Jakob Augstein

Sexismusdebatte Rache ist Blutwurst

Die Debatte über männliche Gewalt zeigt: Eine Revolution steht an. Gut so. Die Frauen sind es leid, Opfer zu sein. Vielleicht ist es unvermeidlich, dass dabei auch ein paar Männer unter die Räder kommen.

Man dachte schon, in der Debatte über Gewalt, Erniedrigung und Sexualität, die vor allem unter dem Hashtag #MeToo Fahrt aufnahm, sei alles gesagt. Das war ein Irrtum. Eine Berliner Journalistin hat den Spieß jetzt umgedreht.

Sie hat einen bösen und gefährlichen Text geschrieben - aber einen notwendigen. Und plötzlich wird deutlich, was an dieser Debatte bislang fehlte: die Angst der Männer.

Denn die Sorge um die Männer war bislang einer der sonderbarsten Züge dieser Auseinandersetzung. Diese eigenartige Sorge, dass die Rechtschaffenen im gleichen Topf gekocht werden könnten wie die Täter und Schurken. Und darum die Neigung, das Feuer unter diesem Topf kleinzuhalten. Jetzt erhöht Carolin Würfel die Temperatur.

In der vergangenen Woche hat die Autorin auf "Zeit Online" ihren Artikel"Sexismus in der Kulturszene: Wir wissen es"  veröffentlicht. Sie blickt nach Amerika, wo Fall um Fall bekannt wird, wo jetzt endlich weder Macht noch Ruhm die Männer, die zu Tätern wurden, schützen. Und dann blickt sie nach Berlin, in die ihr bekannte Welt der Galerien, Verlage, Redaktionen, Restaurants und wundert sich, dass hier alles namenlos bleibt, ohne Gesicht. Sie stellt die entscheidende Frage: "Warum nennen wir keinen Namen?" Und sie gibt selbst die Antwort: "Wir decken Eure Taten, weil wir, wie auch die Frauen in den USA, gesagt bekommen haben, dass Ihr so nun mal seid und es ja eigentlich nicht so meint."

Damit müsse es ein Ende haben, schreibt die Journalistin. Also hat sie eine Liste gemacht mit zehn Namen, die, so sagt sie, in Berlin - in der Welt, in der sie sich bewegt - angeblich jeder kennt:

"Ihr seid der Gastronom, der Kokain gegen Oralverkehr tauscht. Ihr seid der Verleger, der kein Nein versteht und Frauen ungefragt zur Begrüßung in den Schritt greift. Der Anzeigenverkäufer, der uns an den Hintern grapscht. Der Künstler, der Frauen zum Sex zwingt. Der Galerist, der seine Hände nicht bei sich lassen kann. Der Schriftsteller, der öffentlich slut shaming betreiben darf. Der Kurator, der seine anzüglichen Bemerkungen nicht stecken lässt. Ihr seid der Journalist, der seine Lippen ungefragt auf Frauenmünder presst. Der Herausgeber, der Mitarbeiterinnen schikaniert, weil sie nicht mit ihm schlafen wollen. Die Architekten, die Frauen mit Alkohol und Drogen abfüllen, um sie dann, wenn sie schon fast bewusstlos sind, gemeinsam durchzuvögeln."

Nun ist die Geschichte vom Oralverkehr ein irreführendes Beispiel für sexuelle Übergriffe. Denn eine Frau, die sexuelle Dienstleistungen gegen Drogen tauscht, ist sicher ein Opfer - aber nicht unbedingt eines männlicher Gewalt, sondern eher eines ihrer trüben Lebensumstände. Aber gleichwohl ist der Text haarsträubend. Und das ist gut so. Er ist so haarsträubend, dass die Redaktion der "Zeit" es gleich selbst mit der Angst bekam. Sie schickte die stellvertretende "Zeit"-Chefredakteurin Sabine Rückert vor, die sich unter dem ehrabschneidenden Titel "Soll das Journalismus sein?"  in voller Länge und Breite von Würfels als skandalös empfundenem Text distanzierte.

Ein Ruf zu den Waffen

Normal ist es ja nicht, einen Text zu veröffentlichen und ihm zwei Tage später den Vorwurf zu machen, er habe die Grundregeln des Journalismus "für Effekthascherei außer Kraft gesetzt". Aber Würfels Text war auch nicht normal. Er war ein Ruf zu den Waffen. Denn wir brauchen in der Tat eine Revolution. Eine neue sexuelle Revolution. Wie jede Revolution wird auch diese hier nicht ohne Opfer abgehen. Das ist eine Feststellung, keine Rechtfertigung.

Es wird Männer treffen, die das nicht verdient haben. Wir kennen solche Fälle. Der Lehrer Horst Arnold, der von einer Kollegin zu Unrecht beschuldigt worden war. Der Mann verbrachte fünf Jahre im Gefängnis.

Erst nach seiner Entlassung wurde er rehabilitiert. Aber er starb bald danach an Herzversagen. Oder der Meteorologe Jörg Kachelmann, der nach einer erfundenen Beschuldigung mehr als 130 Tage in Untersuchungshaft saß und danach jahrelang um Entschädigung prozessierte und um die Wiederherstellung seiner Ehre.

Aber in der neuen Geschlechterdebatte geht es darum, die Gewichte der Macht zu verschieben - und das geht nicht ohne Gewalt ab. Wer verfügt über die Möglichkeit, den anderen jederzeit und ohne nennenswertes eigenes Risiko zu gefährden oder zu erniedrigen? Bisher waren das immer die Männer. Die Frau, die sich wehrt, wird da zur Schreckensvision.

Das permanente Risiko körperlicher oder seelischer Übergriffe

Nun hört man schon die Männer - und manche Frauen - murren, dann dürfe bald also auch in Deutschland kein Mann mehr allein mit einer Frau im Fahrstuhl fahren. Aber das klagt sich leicht, wenn man dabei übergeht, dass das Risiko einer solchen Fahrt bislang vor allem bei der Frau lag.

Wer um den unbeschwerten Umgang der Geschlechter trauert, sollte bedenken, dass aus weiblicher Sicht damit nichts anderes gemeint war als die dauernde Gegenwart der Gefahr - das permanente Risiko körperlicher oder seelischer Übergriffe.

Es ist schon so: wenn die Frauen ihre Furcht verlieren sollen, müssen die Männer diese Furcht erst selbst kennenlernen.