Julian Barnes' "Darüber reden" Tresenschlacht um die Liebe

Was Liebe ist? Eine Illusion, ein Blütentraum, ein Schlachtfeld, eine Tragödie - und Anlass für den spektakulären Theater-Showdown "Darüber reden" in der Bar des Hotel Reichshof gleich neben dem Hamburger Schauspielhaus. Ein hochaktuelles Lehrstück über das Begehren und seinen Marktwert.
Von Matthias Matussek
"Darüber reden" in der Bar des Reichshof: Schiedsrichter in Clubsesseln

"Darüber reden" in der Bar des Reichshof: Schiedsrichter in Clubsesseln

Foto: Matthias Matussek

Ein 90-Minuten-Kammer-Thriller zwischen Tresen und Clubsesseln: "Darüber reden" von Julian Barnes ist ein Roman über eine Ménage à trois, in dem sich die Protagonisten direkt an den Leser wenden, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Sie werben um Verständnis für ihren Standpunkt. Später wurde daraus eine melancholische Kino-Komödie mit Charlotte Gainsbourg. Nun hat Regisseurin Franziska Steiof daraus für das Hamburger Schauspielhaus ein Solo für zwei Männer gemacht . Die Frau wurde gestrichen, was ein genialer Bearbeitungseinfall ist, denn es kommt gar nicht auf sie an. Die Frau lenkt nur ab. Hier geht es um eine Männerfreundschaft.

Als Julian Barnes davon hörte, schrieb er der Regisseurin: "Es klingt verrückt, aber es kann funktionieren." Und wie es funktioniert! Da ist Achim Buch als Stewart, der langweilige Bankangestellte und amouröse Stümper, und ihm gegenüber Erik Schäffler als Angeber Oliver, der Frauenverschleißer mit dem offenen Hemd, der Millionär auf dem Markt der Liebe. Doch Stewart lernt eines Tages Gillian kennen - durch ein Speed-Dating, wie später aufgedeckt wird - und punktet im Binnenverhältnis mit Oliver, und tatsächlich ergibt sich eine Ehe. Als Oliver nun die schöne Gillian vor dem Traualtar am Arm seines Freundes Stewart sieht, verliebt er sich in Gillian. Unsterblich. Tragisch. Besessen.

Aus Oliver, dem rücksichtslosen Hasardeur, wird ein kettenrauchendes Wrack, das auf das fette, gemütliche Eheglück Stewarts starrt wie ein Verhungernder auf ein Festbüfett. Stewart besitzt die Frechheit, sein Leben auf die Sonnenseite gedreht zu haben, während Oliver, wie das zweite Männchen im Wetterhäuschen, im schwarzen Loch der Verzweiflung verschwindet.

Ganz dicht an den Akteuren

Das ist gegen die Freundschaftsvereinbarung, gegen die unausgesprochene Schicksalsbilanz. Nun arbeitet Oliver an der Umkehr der Verhältnisse. Er verfolgt Gillian. Er nistet sich in einem Haus gegenüber ein. Stewart gegenüber behauptet er, er sei unglücklich in eine Spanierin verliebt, so dass Stewart seine Gillian bittet, sich um ihn zu kümmern, den traurigen Scheißkerl und Betrüger Oliver.

Beide richten sich, während sie von sich und der Liebe reden, zwischendurch immer wieder an die olympischen Schiedsrichter in den Clubsesseln, ans Publikum, das lacht oder beeindruckt ist oder beklommen. So dicht dran war man selten.

Tatsächlich schafft es Oliver, mit Gillian ein Verhältnis anzufangen, ja mehr, ihre Gefühle so vollständig zu gewinnen, dass sie in eine Ehe mit ihm einwilligt. Stewart soll zur Seite geräumt werden wie ein ausgedientes Möbelstück. Stewart ahnt zunächst nichts. Erst allmählich kommt er seinem Freud auf die Schliche. Die finale Aussprache ist bestes Verhörtheater, wie Achim Buch als Spießer und Trottel zum misstrauischen Gehörnten wird, und schließlich als Brutalo jaulend in die Feldschlacht zieht, wie er zwischendurch am Piano Jacques Brels "Ne me quitte pas" nicht ohne parodistisches Vergnügen zerröhrt - was für ein Rollenfutter - das ist durchgängig virtuos.

Erik Schäffler ist der ebenbürtige Gegenpart in dieser Schattenboxerei. Er ist der oberflächliche Gewinner, der durchs Leben stolpert, erst melancholischer Verzweiflungsartist und Intrigant, dann wieder grausamster Egoist und Freundestyrann, nach gewonnener Schlacht wieder obenauf. Und am Ende doch auf hinreißend komische Art gescheitert.

Ein hochaktuelles Lehrstück über die Liebe und ihren Marktwert, über Gefühle und über Freundschaft. Und, wie peinlich, über den Triumph eines bräsigbürgerlichen Mottos aus Schillers Glocke: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet/ ob sich das Herz zum Herzen findet, der Wahn ist kurz, die Reu ist lang ..." Hier, so stellt sich heraus, ist die Reu wohl endlos, denn Oliver landet in einer Ehehölle und sehnt sich nach seinem alten Freund Stewart, der auf äußerst unterhaltsame Art zum Zyniker wird und offenbar gut damit klar kommt.

Womit die Schiedsrichter in den Clubsesseln, also wir, überhaupt nicht mehr wissen, wer nun gewonnen hat. Womöglich entscheidet sich die Sache je nach Verzauberungsfähigkeit und Verwundungsgrad und Lebensalter. Aber jeder der beiden Schauspieler hat seinen Fall, sein Modell in der virtuosesten und vergnüglichsten Art vorgestellt. Rein, solang es Karten gibt!


"Darüber reden", weitere Vorstellungen: 28. April, 6. + 26. Mai, M&M Bar des Maritim Hotel Reichshof

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