstraße aufeinander stoßen. Zusammen mit einem Kumpel saß er dort auf einem Sicherungskasten und blickte bis zum Morgengrauen auf die Höhen und Tiefen des Amüsierbetriebs hinab. Ein echter Logenplatz des Nachtlebens. Und ab und zu gab es Pommes.

Dabei ist es heute noch so, als säße Richter über dem Treiben und würde seines Richteramtes walten: mit guten Augen, scharfem Verstand, lockerer Zunge und kehliger Underground-Rotzigkeit. Denn der 52-jährige Maler redet wie er malt - frei weg. Und egal, ob er über die Welt oder die Kunst redet, die Diskursrichtung ist immer noch "von oben herab".

In einem Interview, abgedruckt kürzlich im "Süddeutsche Zeitung Magazin" , trifft es die Künstlerkollegen. Seinen Namensvetter Gerhard Richter etwa watscht er ab: "Er ist ein guter Maler, aber der Malerei hat er nichts gebracht." Und das Schaffen der deutschen Erfolgsfotografen - von Andreas Gursky oder Thomas Ruff - bügelt er als "widerspruchsfreie Ingenieursarbeit" ab.

Dabei wirken seine neuen Bilder, von denen jetzt 22 in der Ausstellung "Hello, I love you" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn  erstmals gezeigt werden, auf den ersten Blick, als habe er Ruffs Internetporno-Verpixelungen, die wiederum an Gerhard Richters unscharfe Fotografie-Vermalungen denken lassen, mit Pinsel, Spachtel und Ölkreide weitergedacht. Diese 22 Bilder mit ihren abstrakt vermalten Porno-Sujets sind in den letzten beiden Jahren entstanden. Sie markieren einen deutlich sichtbaren Bruch in Daniel Richters Schaffen.

Richtungswechsel nach dem Urlaub

Vor zwei Jahren war er nach einem Urlaub in sein Hinterhof-Atelier in Berlin-Charlottenburg zurückkehrt, als ihm angesichts der dort halbfertig herumstehenden Bilder "aus dieser psychedelischen, talibanesken Männerkitschromantik-Serie" (so Richter im Ausstellungskatalog) klar wurde: Das alles war nicht mehr sein Ding. Er war durch mit Figuration und Narration.

Genau andersherum war sein erster großer Richtungswechsel erfolgt. Noch in den 1990er Jahren hatte er die Leinwand mit einem All-over aus Flecken, Strichen und amöbenhaften Formen überzogen. "Materialbewusstes Klecksen" hat der Kunsthistoriker Roberto Ohrt das damals genannt.

Um das Jahr 2000 begann Richter figurativ und narrativ zu malen. Seine Bilder waren jetzt aufgeladen mit Zeitgeschichte, Medienreflexionen, kunstimmanenten Bezügen und vollgesogen mit Widersprüchen, Aggressionen und apokalyptischen Untertönen. Mit ihnen avancierte Richter - neben vor allem Neo Rauch - schnell zu einem der bei Sammlern wie Ausstellungsmachern gefragtesten deutschen Maler der mittleren Generation.

Mit der erneuten Wende jetzt will Richter auch methodisch weg vom Bisherigen. Mit dem Pinsel hat er nur die Bildhintergründe angelegt: horizontal geschichtete, farblich nuancierte Streifen, wie man sie von Paul Klee kennt; und bei der zweiten, abstrakteren Werkgruppe scheckiges Strichgewölle oder, wie Richter sagt: "gestisches Remmidemmi".

Auf diese Grundierung hat er dann große Farbflecken mit dem Spachtel auf die Leinwand gedrückt und anschließend mit dem Ölkreidestift die Kontur von Schenkeln und Brüsten teils plastisch umrissen, teils zu malerisch verfließenden Knäueln auslaufen lassen.

Kopulierende Malweisen

In der Schirn hängen die Großformate in zwei benachbarten Räumen wie ein umlaufender Fries, den man unendlich abschreiten kann. Es gibt keinen Anfang und kein Ende des Parcours, und die repetitive Motivik - gespreizte Frauenbeine, ineinander verkeilte Leiber - entspricht der unablässigen Wiederkehr der Bilder sexueller Spannung im Pornoclip.

In diesen Liebesreigen sind wie zur Abkühlung die abstrakteren Bilder der zweiten Werkgruppe eingestreut. Ihre länglichen Farbwülste könnten Abstraktionen der Leiber auf den benachbarten Bildern sein. Richter selbst allerdings spricht eher davon, dass sie sich an (geo)grafische Schematisierungen politischer Gegebenheiten in Syrien oder der Ukraine anlehnen. Jedenfalls erscheinen sie gegenüber den eleganteren, wie geflasht wirkenden und durch die Farbhintergründe als Medienbilder akzentuierten Porno-Tableaus eher wie ein zeitloses, bäurisch-deftiges Formengeschiebe.

Dabei kopulieren entsprechend dem Stellungsgetümmel in den Bildern auch Malweisen: solche etwa, die an Willem de Kooning, Asger Jorn oder Francis Bacon erinnern. Nicht schlecht aber ist, dass die Gemälde am Ende doch so eigenständig wirken, wie Malerei im Zeitalter der Postoriginalität noch sein kann.

Die Lust an der Malerei - pastos und verwischt, zeichnerisch und neblig - hat Richter im Kontext von Bildern wiedergefunden, die der Luststeigerung dienen. Mit der Wahl dieser Motivik trumpft er auf, als würde er sagen: Selbst da, wo es vordergründig um das genitale Rein-Raus geht, kann ich gewitzte, total heutige Malerei entstehen lassen, indem ich das Überkonkrete des Pornografischen in ein malerisches Verzeichnen und Verwischen überführe.

Könnte man da nicht des Künstlers eigene Kriterien ins Spiel bringen und fragen: Gute Bilder, aber bringt das die Malerei voran? Denn letztlich wagt er doch nur ein schon ranzig wirkendes, an den späten Picasso erinnerndes phallisches Auftrumpfen: malerische Potenz gezeugt aus in partiale Lustobjekte zerlegten Körpern - aus Pornografie.


Daniel Richter. Hello, I Love You. Schirn Kunsthalle, Frankfurt, bis 17 Januar 2016, Katalog 28 €, im Buchhandel 32 €.

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