Bowie, Prince, Cohen, Ali War 2016 ein verfluchtes Jahr? Nicht wirklich

War 2016 ein "verfluchtes Jahr"? Nein, für die gehäuft erscheinenden Todesfälle von Ausnahmekünstlern gibt es schlichte Gründe. Ein Erklärungsversuch.
Was, der?! Wie, schon?!

Was, der?! Wie, schon?!

Foto: SPIEGEL ONLINE

Eindrücke mögen tief sein, verlässliche Fakten sind sie nicht. Nun hat das ausgehende Jahr verdächtig den Eindruck gemacht, es besonders auf Berühmtheiten abgesehen zu haben. Bisweilen ist nur halb im Scherz von einem Fluch die Rede, bisweilen von einer Seuche. Und oft wird 2016 direkt angesprochen, als sei das Jahr eine handelnde Person mit bösen Absichten. Als wäre der Kalender schuld.

Gestorben sind David Bowie, Prince, Leonard Cohen, Alan Rickman, Gene Wilder, George Michael, Zaha Hadid, Muhammed Ali, Keith Emerson, Bud Spencer, Fidel Castro, Shimon Perez - um nur einige zu nennen und auf internationaler Bühne zu bleiben. Allein in Deutschland verstarben unter anderem Roger Willemsen, Götz George, Miriam Pielhau, Manfred Krug, Roger Cicero, Peter Lustig, Achim Mentzel und mit Guido Westerwelle, Walter Scheel sowie Hans-Dietrich Genscher die halbe FDP. Auf den letzten Metern hat es noch Carrie "Prinzessin Leia" Fisher erwischt, einen Tag vor ihrer Mutter. Herrjeh.

Der Eindruck eines "verfluchten Jahres" ist also nicht ganz von der Hand zu weisen. Zwar sind 2016 nicht überdurchschnittlich viele Menschen verstorben - aber besonders viele überdurchschnittlich bekannte Menschen. Nick Serpell, bei der BBC für Nachrufe zuständig, nannte die Häufung "phänomenal"  . Serpell muss es wissen, er verfügt derzeit über rund 1.500 vorgeschriebene Nachrufe und hat die Statistiken im Blick. Demnach hat sich die Zahl der Nachrufe auf Prominente seit 2012 beinahe vervierfacht, mit deutlicher Steigerung in 2016.

Als Ressortleiter für letzte Dinge wird Serpell ein professionelles Interesse daran haben, möglichst viele Nachrufe im Programm unterzubringen. Er hat aber auch schon früh eine interessante Erklärung für den fatalen Eindruck genannt, es erwische vor allem "unsere" Lieblinge: "Leute, die in den Sechzigerjahren berühmt wurden und jetzt um die 70 sind, beginnen zu sterben."

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Die Toten des Jahres: Nachrufe 2016

Foto: RALPH GATTI/ AFP

Tatsächlich sind es die zwischen 1946 und 1964 geborenen Babyboomer, die einen Großteil der Bevölkerungen und damit auch der Prominenten in der westlichen Welt stellen, denen seit ein paar Jahren ein natürlicher Tod ins Haus steht. Es ist also nicht zu erwarten, dass die kommenden Jahre uns weniger Hiobsbotschaften bringen werden.

Drogen fordern ihren Tribut

Zumal viele Berühmtheiten, gerade aus dem Pool der Unterhaltungskultur, selten auf einer gesunden Diät aus Karotten und grünen Smoothies leben. Exzessiver Konsum von Tabak, Alkohol und härteren Drogen gehörte in gewissen Kreisen zum Konzept und fordert naturgemäß auch dann noch späten Tribut, wenn der entsprechende Lebenswandel sich längst geändert hat.

Es sind also die Babyboomer und deren Kinder, die um verstorbene Babyboomer trauern. Während meine Großmutter sich an der unverwüstlichen Gesundheit einer Olivia de Havilland erfreut oder das Ableben von Zsa Zsa Gabor bedauert, bleiben meiner Cousine noch ein paar Jahre, bis sie um Gestalten wie Justin Bieber oder Bianca Heinicke wird Tränen vergießen müssen.

Apropos Gestalten. Hinzukommt, dass sich das Konzept der "Berühmtheit" seit der Hochzeit von Pop und Massenkultur im Wandel befindet - und demokratisiert hat. Erst das Kino der Zwanzigerjahre hat einige wenige "Stars" hervorgebracht, Radio und Fernsehen haben dieses Phänomen sukzessive verstärkt. Das Internet endlich hat es förmlich explodieren lassen. Seit etwa zehn Jahren hat jede Nischengemeinde ihre Nischenstars, Wrestler oder Pornodarstellerinnen haben eine weltweite Gefolgschaft - und im Falle ihres Ablebens, wie die Wrestlerin und Pornodarstellerin Chyna, eine weltweite Trauergemeinschaft.

Die schlechte Nachricht kommt immer überraschend

Leute, über die früher in der Zeitung höchstens unter "Vermischtes" berichtet wurde, stehen heute permanent unter der Beobachtung "sozialer Medien". Diese Beobachtung erstreckt sich allerdings (noch) nicht auf die Krankenakte eines Greises wie Leonard Cohen oder den Medikamentenverbrauch eines Prince - weshalb die schlechte Nachricht in der Regel immer überraschend kommt. Dann heißt es: "Was, der?" und "Wie, schon?" Schockierend!

Das Ergebnis ist ein andauernder Brummton auch des Sterbens, wie er dieses Jahr erstmals richtig hörbar wurde. Es hörte ja gar nicht mehr auf. Tamme Hanken kannte ich nicht, aber mit Bud Spencer bin ich aufgewachsen. Wolfgang Rademann ging mich nichts an, aber Umberto Eco ging mir nahe. So vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Mensch stirbt, den irgendeine spezielle "Community" aus irgendwelchen Gründen ins Herz geschlossen hat.

Es sind diese Netzwerke, in denen man sich gegebenenfalls auch gegenseitig seines Kummers versichert. Je mehr der Verstorbene als wichtiger Teil einer bestimmten Kultur wahrgenommen wird, desto heftiger und aufrichtiger äußert sich die Trauer. Vertreter dieser Kultur haben, wie die Kultur selbst, gefälligst unsterblich zu sein. Dann ist es, als wäre ein Mitglied der erweiterten Familie gestorben, dann trauert man immer auch ein wenig um sich selbst als Hinterbliebenen - und dies umso mehr, als es mit Facebook oder Twitter noch nie so einfach war, sich selbst als "betroffen" zu markieren.

Ein Tod kann in diesem Fall eine persönliche Kränkung sein. Wie auch der nüchternde Hinweis auf einen statistischen Ausschlag nach oben kränken mag. Es darf dann angeblich nicht mit rechten Dingen zugehen. Und tut es doch.

Zumal unsere Grafik zu Todeseilmeldungen aus den Bereichen Kultur und Unterhaltung bei der Nachrichtenagentur dpa zeigt, dass es eine signifikante Häufung an prominenten Todesfällen nur zu Beginn und am Ende von 2016 gegeben hat - es sind also keineswegs alle 366 Tage mörderisch gewesen.

Am Anfang eines Jahres stellt man sich die Frage, was es wohl bringen mag - und am Ende die Frage, was es gebracht hat. Wenn sich ausgerechnet in den sensiblen Phasen des Vorfühlens und Resümierens die Trauerfälle häufen, macht am Ende das ganze Jahr einen schlechten Eindruck. Die Wahrheit hinter den gefühlten Ausschlägen ist: Der Tod ist ein ziemlich konstanter Begleiter.

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