Debatte Ein Herz für Saddam

Noch nie zuvor konnte ein entmachteter Diktator mit so viel Mitgefühl rechnen. Was sind schon die Leiden der Getöteten und Gefolterten gegen die Demütigung, bei einer Speichelprobe gefilmt zu werden?

Von Henryk M. Broder


Diktator Hussein nach seiner Festnahme: Als hätte man Mutter Teresa beim Schwarzfahren erwischt
DDP

Diktator Hussein nach seiner Festnahme: Als hätte man Mutter Teresa beim Schwarzfahren erwischt

Eben war die große ZDF-Gala "Ein Herz für Kinder" mit Thomas Gottschalk als Talkmaster und vielen Prominenten als Spendensammler vorbei, da begannen schon die Vorbereitungen für die nächste Super-Gala mit noch mehr und noch prominenteren Teilnehmern: "Ein Herz für Saddam".

Kaum hatte der entmachtete irakische Diktator nach seiner Festnahme geduscht und die Kleider gewechselt, meldeten sich die ersten Promis zu Wort, um zu sagen, was mit Saddam Hussein auf keinen Fall passieren sollte. Bundesaußenminister Fischer erklärte: "Unsere Haltung zur Todesstrafe ist eine grundsätzliche. Wir lehnen sie ab." Fischer war auch unter den Ersten, die den Amerikanern zu ihrem Erfolg gratuliert hatten. Er tat dies freilich ohne jeden Ausdruck von Freude im Gesicht und in der Stimme, wie ein Mann, der einem unbeliebten Nachbarn zu einem Hauptgewinn im Lotto gratuliert.

Auch die "Beauftragte für Menschenrechte" der Bundesregierung, Claudia Roth, die man zum letzten Mal in einem Krisengebiet gesehen hatte, als sie die Bayreuther Festspiele besuchte, sprach sich entschieden gegen die Todesstrafe und für ein "faires, offenes und transparentes" Verfahren gegen Saddam aus. Die Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte im Bundestag, Christa Nickels, äußerte sich im selben Sinne: "Die Todesstrafe ist mit den Menschenrechten nicht vereinbar."

Bundeskanzler Schröder: Als würde es sich um einen Familienvater handeln, der im Suff seine Familie schikaniert hat
REUTERS

Bundeskanzler Schröder: Als würde es sich um einen Familienvater handeln, der im Suff seine Familie schikaniert hat

Aber es waren nicht nur deutsche Gutmenschen, die sich um das Leben und das Wohlbefinden des entmachteten irakischen Despoten sorgten. Uno-Generalsekretär Kofi Annan verlautbarte, die Vereinten Nationen seien gegen die Todesstrafe und verhängten sie an keinem ihrer Gerichte. Aus dem Vatikan meldete sich Kardinal Renato Martino zu Wort. Nachdem er Bilder "dieses zerstörten Mannes" gesehen habe, bekannte der hohe Geistliche, empfinde er Mitleid für den ehemaligen Diktator, der in amerikanischer Gefangenschaft "wie eine Kuh behandelt" worden sei.

Die Sprecherin von amnesty international, Nicole Choueiry, erinnerte an Saddams Opfer, wenn auch in einem paradoxen Zusammenhang: "Ich glaube nicht, dass die Verhängung der Todesstrafe die Toten wieder lebendig machen würde. Und ich glaube nicht, dass diejenigen, die sie verhängen würden, sich von Saddam Hussein unterscheiden würden." Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson, Nachfolger des ermordeten Olof Palme, nach dessen Mördern immer noch intensiv gefahndet wird, machte dagegen einen praktischen Vorschlag: Saddam könnte nach seiner Verurteilung durch ein internationales Gericht die Haftstrafe in Schweden verbüßen - vermutlich im halboffenen Strafvollzug, gemeinsam mit schwer erziehbaren Jugendlichen, die bei Segeltörns und Bergsteigen resozialisiert werden.

Es war eine absurde Vorstellung, die schon wenige Stunden nach der Festnahme Saddams begann. Ulrich Wickert stellte in einem ARD-Spezial die Frage, "ob diese Bilder die Würde des Menschen verletzen", um sie dann gewunden zu verneinen. Marietta Slomka klagte etwas später in "heute" über die "erniedrigende Art der Vorführung", die Saddam zuteil wurde. In der "Kulturzeit" auf 3sat philosophierte der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter über die Macht der Bilder, die dazu führte, dass viele Zuschauer plötzlich Mitleid mit Saddam fühlten.

Mit jeder Stellungnahme verschwand der brutale Massenmörder immer weiter in der Ferne, während der gequälte Mensch immer näher heran rückte, einer, der zuletzt wie eine Ratte in einem Loch leben musste, der erniedrigt und gedemütigt wurde und für den dieselbe Unschuldsvermutung gelten sollte, wie für jeden Ladendieb, dem ein Verfahren droht. Man hätte meinen können, Mutter Teresa wäre beim Schwarzfahren erwischt worden und müsste nun mit einem Schauprozess rechnen, dessen Ausgang in keinem Verhältnis zu Schwere ihrer Tat stehen würde.

Nun gilt in Deutschland ja nicht das Prinzip der Rache, sondern der Resozialisierung, weswegen sogar Egon Krenz, wegen Totschlags an der innerdeutschen Grenze zu sechseinhalb Jahren verurteilt, nach nur vier Jahren aus der Haft entlassen wurde, die er zum größten Teil als Freigänger hatte verbringen dürfen. Das Gericht sah in seinem Fall eine "günstige Sozialprognose" als gegeben an, das heißt, die Gefahr, dass er jemals wieder die Gelegenheit haben würde, einen Schießbefehl zu verordnen, sei so gering, dass sie vernachlässigt werden könnte.

Hingerichteter Diktator Nikola Ceausescu (1989): Kurzer Prozess mit dem "Conducatore"
AP

Hingerichteter Diktator Nikola Ceausescu (1989): Kurzer Prozess mit dem "Conducatore"

Mit der gleichen Logik könnte man auch Saddam ein paar Jahre hinter schwedische Gardinen schicken und ihn, sobald sich die Lage im Irak stabilisiert hat, wieder freilassen. Er müsste, ebenso wie Krenz, nicht einmal bereuen, was er angestellt hat. Der sagte bei seiner vorzeitigen Entlassung: "Ich habe mich nie als Totschläger gefühlt, sondern als Verantwortlicher in einem souveränen Staat." Nun war Krenz, allen Bemühungen der DDR zum Trotz, Weltniveau zu erreichen, ein kleines Licht, doch das ist ein Satz, den auch Saddam seinen Richtern noch vor der Urteilsverkündung zurufen könnte.

Es gibt kein Argument für die Todesstrafe an Massenmördern, die als Verantwortliche in einem souveränen Staat gewirkt haben - außer einem: Dead men never come back. Deswegen hat die zivilisierte Welt beide Augen zugedrückt und erleichtert aufgeatmet, als Nicola Ceausescu vor genau 14 Jahren an die Wand gestellt und erschossen wurde. Aber da waren es Rumänen, die mit ihrem "Conducatore" kurzen Prozess machten, und außerdem war Claudia Roth noch nicht Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung.

Saddam Hussein ist indes noch nicht verurteilt, nicht einmal angeklagt, und schon wird darüber beraten, wie man ihm "the ultimate punishment", von der Bush gesprochen hat, ersparen könnte. Die spanische Außenministerin fordert eine "gemeinsame EU-Haltung" gegen eine Todesstrafe für den Ex-Diktator, nur ein paar Tage, nachdem sich die EU nicht auf eine gemeinsame Haltung für eine europäische Verfassung einigen konnte. Der deutsche Kanzler sagte der "Bild am Sonntag", auch er sei ein "Gegner der Todesstrafe, das ist eine prinzipielle Position". Hätte Schröder einen solchen Satz nicht ein paar Wochen eher sagen können, bei seinem Besuch in China, wo im Jahre 2002 mehr als 1000 Menschen hingerichtet wurden, von denen die meisten, verglichen mit Saddam, kleine Gauner waren? Warum kommt Schröder seine prinzipielle (und berechtigte) Abneigung gegen die Todesstrafe erst in den Sinn, wenn es um einen "Diktator wie Saddam Hussein" geht.

DDR-Funktionär Krenz (1999): "Günstige Sozialprognose"
AP

DDR-Funktionär Krenz (1999): "Günstige Sozialprognose"

Das mag zum einen mit der emotionalen Struktur einer Gesellschaft zusammen hängen, in der die Abschiedstournee von Howard Carpendale mehr Trauer und Bestürzung auslöst, als die Nachricht von den Massengräbern, die inzwischen im Irak entdeckt wurden. Zum anderen hat es zu tun mit der geschäftsüblichen Heuchelei, die Wähler und Gewählte miteinander verbindet. Die Regierung geniert sich nicht, zuerst "Ohne uns!" zu rufen, um hinterher, wenn es um die Vergabe von Aufträgen geht, "Wir wollen dabei sein!" zu schreien, während die friedensbewegten Massen unter der Parole "Kein Blut für Öl" auf die Straße gehen, um am Ende der Party ein wenig Blutvergießen gut zu heißen - wenn es die Richtigen erwischt: 26 Prozent der Deutschen halten die Terroranschläge im Irak für "legitime Akte des Widerstands".

Wo der eigene moralische Anspruch dermaßen relativiert wird, da ist auch ein "Diktator wie Saddam Hussein" nur ein relativer Schurke. Während Exiliraker wie der Schriftsteller Hussain Al-Mozany von einer "Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes" sprechen, die eine "aktive, multifunktionale Mordmaschinerie" im Irak hinterlassen hat, spricht der Kanzler nur von einem Regenten "der mit anderen in übelster Weise umgegangen ist", als würde es sich um einen Familienvater handeln, der im Suff seine Familie schikaniert hat.

Und während die Iraker ihre Toten ausgraben, um sich von ihnen zu verabschieden, gilt das Mitgefühl der Guten einem Massenmörder, der nicht mehr morden darf. Was sind schon die Leiden der Getöteten und Gefolterten gegen die Demütigung Saddams, der eine Speichelprobe abgeben musste und dabei gefilmt wurde?

Schon angesichts der Bilder von US-Soldaten, die in Saddams Palästen lümmelten und seine vergoldeten Badezimmer benutzten, empörten sich ein paar besonders sensible Kulturkritiker über einen "Einbruch in Saddams Intimsphäre". Nun ist es die Möglichkeit, dass der Mann mit seinem Leben für seine Untaten büßen könnte, die sie in präventive Erregung versetzt. Seltsam an der Was-tun-mit-Saddam-Diskussion ist aber vor allem, dass ein Aspekt überhaupt nicht vorkommt: Könnte es nicht sein, dass der Tod für Saddam eine viel zu milde Strafe, dass Lebenslänglich ohne Aussicht auf Entlassung viel angemessener wäre?

Allerdings müsste eine solche Strafe mit flankierenden Maßnahmen begleitet werden. Es reicht nicht, Saddam einfach einzusperren und den Schlüssel zu seiner Zelle dort ins Meer zu werfen, wo es am tiefsten ist. Richtig wäre es, ihm jeden Tag ein paar Stunden Videos vorzuspielen, Aufnahmen von Claudia Roth beim Parteitag der Grünen, unterbrochen von Video-Clips mit Andre Rieu und Jeanette Biedermann.

Aber nein, das geht nicht. Eine Strafe muss hart, aber sie darf nicht unnötig grausam sein.



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