Neuer Mousonturm-Intendant Angstfrei um die Welt

Matthias Pees wird zum 25. Jubiläum des Künstlerhauses Mousonturm neuer Intendant und Geschäftsführer der freien Produktionsstätte. Der 43-Jährige hat die richtige Mischung aus Erneuerungslust und Pragmatismus für eine Stadt wie Frankfurt am Main.

Tadeusz Paczula

Von Grete Götze


Matthias Pees strahlt eine kindliche Zuversicht aus. Er wolle als neuer Intendant des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt Eigenproduktionen stärken, Frankfurts unentdeckte Ecken erkunden, sich aber auch mit São Paulo, New York und Tokio vernetzen, erklärt er bei seiner ersten Vorstellung im Mousonturm.

Das "Tanzlabor 21" soll über das Jahr 2015 hinaus erhalten werden, neuer Partner für gemeinsame Projekte des Tanzhaus NRW sein. Damit das alles klappt, muss Pees noch schnell mit seiner brasilianischen Frau und seiner 13-jährigen Tochter den Umzug aus Wien, wo er drei Jahre leitender Dramaturg der Festwochen war, nach Frankfurt bewerkstelligen. Pees spricht Deutsch und Portugiesisch, denkt kommunal und international. Und er scheint sich nicht davor zu fürchten, so viel wie möglich auf einmal zu wollen.

Nah an den Künstlern, Sinn für Zahlen

Immerhin muss er für die erste Spielzeit unter seiner Intendanz keine großen Pläne mehr schmieden. Das Jubiläumsprogramm zum 25. Geburtstag der ehemaligen Seifenfabrik steht. Gestaltet haben es die Luxemburgerin Martine Dennewald (früher Salzburger Festspiele) und der vom Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaft kommende Marcus Droß. Sie hatten die künstlerische Leitung des Mousonturms vorübergehend übernommen; der Vorgänger, Niels Ewerbeck, hatte sich im Oktober 2012 nach nicht mal einem Jahr als Leiter des Hauses das Leben genommen.

Auf dem Programm stand bei Dennewald und Droß die bewährte Mischung aus Musik und Performance mit Künstlern wie dem Engländer Tim Etchells oder der New Yorker Truppe Nature Theatre of Oklahoma. Und viele fanden, das aus der Not geborene Leitungsteam aus diesen zwei jungen Dramaturgen plus einer Geschäftsführerin stehe einem Haus nicht schlecht zu Gesicht, das zusammen mit der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel und dem Berliner Hebbel am Ufer einer der wenigen Orte für freie Gruppen in Deutschland ist, an dem auch durch den Produktionsprozess Hierarchien in Frage gestellt werden.

Doch die Stadt entschied anders. Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) wollte kein provisorisch entstandenes Führungsteam, sondern jemanden mit einem beeindruckenden Lebenslauf, der nah an den Künstlern ist und gleichzeitig einen Sinn für Zahlen hat - schließlich hat das Kulturdezernat schon in diesem Jahr 9,2 Millionen Euro weniger zur Verfügung als 2012. Das ist zwar eine konservative Entscheidung. Doch gleichzeitig scheint Pees, der niemanden mitbringt, mit seiner unprätentiösen Art gut in das langjährige Team zu passen.

Volksbühne "mindestens so wichtig wie das Außenministerium"

Während seines Literatur- und Philosophiestudiums in Hamburg arbeitet Pees für Zeitungen und Rundfunkanstalten, faxt seine Texte durch das ganze Land. 1995, mit 25 Jahren, wird er Dramaturg an der Berliner Volksbühne unter dem Intendanten Frank Castorf. Sie sei zwar strukturell nichts anderes als ein deutsches Stadt- oder Staatstheater gewesen, "aber durch die polemische Positionierung des Hauses, mit den großen OST-Lettern auf dem Dach und den stark polarisierenden politischen Positionen auf der Bühne empfand ich uns in einer ziemlichen Sonderrolle, mindestens so wichtig wie das Außenministerium".

Pees lernt Christoph Schlingensief kennen, der nach Mazedonien fliegt, um 100 Kosovo-Flüchtlinge für seine Produktion "Berliner Republik" zu finden. Castorf sympathisiert mit den Serben. Und der junge Dramaturg ist begeistert von Heiner Müllers und Frank Castorfs Verfahren, aus dem Unspielbaren etwas Produktives zu schaffen. Seinen jugendlichen Eifer, das Theater neu und sinnvoller organisieren zu wollen, schmälert das nicht.

Mit Schlingensief in Manaus

Doch nach fünf Jahren an der Volksbühne braucht Pees eine Veränderung. Er wechselt an das Schauspiel Hannover, wird ein Jahr später Programmdramaturg der Ruhrfestspiele Recklinghausen, wieder ein Jahr später geht er für sechs Jahre als Geschäftsführer eines Büros für internationalen Kulturaustausch nach São Paulo. Sich neuen Herausforderungen zu stellen, Orte zu wechseln, ist für Pees normal. Über sein Lebensgefühl in São Paulo sagt er: "Dieser Ort, an dem so viel hergestellt und gehandelt wird, der pausenlos pulsiert, löst einen großen Optimismus aus."

Sechs Jahre lebt er mit seiner Frau, einer brasilianischen Tänzerin, und seiner Tochter in Brasilien, realisiert in Manaus mit Schlingensief die Oper "Der fliegende Holländer", kooperiert mit Constanza Macras, Gob Squad und vielen anderen freien Gruppen. Pees wagt sich von seiner Position als etablierter Dramaturg in ein Land, in dem es fast keine Theaterstrukturen gibt und jede Förderung hart erkämpft werden muss.

Vielleicht findet er auch deswegen Häuser mit einem schlanken Apparat wie den Mousonturm gut, in denen Künstler gleichzeitig Autonomie haben und die Möglichkeit, sich zu vernetzen. Dass der anscheinend angstfreie Pees bei aller Begeisterung für flexible Produktionsorte aber auch ein Pragmatiker ist, merkt man, wenn er versichert, freie Produktionsorte verstehe er "nicht als Alternative zum Stadttheater, sondern als parallele Struktur für die Ermöglichung von Kunst".

Diese Haltung ist eine gute Voraussetzung für eine Stadt, in der die wenigen lokalen Kulturmanager zusammenhalten, und ein guter Ausgangspunkt, um in den nächsten fünf Jahren dem Mousonturm eine eigene Handschrift zu verleihen.


Die Jubiläumsspielzeit zum 25-jährigen Bestehen des Mousonturms beginnt mit dem "Internationalen Sommerlabor", einem Projekt des Tanzlabor 21.
Mehr Informationen unter www.mousonturm.de, Tel. 069/40589520.



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