Debatte Sind Patrioten Strauchdiebe?

Darf man gern Deutscher sein? Darf man die Eifel interessanter finden als die Seychellen? Ja, findet Matthias Matussek. In einer Entgegnung auf Henryk M. Broder plädiert der SPIEGEL-Autor für patriotische Lockerungsübungen.

Mein Buch "Wir Deutschen" ist kein Pamphlet. Es besteht aus Reportagereisen, aus Essays, aus vielen Begegnungen, mit Harald Schmidt etwa oder mit Arbeitslosen, Malern, jugendlichen Türken. Es ist ein persönliches Buch. Es enthält Kindheitserinnerungen und völlig fiktive Szenen. Es ist eine Suche nach Deutschland, und es widerlegt zumindest ein Klischee, nämlich das, dass alle Deutschen Ordnungsfanatiker sind. Es widerlegt es durch sich selber, denn es ist ein sehr unordentliches Buch.

Ja, es plädiert für einen modernen Patriotismus. Es ist gedacht als eine Art Lockerungsübung, besonders für jene, die einst mit der Parole "Nie wieder Deutschland" auf die Straße gegangen sind. Wie notwendig diese Lockerungsübung ist, zeigen einige der Reaktionen in den paar Tagen, seit es auf dem Markt ist, und besonders die von Henryk Broder auf diesen Seiten.

Broder hält Patriotismus für einen überlebtes, ein gefährliches, ja, für ein kriminelles Gefühl. Er zitiert Bob Dylan, der Patriotismus für die "letzte Zuflucht von Strauchdieben hält".

Dylan borgte sich diesen Satz von einem großen englischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts, dem Verfasser des berühmten "Dictionary of the English language", Samuel Johnson. Ein berühmter Satz, der in einer Polemik fiel. Der gleiche Johnson aber hat mit Wärme den wahren Patrioten als denjenigen beschrieben, dessen "große Leidenschaft die Liebe zu seinem Land ist".

Als weiteren Kronzeugen für seine Verachtung der Patrioten zitiert Broder Schopenhauer, der das "ultimative Wort" in dieser Angelegenheit gesprochen habe. "Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein." Nun, man sollte die Sprüche großer Denker nie "ultimativ" nennen, nie sollten sie einem das eigene Denken abnehmen, besonders Schopenhauer wäre dagegen.

Wirrkopf Schopenhauer

Auch Schopenhauer ist nicht immer der klarste Kopf in seinen Aphorismen. Weil er zum Beispiel schlechte Erfahrungen auf dem Gebiet der Liebe gemacht hat, nannte er die Frauen dumm und breithüftig und derb, das "unästhetische Geschlecht".

Auch mit chauvinistischen Dummköpfen hatte Schopenhauer im Gefolge der 48er Revolution zu tun, so dass er auf die Nationalen nicht besonders gut zu sprechen war. Ergo sein reichlich snobistisches Wort von den erbärmlichen Tröpfen, die nichts anderes haben, worauf sie stolz sein können.

Ich übrigens habe solche Menschen kennen gelernt, die kaum etwas haben außer dem Stolz auf die Nation. Ich habe sie in Harlem oder East New York kennen gelernt: Alte, Kaputtgeschuftete, die tatsächlich kaum etwas hatten, und die doch sagten: "I am proud to be an American." Und ich habe sie an der Coopacabana getroffen, die Botenjungen, die Straßenkinder, die fast verrückt wurden vor Freude, als Brasilien Weltmeister geworden war, und plötzlich nicht mehr bedürftig waren, sondern stolze, glückliche Brasileiros.

Patriotismus. Vaterlandsliebe. Der "Deutschland-Hasser und Deutschland-Lieber" Kurt Tucholsky beschreibt dieses Gefühl in einem Essay so: "Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames - und für jeden von uns ist es anders... nein, wer gar nichts andres spürt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See - auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt ... es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land."

Er schrieb das Ende der zwanziger Jahre, in den Krisen und Zerrissenheiten und ideologischen Barrikadenkämpfen der Zeit. Er war einer, der den Patriotismus für sich reklamierte, weil er ihn nicht den Rechten überlassen wollte, die ihn missbrauchten, um das Land zu zerstören.

Politiker müssen Patrioten sein

Gehen wir an die Wortwurzel: Patriot ist der, dem es um das Beste seines Vaterlandes, der patria, zu tun ist. Er kümmert und sorgt sich um das Wohl der Gemeinschaft und identifiziert sich mit ihm. Nichts Schlechtes darin, möchte man meinen, ab und zu über den Tellerrand privater Habgier hinauszuschauen und das Ganze ins Auge zu nehmen.

Ich hoffe sehr, dass unsere Politiker in diesem Sinne Patrioten sind. Sie haben einen Eid darauf geschworen. Ich hoffe sehr, dass es unsere Unternehmer sind, und keine "vaterlandslosen Gesellen" (Helmut Schmidt), die die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.

Im frühen 19. Jahrhundert waren deutsche Patrioten Helden. Sie opferten sich auf, etwa in den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Besatzung. Sie verkörperten das Gegenteil der modernen, mondänen Ich-bin-doch-nicht-blöd-Mentalität. Patrioten waren links, so sehr, dass die europäischen Fürstenhäuser Jagd auf sie machten, übrigens auch auf Heinrich Heine, weil nationale Patrioten die internationalen Adelskartelle bedrohten.

Patrioten waren später auch die russischen Soldaten, die Hitler besiegten im "Großen Vaterländischen Krieg". Patriotisch waren die Vietcong, die sich gegen die amerikanischen Besatzer zur Wehr setzten. Und natürlich waren die israelischen Kibbuzim, die die Wüste für ihren jungen Staat fruchtbar machten, patriotische Vorbilder.

Italiener wäre auch nicht schlecht gewesen

Wenn Henryk Broder nun vorschlägt, den Patriotismus als Angelegenheit "für Strauchdiebe" links liegen zu lassen und sich wieder "um die Lohnnebenkosten" zu kümmern, so sieht das nur auf den ersten Blick ausgenüchtert, betriebswirtschaftlich und emotionsfern aus.

Auf den zweiten Blick wird klar: Auch die leidenschaftlich geführte Debatte um Lohnnebenkosten ist ein patriotischer Akt. Es bedeutet nämlich, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Firmen steigern und damit Arbeitsplätze im Lande erhalten und uns behaupten in den Stürmen, die auf uns zukommen - in dem, was Gabor Steingart in seinem neuen Buch den "Weltkrieg um Wohlstand" nennt. Patriotismus ist kein Luxus, sondern eine Überlebens-Notwendigkeit.

Mein Buch beginnt mit den Worten: "Ich bin gerne Deutscher. Italiener wäre sicher auch nicht schlecht gewesen, oder Franzose, aber Deutscher ist prima. Es ist die einzige Nationalität, die ich von der Pieke auf gelernt habe."

Ich glaube tatsächlich, dass es ein Glück war, in Deutschland aufzuwachsen und nicht in Russland oder China, unter Zwangsregimen mit der ständigen Drohung materieller und seelischer Katastrophen. Broder mag das als "Weisheit von Selbsterfahrungsgruppen" verhöhnen, aber sollten wir dieses Land, diese Gemeinschaft nicht auch mit Zuspruch und kulturellen Affirmationen versorgen?

Deutschland nur mit CNN?

Ich glaube ja. Ich glaube, es ist überhaupt nicht verwerflich, diese Gemeinsamkeit zu feiern in Großereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft. Jedes Land auf der Erde tut es. Also feiern wir.

In seiner Tirade gegen mich und den Deutschen als solchen macht sich Henryk Broder lustig über jene, die sich "die Seychellen nicht mehr leisten" können und sich deshalb "die Eifel schön reden". Nun gut. Ich finde die Eifel mittlerweile tatsächlich spannender als die Seychellen, denn da war schon jeder. Und CNN hat auch jeder zu Hause.

Broder gab kürzlich in der "taz" zu Protokoll, er fühle sich in Deutschland nur dann richtig wohl, wenn er CNN gucken könne. Ich hoffe für ihn, dass dieser Mickey-Maus-Kanal seine Irak-Kriegs-Desaster-Berichte ab und zu unterbricht, um ihm wenigstens die Fußball-Resultate der ganz gut kickenden US-Mannschaft zu zeigen.

Übrigens, wenn ich gefragt würde, worauf ich als Deutscher derzeit stolz bin, würde ich antworten: dass wir nicht im Irak Krieg führen, sondern nur Fußball spielen; dass wir nicht die Welt belogen haben, um in die Schlacht zu ziehen; dass wir nicht an Foltereien und Massakern dort beteiligt sind; dass wir uns offenbar sehr schwer tun damit, Waffen gegen ein anderes Land einzusetzen; dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben und den Krieg nicht als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betreiben; sondern dass wir Fußball spielen.

Es gibt noch jede Menge andere Gründe und wir können gerne darüber reden. Ein anderes Mal. Denn jetzt möchte ich mich für die nächsten fünf Wochen als "armer Tropf" oder als "Strauchdieb" betätigen und mich hemmungslos meinem nationalen, tribalistischen, triebhaften, gegenaufklärerischen, dunklen Fußball-Chauvinismus hingeben.

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