Das bedrohte Wort Der zerlegte Mann

Frauenversteher, Warmduscher, Abspüler, Leihvater: Die Wirklichkeit des deutschen Mannes kennt viele Wörter. Was ist nur aus dem Macho geworden? Bodo Mrozek geht auf die Suche nach dem Wort wahrer Männlichkeit.


Wann der Macho zum ersten Mal auftauchte, ist vermutlich nicht mehr zu ermitteln. Der offizielle Termin für die jüngere Zeit war zweifellos der 28. Juni 1981. An jenem Sonntag wurden Millionen Deutsche Zeugen eines ungewohnten Schauspiels. Der Berichterstattung jener Tage zufolge erlitten sie einen regelrechten Schock. Sie sahen im Fernsehen einen Mann. Sein Name: Schimanski, Horst Schimanski.

Szene aus "Der bewegte Mann" (1994): "Stirb, Susi"
Constantin Film

Szene aus "Der bewegte Mann" (1994): "Stirb, Susi"

Aus gegebenem Anlass lässt sich an diesem Namen ein Phänomen rekapitulieren, das als Machotum spätestens seit den Achtzigerjahren in den allgemeinen Sprachschatz der Deutschen aufgenommen wurde. Das aus dem Spanischen entlehnte Wort bezeichnet dort ursprünglich ein männliches Tier. Einer anderen Herleitung zufolge stammt es aus dem Englischen und wurde aus den Begriffen man und chauvinist gebildet. Immerhin war auch der Chauvi in den von "Emma" geprägten achtziger Jahren ein äußerst populäres Schimpfwort, das einen Mann ins Mark seines Rollenverständnisses treffen konnte. Doch zurück zum Macho, zurück zu Horst.

Mit Götz George erschien zum ersten Mal ein Mann in der deutschen Kriminallandschaft, der in vollem Umfang das verkörperte, was der Begriff Mann im schlimmsten Fall bedeuten kann. Er schlug sich auf Schrottplätzen, schlürfte rohe Eier, hegte eine problematische Beziehung zum Thema Körperpflege und durchsetzte seine Rede mit Kraftausdrücken. Anlässlich des ersten Auftritts in der Tatort-Folge "Duisburg-Ruhrort" forderte die "Neue Ruhr Zeitung": "Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!" War er ein Macho? Als Inkarnation dieses Wortes sah ihn die meiste Zeit das deutsche Feuilleton. Einzig die "FAZ" hielt dagegen und beschrieb ihn als Hybrid, "eine Synthese aus dem Macho alter Art und dem sensiblen Ehemann hinterm Wickeltisch".

Letzterer scheint nun das Rennen gemacht zu haben. Die Autorin Wäis Kiani erkannte und beschrieb schon vor Jahren jenen Typ Mann, der seine "innere Frau" entdeckt und als weiche Seite kultiviert hat. Diesem laut Kiani an Flip-Flops, bunt bedruckten Hosen und einem Ring auf dem Zeh zu erkennende Rollenmodell verlieh die in Zürich praktizierende Analytikerin deutscher Männlichkeit den Namen "Susi". Ihre Abneigung gegen das auch unter dem Neologismus Metrosexualität bekannte Modell brachte sie einer griffigen Formel auf den Punkt: "Stirb, Susi!" Das gleichnamige Buch (Goldmann) wurde zur Bibel aller, die lieber mit dem schlechten alten Macho stritten, als sich vom neuen Mann total gut verstanden zu fühlen.

In ihrem soeben erschienen Buch "Anleitung zum Männlichsein" (S.Fischer Verlag) gehen nun die Journalisten Andreas und Stephan Lebert auf die Suche nach männlichen Idealen. Dabei treffen sie einen jungen Schriftsteller im Drogenrausch, einen komatösen Wetttrinker, einige tote Philosophen und viele lebendige Kollegen. Der vorherrschende Typus, so lässt sich resümieren, ist der "zerissene Mann", der zwar den Spagat zwischen Aufsichtsratsitzung und Yogagruppe beherrscht, sich aber gleichzeitig gerne in feiger Bequemlichkeit einrichtet. Für den Macho ist das Buch der Gebrüder Lebert ein weiterer Dolchstoß. Ist er tatsächlich am Ende?

Die Beantwortung dieser Frage kennt ebenfalls ein Datum. Am 22. April 2007 kam es abermals zu einem Schock vor deutschen Fernsehgeräten. Schimanskis Rückkehr am vergangenen Sonntag hätte das Comeback eines Dinosauriers werden können, die Rettung der deutschen Männlichkeit. Doch der alte Mann, den 6,8 Millionen Zuschauer sahen, war kein Tyrannosaurus rex. Götz George gab den guten Menschen vom Häuserblock nicht als wütenden Rächer der Enterbten, sondern als altersmilden Sozialarbeiter.

Dies war nicht die Wiedergeburt eines deutschen Jack Bauers. Es war die Todesstunde eines Wortes, um das es nicht unbedingt schade ist. Es lautet Macho.



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