Das MoMA in Berlin Friede, Freude, Warteschlange

Trotz der Querelen um die Love-Parade muss Berlin keine Touristenflaute fürchten. Die MoMA-Ausstellung entwickelt sich zum wichtigsten Publikumsmagneten der Stadt. Vorteil: Die Kunstbesucher verwüsten im Gegensatz zu den Ravern nicht den Tiergarten, kommen aber trotzdem in Massen. Heute wurden wieder Rekorde gebrochen.

Von Christiane Wolters


Mittlerweile gehört sie schon fast zum Stadtbild: Die Warteschlange vor der Neuen Nationalgalerie
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Mittlerweile gehört sie schon fast zum Stadtbild: Die Warteschlange vor der Neuen Nationalgalerie

Berlin - Die Gesichter der zahlreichen Fußgänger, die über die Potsdamer Straße Richtung Neue Nationalgalerie strömen, werden immer länger. Zwar haben sich die meisten wohl darauf eingestellt, dass bei der MoMA-Ausstellung großer Andrang herrscht, aber der Anblick der Warteschlange, die sich Mittwoch Mittag mehrfach um das Gebäude windet, schockiert die Neuankömmlinge dann doch.

"Nee, Gabi, da stell' ich mich nicht an", entfährt es einem Mann, der sichtlich um Fassung ringt. Gabi sieht das offenbar anders: "Quatsch nicht. Dafür sind wir schließlich extra nach Berlin gefahren", sagt sie und steuert zielstrebig das Ende der Schlange an.

Viel Andrang für einen Wochentag

Genaugenommen gibt es zwei Schlangen. Denn zuerst müssen die Eintrittskarten am Ticketpavillon vor der Neuen Nationalgalerie gekauft werden. Das geht normalerweise schnell. Am Mittwoch ist allerdings auch diese erste Schlange ganz schön lang. "Wir haben ungefähr eine halbe Stunde gewartet", schätzt ein Ehepaar, das zwei der begehrten pinkfarbenen Karten in den Händen hält.

Auf geht es in die eigentliche Schlange am Einlass zur Neuen Nationalgalerie. Und die ist wirklich lang. "Für einen Wochentag haben wir heute verdammt viel Andrang", sagt Jürgen Lehmann vom Sicherheitsdienst. Die ersten Besucher hätten sich bereits um halb acht in der Früh angestellt - geöffnet ist die Ausstellung erst ab zehn Uhr. Beim Anblick der Warteschlange, die sich um die Neue Nationalgalerie windet, schätzt er, dass die Wartezeit am Nachmittag bei vier bis fünf Stunden liegen könnte. "Das sind Spitzenwerte, gerade für einen Wochentag."

Die Wartezeiten entstünden durch die Sicherheitsvorschriften, erklärt Adina Popescu vom Verein "Freunde der Nationalgalerie": "Es dürfen einfach nicht mehr als 1000 Personen zur gleichen Zeit rein." Im Schnitt kommen laut Popescu derzeit 5000 Menschen täglich. Bis jetzt hätten insgesamt knapp 280.000 Besucher die Ausstellung gesehen.

Nach dem Willen der Veranstalter sollen bis zum Ausstellungsende am 19. September 700.000 Besucher kommen. So viele sind nötig, um die Kosten von 8,5 Millionen Euro, die der gemeinnützige Verein "Freunde der Nationalgalerie" fast alleine trägt, wieder hereinzubekommen. Skeptiker hatten die Erwartungen als zu hoch gerügt. Mittlerweile sieht es jedoch fast so aus, als würde die angepeilte Besucherzahl sogar übertroffen. Bereits am Karfreitag, dem 43. Ausstellungstag, wurde der 250.000. Besucher begrüßt. Ursprünglich habe sie erwartet, die 200.000-Grenze erst am 48. Tag zu überschreiten, erklärte Projektleiterin Katharina von Chlebowski.

Fröhlich in der Warteschlange

Das MoMA in Berlin: Nicht mehr als 1000 Besucher zur gleichen Zeit
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Das MoMA in Berlin: Nicht mehr als 1000 Besucher zur gleichen Zeit

Und der Andrang scheint weiter ungebrochen. Die Leute nehmen es offenbar gelassen, dass sie selbst mitten in der Woche lange warten müssen. "Die meisten sind sehr diszipliniert", findet auch Sicherheitsmann Lehmann. Das liege vielleicht auch am guten Wetter, denn als es noch kälter war, seien die Wartenden insgesamt doch etwas ungeduldiger geworden.

Am Mittwoch genießen sie bei strahlendem Sonnenschein die kleinen Annehmlichkeiten, die die Wartezeit verkürzen: An verschiedenen Stellen werden Kaffee und Kuchen verkauft, ein Bretzelverkäufer wandert die Reihe entlang, Bratwürstchenduft liegt in der Luft.

An der einen Gebäudeseite unterhält ein Querflötist die Wartenden mit klassischer Musik, an der anderen Seite gibt es rockigere Töne: Gitarre, Bass und Gesang. Als die Glocke der gegenüberliegenden Matthäi-Kirche läutet, sagt der Sänger hämisch: "Das ist nur Neid, die hätten auch gerne mal so eine lange Schlange vor der Kirche." Die Wartenden lachen, sie sind dankbar für jede Abwechslung. Viele lesen, andere wechseln sich beim Anstehen ab. An manchen Tagen ist sogar eine Physiotherapeutin im Einsatz, um die Wartenden mit Dehn- und Lockerungsübungen bei der Stange zu halten.

Familie Hilbig aus Duisburg steht schon zwei Stunden an. Mittlerweile ist sie bis ins vordere Drittel der Warteschlange vorgedrungen. Noch gibt es kein Zeichen von Unmut bei den Eltern und den beiden Töchtern. "Wir haben uns von Anfang an auf so eine lange Wartezeit eingestellt. Das schöne Wetter macht es erträglicher", sagt die Mutter. Man habe schließlich die Osterferien nutzen wollen, um die berühmte Ausstellung zu besuchen. "Wer weiß, wann wir so etwas noch mal zu Gesicht bekommen."

Eleni Miltsiou aus Griechenland wird die Kunstwerke so bald sicher nicht sehen. Die 23-Jährige ist nur einige Tage in Berlin. "Ich habe einfach nicht so viel Zeit, um mich hier anzustellen", sagt sie. Stattdessen will sie sich das Pergamon Museum anschauen. "In Berlin gibt es ja auch noch andere schöne Dinge."

Keine Toiletten und zu wenig Mülleimer

Petra Dahlke ist hingegen fast am Ziel. Sie ist mit ihrem Frauenliteraturkreis eigens für einen Tag aus Braunschweig angereist, um die Ausstellung zu besichtigen. Auch sie waren schon vor zehn Uhr an Ort und Stelle. Bis mittags haben sich die sieben Frauen schließlich bis zur letzten Biegung der Warteschlange vorgearbeitet. Der Eingang ist von hier aus schon zu sehen. "Jetzt kann es nicht mehr lange dauern", sagt Dahlke.

Die Laune haben sich die Braunschweigerinnen durch die Warterei aber ohnehin nicht vermiesen lassen, stattdessen sind sie begeistert von der guten Stimmung unter den Wartenden. "Ich habe lange nicht mehr so viele Menschen auf einmal so friedlich und entspannt gesehen", sagt Dahlke. Allerdings könne es ruhig noch mehr Unterhaltung geben. "Ein bisschen mehr Action", kommt es von einer der Umstehenden. "Straßentheater wäre toll", schlägt Dahlke vor.

Aber es gibt auch ganz praktische Kritik. Zwar könne man Kaffee und etwas zu essen kaufen, aber dafür gebe es keine Toiletten und auch viel zu wenig Papierkörbe. "Ganz schön unpraktisch, wenn man hier ein paar Stunden steht."



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