SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Juli 2017, 16:37 Uhr

Krankheit Depression

Keine Frage des Zusammenreißens

Eine Kolumne von

Die teilweise verständnislosen Reaktionen auf den Suizid des Sängers Chester Bennington zeigen einmal mehr, wie viel Unwissen noch immer über das Wesen der Krankheit Depression herumgeistert.

Es war ein Schock für viele Menschen, zu hören, dass der Sänger von Linkin Park, Chester Bennington, sich getötet hat. Er starb am Geburtstag seines Freundes Chris Cornell, Sänger von Soundgarden, der erst im Mai Suizid begangen hatte. Beide hatten lange mit Suchterkrankungen und Depressionen gekämpft.

Ebenfalls schockierend ist es zu lesen, auf welche Weise Depressionen und Suizid als mögliche Folge bisweilen immer noch in der Öffentlichkeit verhandelt werden und wie in vielen Reaktionen auf solche Tode das tiefe Unverständnis für eine Krankheit zutage kommt, die doch so weit verbreitet ist. Es wird ein bisschen besser, langsam. Viele Medien haben inzwischen einen etwas feinfühligeren Umgang mit Suizid, sie nennen zum Beispiel keine konkreten Todesumstände, weil man weiß, dass solche Beschreibungen zu Nachahmungen führen, und sie setzen Kontakte von Hilfsangeboten unter ihre Meldungen.

Aber noch weiter unter den Meldungen geht die Hölle ab. Onlinekommentare zu Menschen, die sich getötet haben, sind bisweilen so scheußlich, dass sie sich nicht allein dadurch rechtfertigen lassen, dass Onlinekommentare per se zumeist keine Perlen sind. Wenn die oder der Verstorbene Kinder hatte, erfolgreich war, besonders schön oder talentiert war oder zuletzt noch mal lachend gesehen wurde, ist das Unverständnis bei vielen besonders groß. Unter dem "Tagesschau"-Facebook-Post zu Benningtons Tod schrieben viele Menschen "R.I.P" und Ähnliches, aber auch: Suizid sei eine egoistische Tat. Menschen, die sich selbst töten, hätten es nicht verdient, dass man über sie berichtet, man solle sie anonym verscharren. Jemand, der wie Bennington sechs Kinder hinterlasse, sei räudig und feige. Und so weiter.

Depression ist eine Krankheit

Nun ist es natürlich so, dass man, um das eigene Seelenheil zu wahren, sowieso möglichst wenig Onlinekommentare lesen sollte. Es sind allerdings auch nicht nur solche Kommentare. Brian Welch, der Gitarrist von Korn, schrieb über Benningtons Tod, er sei zwar sein Freund gewesen, aber es sei eine feige Art, aus dem Leben zu gehen. Was sei denn das für eine Botschaft an seine Fans und Kinder, fragte er, "this is truly pissing me off".

Bei all diesen Kommentaren scheint immer noch nicht klar zu sein, dass Depression eine Krankheit ist und keine Entscheidung und dass die daraus entstehenden Handlungen nicht leichtfertig getroffene Dummheiten oder Feigheiten sind, sondern dass die Betroffenen glauben, der Suizid sei ihr letzter Ausweg - und kein egoistischer, denn man selbst hat nichts davon: Man ist hinterher tot, es gibt kein Ego mehr. Es ist dabei übrigens wichtig, darauf hinzuweisen, dass dieser subjektive Glaube ein krankheitsbedingter Irrtum ist: Es gibt Hilfe.

Abgesehen von aller perversen Anmaßung, über den Tod eines Menschen zu urteilen und der Pietätslosigkeit den Toten und deren Angehörigen gegenüber, können solche Kommentare verheerend sein für alle, die das mitlesen und die entweder selbst an Depressionen leiden oder mal leiden könnten oder jemanden kennen, der davon betroffen ist oder mal betroffen sein könnte - also ungefähr alle.

Man muss sich nur vorstellen, Leute würden ähnliche Schuldzuweisungen beim Tod aufgrund anderer Krankheiten austeilen: "Hätte sie sich mal mehr zusammengerissen mit ihrem Krebs." Das sagt man nicht, und zu Recht. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg beschreibt Depressionen als eine typische Krankheit der Gegenwart: "Sie ist eine Krankheit der Verantwortlichkeit, in der ein Gefühl der Minderwertigkeit vorherrscht. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen." Wir selbst werden müssen wir nun alle, aber es gibt chemische Prozesse im Körper, die es manchen Menschen unmöglich machen, die Energie dafür aufzubringen.

Teufelskreis aus Krankheit und Scham

Es macht keinen Sinn zu fragen, welchen Grund jemand hatte, sich umzubringen, wenn er oder sie schwere Depressionen hatte. Die Depression hat diesen Menschen dazu gebracht. Man kann sie kriegen, wenn man ansonsten gesund ist, von Freunden und Familie umgeben und reich und schön obendrauf. Es ist kein Zustand, in dem man sich entscheidet, sich jetzt mal etwas weniger zu kümmern. Manchmal geht äußerlich alles noch eine ganze Weile weiter - Job, Beziehung, alles - aber von innen fehlt die Motivation. Manchmal gibt es aber schlicht kein fühlbares Selbst mehr, das sich noch irgendwie beieinander halten könnte oder durch ein paar gute Gründe überzeugt werden könnte, dass es besser werden könnte. Oder, wie Jean Améry in seinem Buch "Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod" schreibt: "Man kommt nicht hin mit dem klaren Denken."

Es gibt Medikamente und Therapien, aber nicht alles hilft bei allen, und manche haben nicht die Kraft, überhaupt damit anzufangen, und landen dann in einem Teufelskreis aus Krankheit und Scham, nicht aus der Krankheit zu finden. Ihnen gilt es so gut wie möglich zu helfen, diese Kraft aufzubringen.

Kommentare der oben genannten Sorte jedoch sind der Beweis, dass Depression als Krankheitsbild immer noch nicht voll akzeptiert ist - und für Betroffene entsprechend noch auswegloser scheint, wenn sie permanent dagegen anleben und ahnen, dass sie diesen Kampf wahrscheinlich nie ganz loswerden. Sie brauchen Halt von außen und nicht Anschuldigungen, sich - womöglich seit Jahrzehnten - einfach nicht genug anzustrengen.

Aber um mit etwas Gutem zu enden: Die Fans von Linkin Park haben auf die Absage der geplanten Tour sehr schön reagiert: Viele wollen das Geld für die Tickets nicht zurück, sondern spenden es an Initiativen für Suizidprävention.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung