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14. April 2018, 15:32 Uhr

Neue intellektuelle "Bewegung"

Endlich richtig wichtig

Eine Kolumne von

Schwierigkeiten mit Geflüchteten dürften die wenigsten der Künstler und Journalisten haben, die sich momentan nationalkonservativ gerieren. In der Suppenküche anstehen müssen sie auch selten. Was erzürnt sie so?

Fast monatlich scheint sich wieder ein deutscher Intellektueller zur neuen Rechten zu bekennen. Irgendein Historiker, Journalist, Regisseur oder Schriftsteller veröffentlicht einen Artikel, schreibt ein Buch, hält eine Rede und warnt das Volk vor - na? Richtig. Nicht vor der künstlichen Intelligenz, dem Insektensterben, dem Kohleabbau, der Vollverblödung durch die Dauernutzung von Social Media, sondern vor dem Verlust der deutschen Werte. Der deutschen Heimat. Des Deutschen.

Es sind Leute, die bisher angenehm von ihrer Arbeit und dem System von Filmförderung, Literaturpreisen, okay bezahlten Artikeln und Vorträgen gelebt haben, und dies auch noch mit allen Gliedmaßen, einer Wohnung, ohne Kriegserlebnisse und Bombenangriffe - was hat sie so wütend werden lassen?

Nach dem Ausschluss möglicher Ursachen (private Probleme mit den Nachbarn, Zugverspätungen, nur dreifach Grippeimpfung erhalten) bleiben zwei Gründe für das neu erwachte Interesse am Nationalen. Der erste ist, dass hier nicht Überzeugungen den Weg an die Öffentlichkeit suchen, sondern sich einige im vorauseilenden Gehorsam an einer angenommenen neuen Regierungsmehrheit schubbern.

Oder, dass die vornehmlich männlichen Menschen, meist in der zweiten Lebenshälfte befindlich, Opfer einer großen Kränkung sind. Wie fast alle künstlerisch oder intellektuell Schaffenden, hatten sie sich mehr von ihrem Leben versprochen.

Der große, der internationale Durchbruch hat sich nicht eingestellt. Der große, der internationale Durchbruch, der meistens Erfolg in Amerika meint, hat sich nicht eingestellt, weil sie aus einem schwachen Land stammen, aus einem Land der Schuld, wenn man den aktuellen Einfluss Deutschlands auf die populäre Weltkultur betrachtet.

Es wird kein Wunder mehr passieren

Das Gefühl, dass die eigene Leistung nicht gebührend gewürdigt wird, und die Einsicht, dass die Macht, die Welt zu verändern, überschaubar ist, führt zu einer Kränkung, die oft mit dem Begreifen des eigenen Verfalls einhergeht. Es wird kein Wunder mehr passieren.

Einer eigenen Logik folgend denken die gefühlt Zukurzgekommenen vielleicht, dass ein großdeutsches Reich Amerika nie gebraucht hätte. Es wäre Amerika geworden! Und sie wären nicht Männer, deren Körpergröße langsam zurückgeht, sondern Personen mit einer Reichweite wie Phillip Roth, Quentin Tarantino. Oder Susan Sonntag. Nun - die vielleicht nicht.

Ob die Intellektuellen die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung in der globalisierten Welt nicht verstehen,oder sie bewusst manipulativ simplifizieren, ist egal. Die wenigsten sind vermutlich von Schwierigkeiten mit Geflüchteten betroffen, sie haben keine Wohnungsnot, stehen nicht bei der Suppenküche an, sie haben nur so ein Gefühl, dass sie endlich etwas beeinflussen können.

Kaum einer der heutigen Werteretter hat sich, meines Wissens, früher dafür eingesetzt, dass Juden vor Angriffen und Übergriffen geschützt wurden. Keiner ist mir als Kämpfer für die Rechte und Freiheiten von Frauen und Homosexuellen bekannt. Als Pro-Quote- Verfechter, freiwillig für die Tafeln arbeitender, keiner.

Alle lebten äußerlich betrachtet behaglich, wenngleich mit sich. Damit muss man klarkommen. Sie lebten nicht in einer rot-grünen Diktatur, sondern in einem wohlhabenden, neoliberalen Land, das seiner Bevölkerung weitgehend die Einhaltung der Menschenrechte garantiert.

Das kann die Vermutung nahelegen, dass es den neuen Sprachrohren nicht um das Wohl des Landes, das Wohl der Einkommensarmen, den Schutz der Heimat geht, sondern schlicht darum, aus ihrem überschaubaren künstlerischen Randgruppendasein auszubrechen, um endlich von einer erträumten Mehrheit gehört zu werden.

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