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21. Februar 2017, 15:22 Uhr

Festgesetzter Journalist Yücel

Hupen, fluchen, hoffen

Eine Kolumne von

Hilflos stehen Journalisten und Politiker vor der Frage, wie dem in der Türkei festgesetzten "Welt"-Reporter Deniz Yücel geholfen werden kann. Nur eins ist sicher: nicht durch Unsinn, wie ihn die "FAS" schreibt.

Schwierig, über etwas anderes zu schreiben, wenn ein Freund und Kollege im türkischen Knast sitzt. Schwierig aber auch, darüber zu schreiben und dabei die Contenance zu wahren. Eigentlich ist die Sache ganz einfach, sie sollen ihn halt freilassen, fertig. Dann wieder: Offenbar doch nicht so einfach, es zieht sich schon eine Woche.

Komisch, das von Berlin aus zu schreiben. Es gab einen Autokorso für Deniz, es wird einen weiteren in seiner Heimatstadt Flörsheim geben. Das ist wahrscheinlich das Beste und Schönste, was man von hier aus machen kann, wenn man nicht gerade zur Bundesregierung gehört oder in ihrem Auftrag arbeitet. Ein Autokorso von denen wär natürlich auch gut, von Berlin bis Istanbul, 24 Stunden Hupkonzert, na ja, was man so träumt.

Bescheuert, nicht viel tun zu können. Gucke unsinnigerweise nach, wie in Istanbul gerade das Wetter ist, was für jemanden in Polizeigewahrsam wohl zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr noch unwichtiger ist als jetzt. Fünf Grad und Nebel, später Sonne. Und der, den man beleidigen könnte, ist der, den man gerade nicht verärgern will.

Absurd, dass es "Polizeigewahrsam" heißt, duden.de sagt, "gewarsam" hieß mal "sorgsam", ist aber lange her.

Unwürdig, wenn andere Korrespondenten versuchen zu begründen, dass es komisch sei, wenn Zeitungen Leute aus türkischen Familien über türkische Themen schreiben lassen, "Türken vom Dienst", wie er sie nennt, aber wie schön, dass sich viele andere dann sehr einig sind, was für ein Quatschkommentar das erstens generell und zweitens zu diesem Zeitpunkt war.

Klar, dass sich wiederum längst nicht alle einig darüber sind, ob das, was Deniz da macht, so richtig ist oder ob es nicht etwas zu wagemutig war, weiter von der Türkei aus zu berichten, und dann, als er gesucht wurde, selbst ins Polizeipräsidium zu gehen. Wenn man mich fragt: angemessen wagemutig. Er weiß schon, warum er dort hingegangen ist. Und das ist ja gerade der Witz an Pressefreiheit, dass wir uns gar nicht alle einigen müssen, was wir schreiben und wie und von wo, sondern dass wir die Möglichkeit haben müssen, es zu tun.

Beruhigend, einerseits, dass Merkel und Maas und das Auswärtige Amt sich bemühen, Deniz zu unterstützen und freizukriegen. Sehr beunruhigend, andererseits, dass sie so wenig in der Hand zu haben scheinen, weil er außer der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft hat.

Fremd, komplett weltfremd, ist die Idee, man könnte jemanden wie Deniz einfach einsperren. Wissen die das nicht? Es geht einfach nicht. Von außen sieht es so aus, als würde es gehen, aber lange wird das nicht gehen. Sie können nicht mit Deniz zusammen alle anderen einsperren, die hinter ihm stehen. Während er da sitzt, schließen sich andere Leute zusammen, die noch nie miteinander zu tun hatten, und überlegen, was sie tun können. Und wann haben überhaupt mal die "taz" und Springer zusammen dieselbe Sache unterstützt? Es ist jetzt schon magisch.

Lange her, dass Deniz mir geraten hat, mit dem Schreiben weiterzumachen. Am Anfang hat er mal versucht mir zu erklären, dass in jedem Text irgendwelche W-Fragen wichtig sind. Wusste nicht, was er wollte, war aber schön. Im Moment ist eine W-Frage die wichtigste: Schon sieben Tage Knast - wie lange noch?

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