Debatte um Heidenreich-Rauswurf Tritt zurück im Zorn

Das ZDF wirft Elke Heidenreich raus. Und hat Recht: Die "Lesen!"-Moderatorin war in ihrer Borniertheit nicht mehr zu tragen, findet SPIEGEL-Redakteur Markus Brauck. Das Problem ist damit aber nicht gelöst - sobald Fernsehen Kultur entdecken soll, wird es unsäglich.


Es ist verflucht ärgerlich, dass das ZDF diesmal Recht hat. Elke Heidenreich hat es vermasselt. Sich und ihrer Sendung und allem, was im Fernsehen mit Kultur zu tun hat. Und warum? Aus purer Eitelkeit.

TV-Star Heidenreich: Fatale Dreiecksgeschichte
ZDF

TV-Star Heidenreich: Fatale Dreiecksgeschichte

Am Ende blieb dem ZDF überhaupt kein andere Wahl mehr, als Heidenreich im hohen Bogen rauszuwerfen. Nicht einmal vom ZDF, das oft genug Prügel verdient hat, darf man erwarten, dass es den Knüppel auch noch bezahlt.

Heidenreichs Ausbruch nach dem Eklat beim Deutschen Fernsehpreis ging bis an die Grenze, hätte aber noch unter der Rubrik "Narrenfreiheit" verbucht werden können.

Doch dann wurden Heidenreich ihr Stolz, ihre Eitelkeit oder ihr Selbstbild als Unbeugsame zum Verhängnis. Am Ende verstand selbst Marcel Reich-Ranicki, auf dessen Ticket sie ja irgendwie gereist war, sie nicht mehr. Ausgerechnet er, den sie vor Thomas Gottschalk schützen zu müssen meinte, verteidigte nun Gottschalk gegen sie. Ein hübsch misslungenes Dreiecksverhältnis.

Im Zorn der Heidenreich, in ihrer selbstgerechten Dauerkanonade gegen das ZDF ging nebenbei allerdings auch unter, dass sie in der Sache gar nicht unrecht hat.

Es stimmt ja: Seit das ZDF die Sendung "Lesen!" vom Dienstag auf den Freitagabend verschoben hat, gingen die Quoten merklich zurück. Es stimmt, dass Kultur im Fernsehen fast nur noch auf Randplätzen stattfindet. Denis Schecks Literaturtrip "Druckfrisch" bei der ARD ist eigentlich ein Mitternachtstreff. Die Magazine "ttt - Titel, Thesen, Temperamente" und "Aspekte" laufen zu höchst unattraktiven Sendezeiten.

Für einen kurzen Augenblick, das hatte Heidenreich geschafft, hat dieser Missstand die müde Fernsehrepublik noch einmal interessiert. Für einen kurzen Blick bestand die Chance, dass sich darüber ernsthaft nicht nur Elke Heidenreich und ein paar Kulturfernsehhanseln erregen.

Doch dann vergurgelte alles in dem seltsamen Showdown der unbeugsamen Elke Heidenreich gegen das ZDF. Und das war’s dann. Jetzt ist sie weg. Die Debatte ist tot. Das Kulturfernsehen steht wieder in der Ecke und fühlt sich missverstanden.

Dabei wäre die Frage, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Kulturauftrag erfüllt, spannend. Da geht es nicht nur um die unmöglichen Sendezeiten - es geht auch um unzumutbare Sendungen.

Es geht etwa darum, warum eine Sendung wie "Aspekte" so unfassbar verschnarcht sein muss und warum das ARD- Pendant "ttt", seit Dieter Moor dort moderiert, vor lauter Originalität verkrampft. Oder warum sich Dennis Scheck beim Reden über Bücher in einen Friseurstuhl setzen muss und wir alle dabei zugucken müssen, wie er sich einseifen und rasieren lässt – und weiter über Bücher quatscht.

Aber egal. Heidenreich hat ihre Show gehabt. Den Rest guckt ja eher keiner.

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