Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Stadt macht frei

Rein in die Stadt! Sie ist der Schauplatz, um die Widersprüche unserer Zeit offen und friedlich auszutragen. Nur in ihr können auch zukünftig die Werte von Humanität und Demokratie bestehen.

Die Gegenwart trägt die Signatur der Zukunft; und wenn man sie lesen kann, erkennt man: Die Frage, was nach dem Nationalstaat kommt, ist längst entschieden - die Stadt ist die angemessene Form, das Miteinander der Menschen zu regeln und sich den Problemen zu stellen, die auf uns zukommen.

Mit anderen Worten: Die Moderne kehrt zu ihren Ursprüngen zurück. Die Stadt bildet die Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, sie war schon in der Antike der Ort, an dem sich Wissen, Identität, Bürgerstolz bildeten, sie war immer Miteinander und Durcheinander und Aufklärung, sie war Emanzipation und Toleranz, sie war ein Labor für die Konflikte ihrer Zeit, und sie trug ein Versprechen im Namen, das hieß: "Stadtluft macht frei".

Die Nation dagegen ist eine Idee ohne Humanität, sie war eine Waffe, von Anfang an, ein Kind des Krieges, zugleich statisch und expansiv, hungrig, künstlich, aggressiv, eine Fehlentwicklung der Moderne, nicht notwendig, nicht unausweichlich, vor allem nicht praktikabel - sie hat zu Hass und immer neuen Kriegen geführt, sie hat Identität durch Ideologie ersetzt, sie gehört ins Museum der gescheiterten Politik, weil sie keine Lösungen für die global gefährdete Zukunft anbietet, nicht für Klimaerwärmung, nicht für Flüchtlingsfragen, nicht für schrumpfende Wirtschaften, alternde Bevölkerungen oder die Frage, wie der Mensch frei leben kann.

Die Nation ist fest, die Stadt dagegen ist flexibel - sie trägt die Signatur der Zukunft in sich, die Vermischung, die Veränderung, das Hybride, sie funktioniert für sich im Kleinen, wie die Welt als Ganzes heute schon funktioniert: Das Netzwerk ist die Struktur unserer Zeit, das Internet ist nur die offensichtlichste und technologische Variante davon. Auch im Privaten ist es das Netzwerk, das Stabilität und Selbstständigkeit ermöglicht angesichts der Krise der staatlichen Institutionen. Auch im Zusammenleben, Wohnen und Bauen ist das Netzwerk eine Möglichkeit, aus dem Solipsismus und Nomadentum der Falschmoderne auszubrechen.

Die Furcht der Reichen kommt vor der Wut der Armen

Die Vereinten Nationen, eine harmlose Schlechte-Laune-Institution der Symbolpolitik und kein Hoffnungs-Haus der konkreten Lösungen, sollte deshalb auch abgelöst werden durch ein Parlament der Städte: In der Stadt ist man näher an den Problemen, in der Stadt ist man effektiver beim Nachdenken, wie man es anders und besser machen könnte, in der Stadt findet man über das Trennende ein gemeinsames Gespräch, weil die Muster des urbanen Lebens über die Kontinente hinweg viel ähnlicher sind als die Unterschiede von Geschichte oder Kultur.

In den Städten sieht man auch schon, wie sich die Menschen für die Konflikte der Zukunft rüsten: Die Gated Communities und die Townhäuser mit ihren spitzenbewehrten Eisenzäunen zeugen davon, dass die Bewohner dort durchaus wissen, wie prekär ihre Situation ist, wie bedroht sie sind - wobei diese Zurüstungen selbst einen Teil jener Bedrohung und Angst konstruieren und vorwegnehmen, die erst im Kommen ist: Die Furcht der Reichen kommt meistens vor der Wut der Armen.

Die Stadt jedenfalls ist der Schauplatz, um die Widersprüche unserer Zeit offen und friedlich auszutragen - hier sollten die Regeln jener Zivilisiertheit gelten, die sich in den Städten selbst gegründet hat.

Und auch deshalb ist es so eine Schande, was sich etwa in den vergangenen Tagen rund um die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg abspielt: Neunhundert Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet in Schlachtmontur und mit Schnellfeuerwaffe, vierzig Flüchtlinge, die drohen, sich vom Dach zu stürzen, und eine Bezirksverwaltung ausgerechnet unter Führung der Grünen, die Härte demonstriert und die Pressefreiheit der berichtenden Journalisten einschränkt.

Es ist ein Debakel und ein Skandal: Hier kulminiert das, was schief gehen kann in den urbanen Konfliktzonen - hier ist aber auch der Ort, um diese Konflikte publik zu machen, sie auszutragen und Lösungen zu finden. Und hier zeigt sich ganz konkret, was passiert, wenn Bundesgesetz auf Stadtrealität prallt: Eine nationale Ordnung, die zu lokalem Chaos führt, das ist die Konsequenz aus der alten Art, mit solchen Problemen umzugehen.

Aber die Werte von Humanität und Demokratie entscheiden sich an Orten wie der Gerhart-Hauptmann-Schule - auch die Flüchtlinge kamen ja, weil sie wussten, ahnten, hofften, dass immer noch gilt: Stadtluft macht frei.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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