SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. September 2008, 14:13 Uhr

Debatte um Links und Linke

Der Oskar-Lafontaine-Komplex

Aufwärmen, umrühren, fertig: Oskar Lafontaine und die vermeintlich neue, schicke Linke sind genau wie Nescafé, findet Reinhard Mohr. Sie wollen Ideen von gestern aufkochen, um Politik für morgen zu machen - und leiden doch nur daran, den Schock des Mauerfalls nie verwunden zu haben.

Es ist ganz großes Theater, das den Deutschen nun schon seit Monaten geboten wird. Wie gebannt verfolgt die Republik die spannendste Inszenierung seit langem – den Oskar-Lafontaine-Komplex. Untertitel: Ein Mann sieht rot. Keine Bühne ist groß genug für ihn.

Linkspartei-Chef Lafontaine: Binnen Minuten in Rage geredet
Getty Images

Linkspartei-Chef Lafontaine: Binnen Minuten in Rage geredet

Wo immer er auftritt, redet er sich binnen Minuten in Rage wie einst Robin Hood, der Rächer der Enterbten. Sein neuester Coup: Jetzt will er das Milliardenvermögen der Familie Schaeffler enteignen, weil es "grundgesetzwidrig" sei. Bald müssen sich womöglich die Quandts, die Aldi-Brüder und andere Familienunternehmer warm anziehen.

Die frohe Botschaft ist einfach: Mit uns zieht die neue Zeit ein. Links, zwo, drei, vier. Da, wo das Herz schlägt. So wie damals in den guten alten Siebzigern, als es noch Vollbeschäftigung gab, soziale Gerechtigkeit, gleiche Bildungschancen für alle und schwarze Telefone mit Schnur und Wählscheibe.

Was es damals nicht gab: Globalisierung, Internet, RTL, Hedgefonds, Paris Hilton, iPhone und den Euro. China war noch ein Entwicklungsland und die Berliner Mauer stand fest für alle Ewigkeit. Wladimir Putin war ein kleiner KGB-Agent und Gerhard Schröder Juso. Wunderbare Zeiten.

Aus dieser glanzvollen Epoche kommt der Mann. Und dahin will er zurück.

Die Sensation aber ist: Er ist nicht allein. Millionen andere wollen den Weg mitgehen. Hier und jetzt. Die Linke ist zurück – im doppelten Wortsinn. Wieder da, doch mit dem Blick in die Vergangenheit. Als Partei "Die Linke" eilt sie von Wahlerfolg zu Wahlerfolg, dezimiert die SPD und treibt Hohn und Spott mit der einst so stolzen Volkspartei Willy Brandts und Helmut Schmidts. Jetzt versucht sie, Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering als "Agenda"-Übeltäter zu brandmarken.

"Links! Comeback eines Lebensgefühls" lautet der Titel eines gerade erschienenen Buches, das einen "Linksruck der Deutschen" und zugleich das "Ende des neoliberalen Zeitalters" konstatiert. Nebenbei wird gleich noch eine neue "linke Bohème" entdeckt. In einem Wort: Pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum der Revolte von 1968 ist links wieder schick.

Was eben noch als vermufft, abgestanden und vorgestrig galt, scheint wieder in. Gerade noch belächelte die "Generation Golf" jeden, der "die Gesellschaft verändern" wollte – und plötzlich kommt die Botschaft von den ungerechten Verhältnissen, von Ausbeutung, Hungerlöhnen und Millionengehältern der Top-Manager auf jedem Marktplatz in der Provinz an. Sogar in Bayern, wo auf Plakaten dafür geworben wird, "echte Rote" in den Landtag zu schicken.

Das Virus ergreift selbst bislang politisch eher unauffällige Berufsgruppen. Busfahrer gelten gemeinhin nicht gerade als potentiell revolutionäre Gruppe. Der tägliche Weg zur Endhaltestelle ist jedenfalls nicht mit sozialistischen Utopien gepflastert. Früher waren sie in der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) mit seinem schwergewichtigen Chef Heinz Kluncker organisiert, heute sind sie bei Ver.di.

Da geht es um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn, nicht um Globalisierung, Klimakatastrophe und Dritte Welt. Schon gar nicht um Krieg und Frieden. Wenn also 221 Busfahrer aus dem Saarland, wie unlängst geschehen, geschlossen in Oskar Lafontaines Partei Die Linke eintreten, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein.

Lafontaines weichgespülte Lenor-Linke

"Diskurshegemonie" nannte man früher die Dominanz einer bestimmten These, so diffus und fragwürdig sie sein mag. Sie lautet: Die soziale Ungerechtigkeit in Deutschland ist skandalös, und sie wird immer schlimmer. Dabei wäre sie ganz einfach zu beseitigen. Man muss ja nur die "Linke" wählen.

Es ist gerade die Mischung aus populistischer Schlichtheit und schillernder Unschärfe, radikaler Geste und gefühlter Patentlösung, die den Lockruf so attraktiv macht.

Oskar Lafontaines Fünf-Minuten-Terrine, das Blitzmanifest für (fast) alle, folgt der Logik eines auswendig gelernten Mantras: Höhere Löhne für unten, höhere Steuern für oben, weg mit Hartz IV samt Agenda 2010 und der Rente mit 67, Kontrolle der internationalen Finanzströme und natürlich: keine deutsche "Kriegsbeteiligung" nirgendwo. So einfach kann linke Politik sein. Da braucht man nicht einmal ein Parteiprogramm. Schon gar keine Gesellschaftstheorie. Von Praxis ganz zu schweigen.

Weichgespülter Reformistenhaufen

Es ist eine Politik, die sich ihre Welt lieber selber backt, statt sich die Mühe machen, sie zu verstehen. Die komplizierte, kaum überschaubare globale Wirklichkeit nimmt sie nur insofern wahr, als sie ins Korsett der eigenen Weltanschauung passt.

Erstaunlich ist dabei, dass diese "Linke" sogar ganz ohne Utopie auskommt. Ihre Zukunft ist die Vergangenheit. Von Sozialismus spricht man nur im kleinen Kreis von Sahra Wagenknecht, in der Wärmestube der guten alten Weltrevolution, in Arbeitskreisen, Info-Broschüren und Leserbriefen ans "Neue Deutschland". Dort werden gern auch noch Stasi, Mauerbau und Politbüro verteidigt. Und die DDR als "Friedensstaat".

Selbstverständlich wird man nie erleben, dass Oskar Lafontaine bei "Hart aber fair" oder "Maybrit Illner" konkrete Vorstellungen eines nun endlich authentischen Sozialismus auf deutschem Boden formulieren würde, zum Beispiel die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, die Zerschlagung der Großkonzerne und die Einführung eines Rätesystems – der gewählte Bundestag spiegelt ja nicht die "Volksmeinung", also die der "Linken", wider.

Nicht einmal jener elementare Fortschrittsglaube ist bei Oskars trüben Truppen eine treibende Kraft, der noch die gute alte SPD stets beseelt hat. Das sozialistische Morgenrot hat sich längst in das Altersrouge einer Sammlungsbewegung der Sechzigjährigen verwandelt, die sich gegen den Wandel der Zeit stemmt, statt ihn als Herausforderung zu begreifen.

Kurz: Diese "Linke", eine Mixtur aus ehemaligen Mitgliedern der DDR-Staatspartei SED, enttäuschten Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, nicht zuletzt versprengten Mitgliedern der DKP, Trotzkisten und anderen Restbeständen der alten Westlinken, ist zutiefst sozialkonservativ, ja reaktionär.

Verglichen mit der radikalen Neuen Linken nach 1968 ist dieser Kampfverband für die gute alte Welt von gestern zudem ein ausgesprochen müder, weichgespülter Reformistenhaufen, eine Lenor-Linke, die in gewisser Weise sogar spießiger ist als der "alte ewige Sozialdemokrat" (Franz Josef Degenhardt) seligen Angedenkens. Denn sie sind ja gar nicht gegen den Kapitalismus, von dem sie sehr gut leben. Sie wollen das Kapital nur besser melken und den politischen Rahm aller Rechthaber abschöpfen: Wählerstimmen und Mandate.

Ihre Methode ist schlagend: Man stellt Milchmädchenrechnungen auf, steile Wenn-dann-Extrapolationen, phantastische Man-müsste-nur-Hochrechnungen, die im Unendlichen aufgehen. Oder in Dänemark, dem neuen Traumland Lafontaines, da wo angeblich Milch und Honig fließen und der Sozialstaat blüht wie einst im Mai.

Ein bisschen ähneln diese praktischen Fertigbaumodelle zur Komplexitätsreduktion an die grüne Idee von der "sozialökologischen Kreislaufwirtschaft" aus den frühen achtziger Jahren: Alles wird gut, wenn man sich nur in der geschlossenen Welt seiner eigenen Vorstellungskraft bewegt, in der die schöne Idee stets aufs Neue über die hässliche Wirklichkeit triumphiert. Die unangenehmen, zuweilen unlösbaren Widersprüche müssen leider draußen bleiben.

Die deutsche Linke ist tot

Äonen entfernt scheint jener linke Antikapitalismus der siebziger und achtziger Jahre, den ein einstiger Spitzenmann der Grünen, der Hamburger Thomas Ebermann noch in den Neunzigern mustergültig auf den Punkt brachte: "Links sein heißt kein Vaterland haben, nicht um einen nationalen Standort in der Welt rangeln, sondern denen, die in diesem System das Sagen haben, die Pest an den Hals zu wünschen."

Einen Vorteil hatte diese unversöhnliche Kampfansage an die Realität: Sie war ehrlich gemeint. Und sie hatte Konsequenzen. Die waren allerdings nicht immer angenehm. Die wichtigste lautete: Die deutsche Linke ist tot. Mausetot. Spätestens seit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 ist sie in eine Existenzkrise geraten, die sie nie bewältigt hat.

Plötzlich war die Revolution da, auf die man so lange gehofft hatte – aber sie kam, ganz anders als erwartet, aus dem Osten. Geradezu hinterrücks, fast heimtückisch, überrollte der östliche "Wind of Change" die westliche Linke, die gerade, wie Sven Regeners "Herr Lehmann", gemütlich am Kneipentresen in Kreuzberg stand und ein Bier bestellte. Schlimmer noch: Dieser Umsturz war antisozialistisch und pro-kapitalistisch, dazu bürgerlich-demokratisch.

Und: Die Revolution kam aus der Kälte, aus einer fremden, geradezu anachronistischen osteuropäischen Vergangenheit, von der man im Westen sowieso nichts wissen wollte. Damit erwischte sie die versammelte Toskana-Linke auf dem falschen Fuß. Denn die konkrete Utopie der antikommunistischen Ost-Revolutionäre war grosso modo der Status quo des Westens, genau das also, was die Westlinke zeitlebens bekämpft hatte. Von diesem Schock hat sie sich nie wieder erholt.

Unterdessen verpasste sie die historische Chance einer grundsätzlichen Revision ihrer ideologischen Überzeugungen – trotz aller heftigen Debatten in den neunziger Jahren, in denen Freundschaften zerbrachen und sich Lebenswege trennten.

Verräter an der Sache

Immer noch blieb jene diffuse Grundeinstellung dominant, der zufolge ein (links-)liberaler, aufgeklärter Realismus im Grunde nichts anderes sei als die feige Kapitulation einer großartigen Idee vor der schlechten Wirklichkeit. So nährten sich alte Mythen und neue Verschwörungstheorien gegenseitig, während die linke Selbstaufklärung überwiegend von jenen betrieben wurde, die man "Renegaten" nannte, also Verräter an der Sache.

Was diese Sache genau sei, wusste man allerdings immer weniger – so wenig, wie ein aufrechter Sozialdemokrat weiß, was eigentlich heute jener "demokratische Sozialismus" sein soll, der immer noch im offiziellen Parteiprogramm der SPD steht.

So wurde aus der einstigen Utopie einer anderen Gesellschaft, wie immer man sie sich vorstellte, ein diffuser Phantomschmerz, ein Ressentiment. Es ist dieses nagende Verlustgefühl, das gefühlte schwarze Loch einer vergangenen Zukunftshoffnung, jenes politisch-ideologische Sinndefizit einer Generation, an das Oskar Lafontaines "Linke" in West und Ost derzeit so erfolgreich appelliert – dies- und jenseits aller unmittelbar materiellen Glücksversprechungen.

Ihr Populismus setzt deshalb ganz unverhohlen auf Placebo-Effekte. Bei dieser Nescafé-Linken sollen alle Wohlmeinenden und Richtigfühlenden mitmachen können, vom sozialdemokratischen Gewerkschaftsboss bis zum gesellschaftskritischen Zahnarzt, vom Busfahrer bis zum Architekten. Die politisch erlösende Instant-Mischung fürs gute linke Bauchgefühl ist pulverförmig und schnell löslich – einfach aufwärmen, umrühren, fertig. Eine Art Red Bull für alle.

Mit der tragischen – und blutigen – Jahrhunderterfahrung des Scheiterns aller sozialistisch-kommunistischen Klein- und Großversuche setzt sich diese ergraute Mitmachbewegung – pro bono contra malum – natürlich erst gar nicht auseinander, und nicht zufällig gehören Lügen, Halbwahrheiten und Geschichtsklitterung zum unverzichtbaren Arsenal seiner Propaganda. Dabei ist das geistige Oberhaupt der Bewegung, Oskar Lafontaine, weder ein Bonsai-Hitler noch ein petit Le Pen, wie Altkanzler Helmut Schmidt jüngst nahelegte – er verfügt ganz einfach über viel demagogische Begabung.

Der weiße Wal Kapitalismus

"What's left?" fragte vor genau 15 Jahren das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einer Artikelserie ebenso doppeldeutig wie hintersinnig. Damals hatte diese Frage noch eine durchaus dramatische, historische Bedeutung.

Heute, fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, würde sie nur noch eine Gespensterdebatte auslösen. "Links" ist zum Label geworden, zum beinah austauschbaren Markennamen im politischen Konkurrenzkampf um Macht und Wählerstimmen. Früher hätte man gesagt: Zum Fetisch.

Selbst das aktuelle Buch zum Thema mit dem fettgelb gedruckten "Links!" auf dem Cover erweist sich als charmanter Etikettenschwindel. Denn was als sympathisierende Analyse eines allgemeinen Linksrucks annonciert wird, erweist sich bald als kluges Manifest für einen undogmatischen linksliberalen Pragmatismus, der den direkten Gegenpol zu Lafontaines orthodoxem Linkskonservatismus markiert. Man wagt kaum zu zitieren, aber der "linke" Autor Christian Rickens, Jahrgang 1971, schreibt: "Das eigentlich Großartige am Kapitalismus ist ja seine enorme Anpassungsfähigkeit an Knappheiten."

Ob das am Ende auch für die Knappheit an originellen, intelligenten, zukunftsweisenden Ideen gilt? Die schwer gebeutelte SPD weiß ein Lied davon zu singen: Ihr eigentliches Drama ist ihr Erfolg. Statt um Kinderarbeit und Zwölfstundentag geht es jetzt um Kitaplätze und Pendlerpauschale. Und die fordert selbst die CSU von Erwin Huber.

Aber so ist er, der Kapitalismus. Am Ende wird er auch noch den Oskar-Lafontaine-Komplex schlucken wie der weiße Wal den Käpt'n Ahab.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung