Unterwäsche von David Lynch Die blassen Blumen des Bösen

Er stand für düstere Filme, in denen Realität und Traum miteinander verschmelzen. Dann fotografierte David Lynch graue Fabriken, spielte trüben Blues und vertrieb schwarzen Kaffee. Und nun entwirft er Leggings mit Blumenmuster.

Live The Process

Hamburg - Ein Mann, dessen Kopf zu Radiergummis verarbeitet wird. Ein Krüppel, der als monströse Kirmesattraktion umherläuft. Mit den Filmen "Eraserhead" und "Elephant Man" hat David Lynch bereits in den Siebzigerjahren und damit ziemlich zu Beginn seiner Karriere klargemacht, dass er für die klassische Hollywood-Romantik-Lovestory nicht zu haben ist.

Seinen Stil setzte er in den nächsten Jahrzehnten fort. Der Kino-Surrealist Lynch steht für obskure, düstere, oft auch sexuell aufgeladene Filme, in denen schauerliche Dinge Einzug halten, in denen Realität und Traum, Zeit und Raum ineinander verschwimmen. "Blue Velvet" (1986), "Lost Highway" (1997) und "Mulholland Drive" (2001) sind solche verstörenden Bilderreigen, "Twin Peaks" (1990-1991) eine kultisch verehrte und überaus einflussreiche TV-Serie. Und so dirigierte sich Lynch in die obere Liga weltweit angesehener Regisseure.

Bis er dann erst einmal aufhörte, Kinofilme zu drehen und sich der Musik zuwandte, Fotobücher veröffentlichte und seinen Namen für Kaffee hergab. Die faszinierend-verstörenden Blues-Lieder seines Albums "The Big Dream", die Fabrikfotografien und auch, nun ja, der Kaffee - sie alle sind immerhin sehr dunkel.

Verlorene Jungfräulichkeit?

Und nun zaubert der 68-Jährige Blumiges an die Beine und Oberkörper von Frauen: Lynch hat Shorts, Leggings und Tops entworfen, die er mit der Firma "Live The Process" verkauft. Ein Teil der Einnahmen, eine Leggings kostet 170 Dollar, soll gespendet werden.

Die Kleidungsstücke sehen auf eine Art auch schauerlich aus, allerdings eher auf langweilige Art und Weise, in etwa so, als gehörten sie auf das Laufband eines Fitnessclubs. Als hätte die Trägerin ihren floralen Keuschheitslook gerade auf Seite 1598 eines Versandhauskatalogs aus den Neunzigerjahren gefunden oder in der Damenkollektion eines Kaffeerösters.

Verstörend - dieses Attribut kann man dem Design der Kleidungsstücke bestenfalls zusprechen, weil die Blumenprints auch seltsam ausgewaschen aussehen. Eine textile Reverenz an verlorene Jungfräulichkeit, verlorene Unschuld? Eine Stoff gewordene Negierung des Lebendigen, vergleichbar einer Schwarz-Weiß-Fotografie eines Sonnenblumenfeldes oder eines Rosenbeetes? Wer weiß.

Lynch jedenfalls ist nicht einmal allein für das Design verantwortlich - mitkreiert haben das Model Alyssa Miller und der Künstler Jason Woodside, wie das Popkulturmagazin "Spex" berichtet. Die Kollektion ist dennoch allein nach ihm benannt. In einem Interview mit dem "Musikexpress" hat Lynch im vergangenen Jahr übrigens auf die Frage, ob er sich manchmal für etwas schäme, das er gemacht habe, geantwortet: "Sie würden das nie von mir hören, wenn es so wäre."

kha/tdo



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
niska 24.07.2014
1.
Zitat von sysopLive The ProcessEr stand für düstere Filme, in denen Realität und Traum miteinander verschmelzen. Dann fotografierte David Lynch graue Fabriken, spielte trüben Blues und vertrieb schwarzen Kaffee. Und nun entwirft er Leggings mit Blumenmuster. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/david-lynch-regisseur-entwirft-leggings-a-982670.html
Könnte exakt so in Hornes Kaufhaus ausliegen. Quasi die Laura Palmer Edition, was die Spenden für Missbrauchsopfer ja noch bestärken... Die interessantere Nachricht zu Lynch wäre heuer aber mit Sicherheit, dass nun endlich ab übermorgen Twin Peaks als Komplettbox auf Blue Ray in HD-Qualität im Laden steht.
suppenkoch 24.07.2014
2. Elephant Man 70er Jahre?
Lynch hat in den 1970er Jahren nur einen Film gedreht, der für Aufregung gesorgt hat: Ereaserhead. Die Dreharbeiten für "Elephant Man" haben zwar schon 1979 angefangen (und liefen 1980 noch), der Film kam aber erst im Oktober 1980 in die Kinos. Daher kann man ihn nicht in die 70er Jahre verorten.
sixtymirror 24.07.2014
3. Lynch?
Zu Lynch habe ich ein widersprüchliches Verhältnis. Ich habe früher sehr viele Filme im Kino gesehen. Als ich jedoch 1984 »Eraserhead« gesehen hatte, bin ich seitdem praktisch nicht mehr ins Kino gegangen. Ich dachte, »was sollen all diese Filme, die gemacht werden, wenn es auch so einen völlig anderen Film geben kann, der die ganze Filmindustrie in Frage stellt?« Nun, ich habe dann doch wieder viele Filme (im Fernsehen) gesehen oder auch gekauft (nur höchstens 20 Stück). Als »Twin Peaks« gesendet wurde, wurde letztlich meine Stimmung in den Keller gedrückt. Das hat Lynch wie eine Publikumsbestrafung inszeniert: »Der Regisseur als Peiniger der Zuschauer« (So wie Geißendörfer mit »Lindenstraße«). Aber immer noch besser, als wenn diese Sadisten Kriminelle werden würden (oder Diktatoren). Aber ich will nicht ungerecht sein; Lynch hat schon bahnbrechende Dinge geschaffen (zB. »Der Wüstenplanet«, wirtschaftlich ein Flop). Und das Album »Big Dream« ist ohne Beispiel. Obwohl schon dilettantisch, eine geniale Verbindung der Blueswurzeln und der morbiden Lynch-Welt. Eine Neugeburt des Blues.
sixtymirror 24.07.2014
4. Lynchmode? Kein Problem.
Wenn man die Bilder der Lynch-Mode in Photoshop lädt und die Farben kontert (negativ stellt) sieht alles so düster aus, wie man es von David Lynch erwartet.
Ballonmütze 24.07.2014
5. Geldgeber?
Der Autor macht den klassischen JournalistenFehler, zu glauben dass es in Lynchs Hand liegt, einen weiteren Film zu machen. Schon 'Mulholland Drive' war ein Kampf, 'Inside Empire' ist schon zum großen Teil mit einfachen Videokameras gedreht worden. Niemand will Lynch noch Filme finanzieren. Was sollte er auch heute machen? Superheldenfilme wie soviele US Regisseure die mal gutes Kino gemacht haben? Liebeskomödien mit TV Stars, wie der Rest der US Indiefilmer? Ein Regisseur kann ohne Produzenten mit Geld, keinen Film drehen. Ein Schauspieler kann ohne gute Angebote, keine guten Filme drehen. Etc Etc. Es wäre schön wenn man da mal drüber nachdenkt. Lynch braucht Geld zum Leben, dann verkauft er eben Leggins und Kaffee. So what?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.