Pop-Spektakel in der Volksbühne Staunen Sie Bauhausklötze!

Der Regisseur und Musiker Schorsch Kamerun präsentiert in der Berliner Volksbühne einen Theater- und Tanz-Jahrmarkt, der den 100. Geburtstag der Bauhaus-Kunstschule feiert. Witz garantiert!

David Baltzer / bildbuehne.de

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Das Motto des Abends heißt "Die Welt neu denken". Es gibt fabelhafte Figuren und tolle Bilder zu betrachten. Es wird geflüstert, herzhaft herausgebrüllt und gesungen - doch erstaunlicherweise wird die Theaterwelt dann doch weder neu gedacht noch neu erfunden.

Man sieht aber zum Beispiel eine menschgewordene Schere durch das Foyer der Berliner Volksbühne spazieren. Man glotzt auf Buchstabenbäcker, Buchstabenbüglerinnen und eine Zahlentänzerin. Und man wird Zeuge, als ein Chor von jungen Frauen in langen Röcken und haubenartigen Kopfbedeckungen unter einem Zeltdach den traurigen Satz "Du liebst mich nicht mehr" deklamiert.

"Das Bauhaus - Ein rettendes Requiem" heißt die Theaterunternehmung, die der Regisseur und Musiker Schorsch Kamerun in der Berliner Volksbühne eingerichtet hat. Anlass ist das bereits gründlich in Ausstellungen, Zeitungstexten und sogar in Bundestagsansprachen abgefeierte Jubiläum der vor 100 Jahren gegründeten Bauhaus-Kunstschule.

Der Architekt Walter Gropius und seine Mitstreiter fochten 1919 für die Idee, Kunst und Handwerk im Dienste eines heiter-sachlichen Aufbruchsgeists zu kombinieren - und, so glaubt man heute zu wissen, sie waren dabei gefangen im esoterischen und wissenschaftlichen Zukunftsoptimismus des frühen 20. Jahrhunderts.

Der Regisseur Kamerun macht aus diesem kulturhistorischen Schulwissen eine aberwitzige Lecture Performance, die das Volksbühnengebäude in ein brummendes, lärmendes Insektennest verwandelt.

Täuschend echt aussehende Ohren im Glas

Wie gigantische Fliegen mit böse blau leuchtenden Augen sehen die Besucher dieses "Requiems" aus, die frei durch die Foyers und Salons streifen dürfen und über die mit Partyzelten vollgestellte Bühne stolpern. Tatsächlich sind es blau leuchtende Kopfhörer, die für den "The Fly"-Horroreffekt sorgen - jeder Gast bekommt einen ausgehändigt, weil nur so die Handlungsanweisungen und die Tonspur dieses Spektakels zu vernehmen sind.

Kamerun selbst stakst nach Art einer Heuschrecke hinter einer rotschimmernden Plastikwand herum, während er mit seiner hellen, markerschütternden Stimme didaktische Weisheiten singt wie "Den neuesten Gedanken/ droht Vorabendserie". Die Sängerin Corinna Scheurle flaniert in einem Bienenwaben-Korsett durchs Gelände und singt hinreißend schön Liedgut von Henry Purcell und Gustav Mahler ("Ich bin der Welt abhandengekommen"). Die schmale, schwarzgewandete Schauspielerin Kristina Pleinert verkörpert dagegen ein ameisenartiges Gruselgeschöpf und übt sich darin, offenbar künstlich gezüchtete, täuschend echt aussehende Menschenohren in Dessertschalen zu friemeln.

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"Das Bauhaus - ein rettendes Requiem": Tanz den Walter Gropius!

Es ist ein maßvoll wildes, buntes, verwirrendes Weltneudenk-Durcheinander, das Kamerun seinen Besuchern da über 90 Minuten hin präsentiert. Vorab hat Kamerun versprochen, dass er sich der "besonderen Fantasieoberfläche" und dem "riesigen Versprechen von Ausprobier-Utopie" widmen werde, die das Bauhaus für ihn bedeute, und zwar vom "Nullmoment 1919" her.

Tatsächlich wirkt "Das Bauhaus - Ein rettendes Requiem" oft wie ein Jahrmarkt, der den Popcornduft und die Spintisier-Attraktionen einer untergegangenen Zeit zelebriert. Die Schauspielerin Anne Tismer führt vor, wie man Zahlen tanzt, die man mal als Tiere und mal als Farben empfinden könne ("Die Eins ist ein Flamingo"), der Schauspieler Paul Herwig tritt als verrückter Professor mit Silbermähne auf und rezitiert erbaulichkeitsbesoffene Songtexte der Band Silbermond, junge Menschen tragen feierlich beleuchtete Zitronenbaum-Topfpflanzen durch die Theatergänge.

Heftiges Ironiegewitter

Doch was genau will uns die Inszenierung, die uns zu einem Mitmachtheater animiert, das man neudeutsch gern "Immersion" nennt, nun über das Bauhaus mitteilen? Der Volksbühnenabend war angeblich schon zu Zeiten des umstrittenen Intendanten Chris Dercon geplant, erst der jetzige Interims-Chef Klaus Dörr hat dann den Regiejob an Schorsch Kamerun vergeben.

Der scheint weder den Bauhaus-Hater noch den Bauhaus-Lover geben zu wollen. Dass die kühle, rationale Ästhetik der Bauhauskünstler sich heute im Design des iPhones erkennen lässt, ist ihm einerseits zuwider, und er verkündet es voller Hohn; dass die Bauhausideen von den Nazis wie von den DDR-Kommunisten bekämpft wurden, ist für ihn andererseits ein Motiv, "zu überprüfen, was von der Bauhaus-Urhaltung noch übrig geblieben ist" und, wie es im Programmheft heißt, "zu klären, wann das Bauhaus gestorben ist".

Man merkt: Kameruns Volksbühnenspektakel ist ein Hürdenlauf in Ironiegewittern, durchzuckt von Assoziationsblitzen, angetrieben von verlässlich grummelndem Popmusikdonner. Vielleicht kann man diesem "Requiem" vorwerfen, dass es konsequent den Ernst verweigert und sich stets in nette Witze und auf mit viel Liebe ausgestaltete Abwege flüchtet.

Zugleich aber ist dieser Theaterabend eine wunderbar charmante Einladung zum Bauhausklötze staunen. Er präsentiert eine Rätselwelt, in der die Kostümbildnerin Gloria Brillowska bizarre Imkerinnen und stolze Oskar-Schlemmer-Gestalten aufmarschieren lässt, in der Alufolien um Zeltstangen gewunden werden, in der ein offenbar zum Hund verzauberter Mann durch eine bauhausschlichte Wohnküche schnüffelt.

Es gehe darum, "die Endlichkeit des Lebens zu verstehen", heißt es einmal aus den blau leuchtenden Kopfhörern. Tatsächlich beschwört die Inszenierung eher die Unendlichkeit der Fantasiemittel, über die das Theater verfügt, um vergangene Welten lebendig zu machen; und sei es die einer 1919 in Weimar gegründeten Denk- und Designschule.


"Das Bauhaus - ein rettendes Requiem" - weitere Vorstellungen nur noch am 21. und 22.6. in der Berliner Volksbühne



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