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13. April 2005, 18:38 Uhr

Debatte um Chart-Manipulation

"Jeanette hat das auch schon gemacht"

Von Mirjam Gollmitzer

Popsängerin Gracia Baur wehrt sich gegen den Vorwurf der Chart-Manipulation: Jeanette Biedermann habe auch schon versucht, die Hitparaden zu beeinflussen. Gracias Produzent soll laut Media Control über Monate hinweg eigene Titel durch CD-Käufe in die Charts befördert haben. Der meldete sich heute erstmals zu Wort - und dementierte.

Popsängerin Gracia: "Jeanette Biedermann hat's auch gemacht"
REUTERS

Popsängerin Gracia: "Jeanette Biedermann hat's auch gemacht"

Berlin - Wie lange genau Media Control die Manipulationsversuche von Gracia-Produzent David Brandes schon registrierte, bevor dessen Songproduktionen aus der Hitparade ausgeschlossen wurden, sagt Karlheinz Kögel letztlich nicht. Der geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens Media Control, das wöchentlich die deutschen Charts ermittelt, erklärte aber gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Brandes hat die Schraube einfach zu weit gedreht." Das engmaschige Netz an CD-Ankäufern, das Brandes über die gesamte Bundesrepublik gezogen habe, sei irgendwann zu groß geworden.

"Wir haben ja die Möglichkeit, die gesamten CD-Käufe bei uns in der Zusammenschau zu betrachten. Wir sehen, wo in der Bundesrepublik Klumpungen beim CD-Verkauf auftauchen. Es fällt natürlich auch auf, wenn CDs wiederholt in bestimmten Kombinationen gekauft werden." Das heißt: Es fällt auf, wenn an mehreren Orten immer wieder gleichzeitig vier CDs von Gracia, zwei von Vanilla Ninja und eine von Virus Incorporation erworben werden - alles Künstler, die David Brandes betreut.

Brandes' mutmnaßliche Manipulationsversuche haben dann schließlich zwei Akteure der Musikbranche an einen Tisch gebracht, die sich sonst durchaus nicht immer grün sind: den Bundesverband Phono mit Media Control auf der einen und die Musikindustrie auf der anderen Seite. Kögel sagt: "Wir haben uns mit der Industrie zusammengesetzt, mit Sony und den ganzen Großen und haben gemeinsam beschlossen: Da muss jetzt was passieren." Kögel deutet an, dass es unter anderem Bedenken gegeben habe, die in Brandes' Auftrag gekauften CDs könnten auf anderen Wegen erneut auf dem Markt angeboten werden.

Auf Brandes' Hinweis, alle in der Musikbranche versuchten doch, durch CD-Ankäufe eigene Produktionen zu fördern, sagte Kögel: "Das ist nicht wahr. Mit so großer krimineller Energie tun es die anderen nicht."

Popsängerin Jeanette: Verdacht nicht erhärtet
DDP

Popsängerin Jeanette: Verdacht nicht erhärtet

Dem Koblenzer Ökonomen Georg Stadtmann zufolge, der den Einfluss der Charts auf die Käufer erforscht, ist der Manipulationsanreiz für Musikmanager besonders in den ersten Wochen nach Erscheinen einer CD hoch. Die Kaufentscheidung des einzelnen hänge nämlich vor allem davon ab, ob auch andere den Song gut finden, erläuterte er der "Süddeutschen Zeitung". "Wenn der Titel erst mal in den Charts ist, wird er durch die Kettenreaktion zum Selbstläufer." Der Effekt verstärke sich dadurch, dass eine gute Chartsposition mediale Aufmerksamkeit verspricht und die Titel in die Rotation der Radio- und Musiksender bringt.

Brandes' Schützling Gracia, die laut Phonoverband ausdrücklich nicht persönlich unter Manipulationsverdacht steht, teilt unterdessen nach allen Seiten aus: "Ich finde es verachtenswert, wie alle auf mir herumhacken. Diesen Heuchlern würde ich am liebsten in die Fresse hauen", quittiert sie die Kritik aus der Branche in der "Bild"-Zeitung. Zu den Manipulationsvorwürfen meint die Münchner Popsängerin: "Jeanette Biedermann hat das auch schon gemacht. Da sind sogar die CD-Kaufbelege ihres Managers gefunden worden." Biedermann-Manager Holger Kurschat ist vor drei Jahren wegen gezielter CD-Käufe tatsächlich ins Visier des Bundesverbandes Phono geraten, wie Verbandssprecher Hartmut Spiesecke heute bestätigte. Die Verdachtsmomente hätten sich allerdings nicht erhärtet.

David Brandes äußerte sich heute erstmals zur zunächst dreiwöchigen Verbannung seiner Songproduktionen aus den deutschen Single-Charts. Der "Bild"-Zeitung sagte er: "Die Vorwürfe sind völlig haltlos. Wir werden uns in die Charts wieder reinklagen." Karlheinz Kögel von Media Control reagiert gelassen auf Brandes' Vorwurf, er sei Opfer einer gezielten Kampagne. "Herr Brandes zieht hier die David-und-Goliath-Nummer ab. Passt ja wunderbar, auch wegen seines Namens."

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