Das bedrohte Wort Gnadenlose Zeiten

Barbarische Folter, königliche Willkür, rechtsstaatliche Verwirrungen: Das Wort Gnade hat in seiner langen Geschichte viel durchgemacht. Die vergangene Woche war besonders hart. Bodo Mrozek war auf Spurensuche.


Gnade vor Recht, gnädige Frau, ein begnadeter Sänger: Das Wort Gnade ist in manchen Redewendungen noch quicklebendig obwohl es bereits steinalt ist. Es lässt sich auf den althochdeutschen Begriff ginada zurückverfolgen und ist mit der Gunst und den alten Begriffen für gönnen oder Hilfe suchen verwandt. Hier leitet sich auch der Gandenstoß her. So bezeichnete man das schnelle Töten eines Verurteilten, dem eine lange Hinrichtung drohte, etwa beim Tod auf dem Rad. Dazu band der Henker den Delinquenten auf ein Rad und zerschlug ihm sämtliche Gliedmaßen einzeln.

1.Mai-Demo in Berlin: Sehnsucht nach Barmherzigkeit
DDP

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Um dieses ausgesprochen unerfreuliche Sterben etwas rascher zu gestalten, wurde der Gnadenstoß mit dem Messer eingeführt – der Henker führte sein Handwerk sodann an der Leiche seines Opfers aus. Heute ist das Wort in unseren Breiten glücklicherweise nur noch in übertragenem Sinne gebräuchlich – mal abgesehen vom waidmännischen Gebrauch, wo das sogenannte Abfangen von Wild mit dem Hirschfänger noch unter dem Begriff firmiert.

Die Gnade selbst ist weit älter als das Christentum. Bereits in der Antike war sie als Milde, Nachsicht oder Menschenliebe eine der Tugenden, die einen Herrscher auszeichneten (humanitas). Nicht nur der Kaiser konnte Gnade walten lassen, sondern auch die Statthalter. Das ausgesprochen schlechte Image des Statthalters von Judäa etwa zog dieser sich zu, als er im Prozess gegen einen bekannten Religionsstifter aus Nazareth das Gnadengesuch ablehnte. Vielleicht ist deshalb in der christlichen Lehre die Gnade eine so wichtige Tugend.

Die mittelalterlichen Theologen – allen voran Thomas von Aquin – orientierten sich nicht nur an Paulus, sondern auch an der aristotelischen Philosophie, als sie die Gnade betonten. Anders als in der Antike ist sie hier keine aristokratische Tugend mehr, sondern Ausdruck der Barmherzigkeit eines Gottes, der Vergebung übt. Die mittelalterlichen Könige konnten an dessen Stelle Gnade walten lassen. Absolutistische Könige wie Ludwig XIV. waren nicht nur Herrscher "von Gottes Gnaden", sondern auch oberste Richter und Gnadenspender. In der Rechtspraxis konnte der "Sonnenkönig" Gnade nach Gutdünken aussprechen: aus einer spontanen Laune heraus, oder um ein freudiges Ereignis gebührend zu feiern – etwa eine Geburt bei Hofe. Erst die konstitutionelle Monarchie schränkte die Gnadenbefugnis ein. Im bundesstaatlichen Kaiserreich teilte sich der Herrscher die Gnadenzuständigkeit mit den Landesfürsten.

Und so ist es im Prinzip noch immer: Die Gnadenkompetenz des Bundespräsidenten erstreckt sich auf den sogenannten Staatsschutz, andere Begnadigungen sind den Ländern überlassen.

"Fremdkörper im Rechtsstaat"

Was das alte Wort im heutigen Rechtsstaat verloren hat, bleibt undeutlich. Das Grundgesetz schweigt sich über Art und Inhalt der Gnade aus. Der Strafrechtler Alfons Klein hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Gnade "ein Fremdkörper im Rechtsstaat" sei und plädierte für Abschaffung (Alfons Klein: Gnade – ein Fremdkörper im Rechtsstaat", Europäischer Hochschulverlag 2001). Das Gnadenrecht stehe nicht im vollen Einklang mit rechtsstaatlichen Prinzipien und sei auch mit dem Grundrecht nicht ganz vereinbar, weil es leicht mit dem Willkürverbot und dem Recht auf Gleichheit in Konflikt geraten kann.

Zudem sei das Rationalitätsgebot gefährdet. Andere Kritiker wie der konservative Historiker Michael Wolffsohn unterstützten die Forderung nach Abschaffung in den vergangenen Wochen, doch noch hält man am bundespräsidialen Gnadentum fest. Die dem höchsten Staatsamt zugeteilte Gnadenmacht wirkt dabei wie ein letztes monarchisches Überbleibsel und eine seltsam archaische Verbindung zu den Herrschern der Vergangenheit – ebenso wie das Schloss, in dem der Bundespräsident residiert.

Zu ihren Bundespräsidenten haben die Deutschen ja ohnehin ein eher indifferentes Verhältnis. Einer bleibt nur durch seine Wanderungen durch Deutschland in Erinnerung, ein anderer durch die Neubelebung des Wortes Ruck. Dass Roman Herzog auch drei ehemalige Terroristen begnadigte, weiß kaum noch jemand. Richard von Weizsäcker begnadigte ebenfalls drei ehemalige RAF-Mitglieder, Johannes Rau immerhin zwei. Wird der gegenwärtige Präsident nun als "Präsident Gnadenlos" ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingehen? Erinnert sei an einen Hamburger Juristen, der seine zweite Karriere auf seinen Ruf als "Richter Gnadenlos" gründete. Man mag dazu stehen wie man will, eines ist klar: Auf der Liste der Verlierer der vergangenen Woche hat sich das Wort Gnade den ersten Platz verdient.



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