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12. Juli 2015, 13:13 Uhr

Private Handybilder

"Meine Mutter hatte Angst, dass ich irgendwo oben ohne stehe"

Ein Interview von

Viele von uns haben unzählige Fotos auf dem Handy gespeichert - und eines davon ist das wichtigste. Für "Eins aus tausend" spricht Anne Backhaus mit Menschen über ihr Lieblingsbild. Dieses Mal: eine junge Bardame auf der Reeperbahn.

SPIEGEL ONLINE: Frau Höltke, Ihr Lieblingsbild zeigt die Hamburger Reeperbahn?

Höltke: Ja, ich liebe diesen Ort. Das Foto habe ich morgens früh um sieben aufgenommen. Da war ich auf dem Weg nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie feiern?

Höltke: Ganz im Gegenteil. Ich bin seit Jahren in der Gastronomie und gehe selbst kaum mehr aus, weil ich die ganze Zeit arbeite. Bis auf Montag stehe ich eigentlich jeden Tag hinter dem Tresen verschiedener Bars. Das Bild ist zum Beispiel an einem Donnerstag entstanden, da bin ich Mittwochabend um 19.30 Uhr zur Schicht, und es wurde so voll, dass ich durchgearbeitet habe.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ziemlich anstrengend.

Höltke: Ach, das geht. Zum Glück brauche ich nicht besonders viel Schlaf. Ich liebe es außerdem, im Hellen zur Arbeit zu gehen und Feierabend zu haben, wenn es gerade wieder hell wird.

SPIEGEL ONLINE: Daher also das Lieblingsbild?

Höltke: Ja, ich möchte mir manchmal gar keine anderen Arbeitszeiten vorstellen. Außerdem war der Moment toll, in dem ich das Foto schoss. Die Sonne kam raus, es war schon etwas warm und hat nicht mal gestunken, wie sonst oft nach den Nächten, in denen alle ausgehen. Neben mir standen noch dazu drei Freunde, die mich von der Schicht abgeholt haben. Ein perfekter Morgen sozusagen.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann sind Sie schon in St. Pauli unterwegs?

Höltke: Einige Jahre, aber ich wohne hier erst seit April dieses Jahres. Ursprünglich komme ich aus dem Wendland und wuchs in einem Ort mit 300 Einwohnern auf, wo jeder jeden kennt.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ja fast wie auf dem Kiez.

Höltke: Das stimmt, aber als junger Mensch kann man auf dem Land wirklich nichts machen. Die Mentalität ist dort auch ganz anders, es wird viel gelästert. Auf dem Kiez interessiert es keinen, wie man aussieht oder was man beruflich macht. Das Miteinander hier ist am schönsten, alle sind wie eine große Familie - vom Müllmann bis zu den Kollegen. Das schafft eine tolle Atmosphäre.

SPIEGEL ONLINE: Ab und an geht es aber ja durchaus gewalttätig zu.

Höltke: Klar, das kommt vor. Allerdings weitaus seltener als oft dargestellt. Mir ist noch nie etwas passiert. Meine Mutter hatte anfangs sogar Angst, dass ich am Ende irgendwo oben ohne stehe. "Ich will nicht durch einen Puff laufen, um dich zu besuchen", hat sie mir vor meinem Umzug gesagt. Das liegt an den Filmen im Fernsehen, die geben ein anderes Bild von der Reeperbahn wieder als das, was man hier täglich erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, an einem anderen Ort zu leben?

Höltke: Ich bin ja noch sehr jung und werde vielleicht nicht für immer hier wohnen. Derzeit mag ich mir aber nichts anderes vorstellen. Schauen Sie mal, die Reeperbahn sieht auf dem Bild aus wie ein kleiner Garten. Mit all den Bäumen erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass es eigentlich der Kiez ist. Das Foto zeigt mein Zuhause, und da fühle ich mich am wohlsten.


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