S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wir brauchen eine Frau! Mal Alice anrufen

Die großen gesellschaftlichen Debatten finden weitgehend unter Ausschluss der weiblichen Hälfte der Bevölkerung statt - denn den Damen wird zwar Sexkompetenz zugeschrieben, aber viel mehr auch nicht.

Mediendebatten. Also - im Qualitätsjournalismus, muss ich schmunzelnd anfügen. Auch so eine Sache, von der ich mich frage, ob sie irgendjemanden, der nicht bei den sogenannten Medien tätig ist, interessiert. Funktioniert so: Kein Flugzeug ist verschwunden, die diversen Unruhen und Kriege dauern bereits ermüdende Wochen, das Wetter ist ohne weitere Vorkommnisse, und dann stellt ein Journalist, oder, wenn gerade keiner verfügbar ist, eben ein Schriftsteller, maskulin, eine steile These auf. Die These muss intelligent klingen, provokant sein, für wen auch immer, und entweder bei möglichst vielen Lesern einen sogenannten wunden Punkt anrühren (Israel?) oder bei vielen Journalisten und Geistesgrößen Wut und Widerspruch erzeugen (Zeitungssterben, Untergang der Kultur, Leitkultur möchte ich raunen).

Dann geht es los. Andere Journalisten, hier kommen dann nach zwei Umdrehungen (jetzt brauchen wir noch mal einen anderen Blick) auch Journalistinnen ins Spiel, um mit einer kleinen Rauferei die Sache richtig interessant werden zu lassen. Die Woche ist gerettet. Uff, hurra. Die Boulevardmagazine, die Talkshowredakteure sind begeistert. Ein Thema, ein Thema, der Ruf hallt auf den langen Fluren der Produktionsfirmen. Lass uns ein paar Gäste dazu einladen. Betroffene, wen von der Kirche, einen aus dem Islamrat. Eine Frau, verdammte Hacke, wir brauchen eine Frau. Lasst uns mal Alice fragen. Mist, die kann nicht, okay, dann, ähm. Okay. Vielleicht jemand Homosexuelles. Ein Mann. Finden wir. Uff, eine Woche gerettet...

Nach einer Woche ist die Debatte durch, schön, dass wir darüber geredet haben. Die Blicke der Journalisten gen Himmel, hoffend, dass da wieder ein Flugzeug auftauchen möge. Soweit alles im vollkommen langweiligen Bereich.

Sie wollen wohl immer gefallen

Interessant ist allein, warum es Frauen so selten gelingt, eine handfeste Aufregerdebatte zu initiieren. Das glückt meist nur, wenn Sex im Spiel ist (Prostitution, Brüderle, Aufschrei, Intimbehaarung). Und das, liebe Kameraden, Kameradinnen, kann verschiedene Gründe haben. Der naheliegende ist, dass Frauen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen das Zeug zu großen, bahnbrechenden Thesenpapieren fehlt. Weil sie immer im Dunkeln an ihrer Enthaarung herumstudieren oder sich von Politikern in den Ausschnitt starren lassen. Vielleicht, weil es Frauen an Mut fehlt, mal so was richtig Gewagtes zu schreiben, ein Gedicht gegen irgendwen, ein Buch gegen Randgruppen, einen Aufsatz gegen die Jugend, mal krass polarisieren, das liegt den Frauen nicht.

Sie wollen wohl immer gefallen, die kleinen Katzen. Es könnte natürlich auch sein, dass Frauen sehr wohl Texte schreiben, die den Anstoß zu einer - wenngleich sinnlosen - Debatte liefern könnten, allein, es interessiert keine Sau. Was daran liegen könnte, und das ist die steile These des heutigen Tages, dass sich männliche Journalisten - oder sagen wir: meinungsführende Journalisten - in Qualitätserzeugnissen in Presse, Funk und Fernsehen selten von Texten weiblicher Schreiberinnen irritieren, ärgern, zum Widerspruch reizen lassen, einfach weil sie sie nicht ernst nehmen.

Frauen wird eine Sexkompetenz zugesprochen (Roche, Schwarzer, Aufschrei), aber Debatten zum großen Ganzen, Datenpolitik, Krimkrise, Lanz-Rücktritt, ich bitte Sie, das sind harte Ziele, dazu vermag eine Frau einem Mann nichts Interessantes mitzuteilen, was ihn zu Widerspruch oder Zustimmung reizen könnte. Von erfreulichen Ausnahmen abgesehen, möchte ich anfügen. Und so eiern sie weiter ihren Weg von aussterbendem Print zum aussterbenden Fernsehsender, die großen nutzlosen Debatten. Weitgehend unter Ausschluss der Hälfte der Bevölkerung. Die vielleicht auch gerade mit etwas anderem beschäftigt ist. Siehe oben.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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