Einwanderungsanalyse Migration als Erfolgsgeschichte

Die Willkommenskultur von 2015 prägte uns nachhaltiger, als wir glauben: Warum Integration nie einfach ist, aber Chancen birgt, beschreibt der Historiker Jan Plamper - er redet nichts schön, verbreitet aber trotzdem Optimismus.

Menschen verlassen Deutschland: nur im Nachhinein eine Erfolgsgeschichte
George Rinhart/ Getty Images

Menschen verlassen Deutschland: nur im Nachhinein eine Erfolgsgeschichte

Von Susan Neiman


  • Wolfgang Borr/ NDR/ DPA
    Susan Neiman, hier zu sehen in der Talksendung "Anne Will", studierte Philosophie an der Harvard Universität und an der Freien Universität Berlin; als Professorin lehrte sie in Yale und Tel Aviv. Im Jahr 2000 übernahm sie die Leitung des Einstein Forums in Berlin.

Wie wäre es mal mit einer guten Nachricht? Schöne Meldungen sind längst aus der Mode gekommen, nicht nur hierzulande. Auch international trauen sich die Wenigsten, auf Fortschritte hinzuweisen, seit die Rückschritte der liberalen, pluralistischen Gesellschaften - Brexit, Donald Trump, AfD - so offen zutage getreten sind.

Doch genau das wagt der deutsche Historiker Jan Plamper in seinem neuen Buch "Das neue Wir" - es hat mich tief beeindruckt. Plamper blickt auf ein spezifisches Gesellschaftsfeld, die Migration. Und behauptet dazu: Die deutsche Migrationsgeschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Wie bitte? War der Aufstieg der AfD nicht von vielen als Antwort auf die Willkommenskultur 2015 gelesen worden? Gewiss. Nichtsdestotrotz zeigt Plamper anhand vieler gutbelegter Studien, dass 19 Prozent der deutschen Bevölkerung noch Ende 2018 aktiv in der Flüchtlingshilfe engagiert waren.

Die Deutschen waren nie bodenständig

Der Hauptgrund für diese "größte Sozialbewegung der deutschen Geschichte" liegt auf der Hand: Erinnerungen an den Umgang mit Fremden aus der NS-Zeit wie auch an die Erfahrung der Vertriebenen in den ersten Nachkriegsjahren. Eine Mehrheit der Deutschen ist migrationsfreundlich. Nur schade, dass meist gerade die lautesten Stimmen der Medienlandschaft nicht mitkommen. Dabei ist nicht nur Thilo Sarrazin - dessen Thesen Plamper elegant und nachhaltig widerlegt - gemeint, sondern Autoren wie Jörg Baberowski, Rüdiger Safranski und andere.

Preisabfragezeitpunkt:
20.05.2019, 18:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Jan Plamper
Das neue Wir: Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
400
Preis:
EUR 20,00

Dabei will der Geschichtsprofessor Plamper, der in London, in den USA und in Russland lange Forschungsaufenthalte genoss, nicht polemisieren, sondern die deutsche Geschichte aus der Perspektive der Migration neu erzählen. Das Buch fängt mit der Geschichte der deutschen Auswanderer an. Denn, lehrt uns Plamper - so sehr sie es anders sehen wollen - waren die Deutschen nie bodenständig. Im Gegenteil, sie waren die aktivsten Auswanderer der zwei größten Einwanderungsländer, der USA und Russland, und dies bis zum Ersten Weltkrieg. Oft wurden sie politisch oder religiös verfolgt, öfter suchten sie wirtschaftliche Vorteile, und ihre Geschichte kann nur im Nachhinein als Erfolgsgeschichte gewertet werden.

Über Jahrzehnte waren ihre Aufnahmen von den Ängsten der Einheimischen begleitet. Schon Benjamin Franklin beschwerte sich über Deutsche, die sich nicht assimilieren wollten, andere machten sich Sorgen, die Deutschen würden große Parallelgesellschaften innerhalb Amerikas einrichten. Die Deutschen wurden von Schleppern betrogen, betrogen selbst und wurden von Einheimischen verfemt - ihnen wurden Kriminalität und Seuchen angedichtet.

In Russland, wo die Masseneinwanderung erst Ende des 18. Jahrhunderts begann, waren die Vorurteile ein wenig anders: Deutsche wurden als fleißig und ehrgeizig, aber gefühlsarm und bürokratisch gesehen. Auch wenn die Vorurteile über Einwanderer verschieden waren, mündeten beide auch immer wieder in Gewalt. Noch 1915 in Russland, 1918 in Amerika wurden Deutsche gelyncht - zwar im Zug des Ersten Weltkriegs, aber Jahrzehnte antideutscher Propaganda waren vorausgegangen.

Akteure und Betroffene

Erst nachdem Plamper diesen Aspekt deutscher Migrationsgeschichte aufgearbeitet hat, erzählt er, wie es verschiedenen Gruppen in Nachkriegsdeutschland erging. Die Integration von zwölf Millionen Vertriebenen ist für Plamper ein gelungenes Vorbild, das aktuell für Asylsuchende benutzt werden könnte. Gleichzeitig erinnert er daran, wie stark der Hass an die Neuen aus dem Osten war, wie groß die Angst der Bundesrepublik, dass die Integration die neue Nation sprengt.

Plamper gelingt es, schöne Nachrichten zu verbreiten, ohne etwas schönzureden. Ob es um Gastarbeiter, Ost und West, Asylsuchende, Russlanddeutsche oder Juden geht, zeigt er immer, wie schwer die Migration ist. Dies tut er nicht nur anhand sozialwissenschaftlicher Daten, sondern durch Geschichten von Einzelnen - von Viktor Petri, einer Russlanddeutschen, über Hassan Ali Djan, der aus Afghanistan geflüchtet ist, bis zu Plampers eigenem Vater, der als Baby mit der Familie aus dem heutigen Tschechien vertrieben wurde. Die Migranten sind eben stets beides, Akteure und Betroffene: Auch wenn sie über Vorurteile, Häme, Ausschluss und Gewalt erzählen, gehören sie zum Schluss zu den Deutschen, die die Geschichte von morgen schreiben werden.

Plamper selbst nennt sie Plusdeutsche: Menschen, die sich auf mehr als eine Identität und Muttersprache freuen könnten, wenn die Gesellschaft es zulässt. Im letzten Kapitel liefert er Denkvorschläge, wie daraus ein neue deutsche Identität entstehen kann. Seinen Vorschlag, Toleranz als Kernelement eines neuen "Wir" zu identifizieren, würde ich nicht mitgehen - der Begriff ist schon mit zu viel Negativem behaftet: Wir tolerieren ja nicht nur das, was wir nicht wollen, sondern vielmehr das, wogegen wir machtlos sind; denken Sie etwa an den Lärm aus der Nachbarwohnung, den Gestank in der U-Bahnstation, den eigenen Kopfschmerz.

Glücklicher finde ich seinen Vorschlag, an einer neuen Erinnerungskultur zu arbeiten, die nicht "eine ethnobiologische Form der Holocaust-Erinnerung in den Vordergrund stellt, sondern eine Form des Erinnerns, die das Genozidale als allgemeinmenschliche Möglichkeit voraussetzt". Die Möglichkeit, rassistische Gewalt zu verhindern, kann so aus der Erinnerung an die schamhafte Geschichte, die in Deutschland einzigartig ist, wachsen.

An einer neuen deutschen Identität müssen wir alle arbeiten. Plampers Buch ist so leicht zu lesen, dass man ihm die Arbeit nicht ansieht - eine Schreibart, die bei Wissenschaftlern so unüblich wie erfreulich ist. Er hat tatsächlich die Basis für ein neues Wir geliefert.



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