Das bedrohte Wort Der Gasnosse aus Kaschmir

Spitznamen für Politiker sind eine vage Angelegenheit: Was bleibt, richtet die Geschichte. Was etwa würde aus dem Begriff "Gasnosse", wenn das Ex-Model Gerhard Schröder dem jüngsten Wunsch seines ehemaligen Koalitionspartners folgte? Sorge um ein Wort.

Von Bodo Mrozek


Zu ihren Symbolen haben die Deutschen von jeher ein inniges Verhältnis. Große und kleine Tiere etwa werden nicht hinter Gitter gesperrt, ohne vorher mit Kose- oder Menschennamen versehen zu werden, wie die Popularität eines Bären dieser Tage bewies. Mit bekannten Bauwerken und großen Politikern geht man genauso um – jedenfalls, was die Namen betrifft. So ist manchem Wort eine ungeahnte Karriere beschieden. Lässt man die Bezeichnungen Revue passieren, die den bislang letzten deutschen Kanzler schmückten, so illustrieren sie mehr als nur den Image-Wandel des ehemaligen Amtsinhabers.

Ex-Kanzler Schröder: Vom "Kaschmirkanzler" zum "Genosse der Bosse"
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Ex-Kanzler Schröder: Vom "Kaschmirkanzler" zum "Genosse der Bosse"

Noch zu Beginn seiner Amtszeit wurde dem stets in eleganten Zwirn gehüllten Zigarrenraucher Gerhard Schröder das Kompositum "Kaschmirkanzler" gewissermaßen auf den Leib geschneidert. Man erinnere sich: Es war die Zeit der so genannten New Economy. Es war die Zeit der Spaßgesellschaft, und wer wollte einem gutgelaunten deutschen Kanzler das Mitlachen vergällen? Man musste schon sehr übellaunig veranlagt sein, um ihm das zeitgemäße Posing für italienische Maßkonfektion ernsthaft zum Vorwurf zu machen.

Dem Eindruck, es handele sich beim Kanzler um "das erste deutsche Model, das im Nebenberuf als Politiker arbeitet", trat dieser mit steiler Sorgenfalte und hoch gekrempelten Ärmeln entschlossen entgegen. Zum Wort "Kaschmirkanzler" gesellte sich der Ehrentitel vom "Medienkanzler", der "mit Bild, BamS und Glotze" regiere. Doch nachdem der Kanzler zur einst umworbenen "Bild"-Zeitung auf Distanz gegangen war, veraltete auch diese Charakterisierung. Stattdessen kam das geradezu dialektische Etikett "Genosse der Bosse" zu neuen Ehren. Am Ende blieb ein Wort stehen, das im Land der Autobahnen als höchster aller Titel verstanden werden musste: Autokanzler.

Jede Amtszeit geht einmal vorbei und jeder Abschied ist ein Neubeginn. Während unter dem Aspekt der Begriffsgeschichte der Eindruck entsteht, als regiere derzeit eine Frau ohne Eigenschaften die Deutschen, erntete der Alt-Kanzler neue Namen. Den Letzten schenkte ihm die "Bild"-Zeitung. Das Wort "Gasnosse" wurde eigens für Schröder geschaffen, als dieser einen Aufsichtsratsposten bei einer Tochter-Firma eines russischen Erdgas-Unternehmens annahm. Deutsche Politiker, die sich für Gas engagieren, müssen sich einiges gefallen lassen.

Doch nun forderten die Grünen den Altkanzler auf, seinen Posten aus Protest gegen Putins Regierung niederzulegen.

Nach brutalen Polizeieinsätzen gegen Demonstranten habe sich die Mär vom ’lupenreinen Demokraten’ Putin zur Groteske gewandelt, so die Kritik. Doch der Ex-Kanzler zeigt sich wie immer von niedersächsischer Sturheit. Schon im Jahr 2003 hatte der Schriftsteller Peter Schneider den Kanzler gefragt, ob er lieber als "Reformkanzler" oder als Vater einer außenpolitischen Neuordnung in die Geschichte eingehen würde. Die Antwort fiel gewohnt selbstbewusst aus: "Das kann man nicht voneinander trennen, beide Verdienste stehen mir zu." Kaschmirkanzler – oder Gasnosse: Vielleicht muss man auf die Frage nach dem richtigen Wort genau dieselbe Antwort geben.



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