Caravaggio-Fund Die Vermarktung des Lichtrevolutionärs

Stammen die von zwei italienischen Wissenschaftlern entdeckten Werke tatsächlich von Caravaggio, hätte sich das bekannte Lebenswerk des Künstlers mit einem Schlag verdoppelt. Kunsthistoriker zweifeln an dem "Sensationsfund". Steckt doch nur ein raffinierter Marketing-Clou dahinter?

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Es kommt nicht oft vor, dass Kunsthistoriker sich so weit aus dem Fenster lehnen, wie Maurizio Bernadelli Curuz und Adriana Conconi Fedrigolli das getan haben. Wenn es aber stimmt, was die beiden Wissenschaftler am Freitag auf einer Pressekonferenz behaupteten, dann hätte sich die Summe der bekannten Werke des Michelangelo Merisi da Caravaggio schlagartig verdoppelt.

Bisher gelten rund 67 Werke als gesichert, bei 21 anderen bestehen gewisse Zweifel daran, ob sie von Caravaggio stammen. Das ist der Bestand. Schon ein einziges weiteres Bild wäre eine Sensation. Nun wollen Curuz und Fedrigolli ganze 83 bisher unbekannte Werke von Caravaggio aufgestöbert, identifiziert und eindeutig dem Meister zugeordnet haben. Das wäre keine Sensation mehr, sondern ein Beben - und würde die Kunstwelt noch eine ganze Weile in Atem halten.

Die Forscher haben die Werke in einem Mailänder Schloss im sogenannten Fundus Peterzano entdeckt, einer knapp 1400 Werke umfassenden Sammlung überwiegend von Arbeiten der Schüler des Malers Simone Peterzano in Mailand. Dort ist Caravaggio von 1584 bis 1588 in die Lehre gegangen. Curuz und Fedrigolli verglichen die dort aufgehobenen Zeichnungen mit vollendeten Gemälden Caravaggios, wobei sie am Computer dessen "geometrisches Regelwerk" dechiffriert haben wollen.

Manche Skizze hätte als direkte Vorarbeit zu einem späteren Bild gedient. Darüber hinaus präsentierte das Duo einen Zettel mit der angeblichen Handschrift Caravaggios, für deren Authentizität ein grafologisches Gutachten bürge. Dabei hat Caravaggio selbst nur ein einziges seiner Bilder signiert - und zwar in Rot neben der Blutlache unter dem geöffneten Hals Johannes' des Täufers.

Für eine Branche, in der meistens schon zwei unabhängige Expertisen als "intersubjektiv überprüfbares" Urteil durchgehen und dann oft dennoch falsch sind, ist die Nachweismethode der beiden schon ein außerordentlich hoher Aufwand. Aber es geht eben um Caravaggio, den wichtigsten und einflussreichsten Maler des frühen Barock, der selbst noch unter dem Einfluss des "Goldenen Zeitalters" der Renaissance stand.

Er hat den Dreck in die Malerei gelassen

Er hat nicht im Alleingang, aber doch maßgeblich den seinerzeit vorherrschenden Manierismus mit seinen lebensfernen Bewegungen beendet. Caravaggio dagegen brachte das Leben zurück in die Kunst. Sein naturalistischer Stil mit sinnlich glühenden Gesichtern und schimmerndem Fleisch entzückte die Kundschaft in Rom, wo er auf der Straße auch seine Modelle rekrutierte. Als Vorbild für die Heilige Katharina diente ihm eine stadtbekannte Prostituierte. Vor allem aber hat er, selbst kein Kind von Traurigkeit, den Dreck in die Malerei gelassen wie Beethoven den Zorn in die Musik.

Als Caravaggios größter Kunstgriff gilt die Helldunkel-Dramaturgie, bei der schräg einfallendes Licht vor allem die Körperlichkeit seiner Figuren unterstrich - Haut, Falten, Muskeln, Blut - und den Hintergrund in erdige Finsternis verbannte. Die Wissenschaft hat den Ursprung dieses Helldunkel längst in der lombardischen Malerei verortet - also genau dort, wo Caravaggio als Teenager in die Lehre gegangen ist.

Allerdings sind die Werke, die Curuz und Fedrigolli nun entdeckt haben wollen, fast ausnahmslos Zeichnungen und eben keine Ölgemälde - in seiner späteren Phase galt Caravaggio als Maler, der "nicht zeichnet" und von dem so gut wie keine Skizzen erhalten sind. Erste Experten meldeten in italienischen Zeitungen erhebliche Zweifel an. "Das könnten doch auch Zeichnungen von Peterzano sein", meinte etwa die Expertin Maria Teresa Fiorio unter Verweis auf die Tatsache, dass Schüler ihre Lehrer zu imitieren pflegten. Claudio Strinati, namhafter Experte für die Kunst des 16. Jahrhunderts, wundert sich vor allem über die hohe Zahl der angeblich entdeckten Originale. Es sei "völlig absurd" zu glauben, alle Werke stammten von Caravaggio. Im Übrigen handele es sich um "Übungen ohne künstlerische Bedeutung". Auch die Caravaggio-Kennerin und Leiterin der Bibliotheca Hertziana in Rom, Sybille Ebert-Schifferer, zweifelt an der Herkunft der Zeichnungen.

Noch misstrauischer allerdings macht die eigentümliche Informationspolitik von Curuz und Fedrigolli. Ihre Erkenntnisse hielten sie auch vor der Fachwelt jahrelang geheim, um sie nun möglichst öffentlichkeitswirksam auf einer Pressekonferenz zu präsentieren. Zugleich wurde eine bunte Homepage freigeschaltet und ein Video bei YouTube hochgeladen, das auf suggestive Weise die Ähnlichkeit der Schülerzeichnungen mit den Gemälden des Meisters belegen soll. Zusätzlich gibt's die Forschungsergebnisse unter dem Titel "Der junge Caravaggio - Hundert wiedergefundene Werke" für 13,82 Euro in gleich vier Sprachen als E-Book bei Amazon zu kaufen. Vor allem aber verwundert, dass das Duo auch schon eine genaue Vorstellung davon hat, was das Konvolut auf dem Markt wert wäre - 700 Millionen Euro. Wer so präzise den durchaus astronomischen finanziellen Wert seiner Entdeckung beziffert, der ist sich ihres künstlerischen Wertes womöglich nicht ganz so sicher.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Emil Peisker 07.07.2012
1. Marketing-Coup
Zitat von sysopREUTERSStammen die von zwei italienischen Wissenschaftlern entdeckten Werke tatsächlich von Caravaggio, hätte sich das bekannte Lebenswerk des Künstlers mit einem Schlag verdoppelt. Kunsthistoriker zweifeln an dem "Sensationsfund". Steckt doch nur ein raffinierter Marketing-Clou dahinter? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,843071,00.html
Werter Arno Frank Sie meinten wohl Marketing-Coup, oder? Bei der Größenordnung des Ereignisses sei Ihnen verziehen.:-)
christian.steinmetz 07.07.2012
2. ..., nur Info: falsche Verknüpfung,...
Der Link zur Caravaggio-Site wurde falsch hinterlegt, hier der richtige: http://www.giovanecaravaggio.it/
lichtbildner 07.07.2012
3. belgisch?
Zitat von sysopREUTERSStammen die von zwei italienischen Wissenschaftlern entdeckten Werke tatsächlich von Caravaggio, hätte sich das bekannte Lebenswerk des Künstlers mit einem Schlag verdoppelt. Kunsthistoriker zweifeln an dem "Sensationsfund". Steckt doch nur ein raffinierter Marketing-Clou dahinter? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,843071,00.html
wenn es wirklich ein raffiniertrer marketingclou sein soll, würde ich die ersteller der homepage sofort entlassen. der button für die deutsche version wird durch die belgischen nationalfarben dargestellt! schwarz-gelb-rot, hochkant. wie peinlich für kunsthistoriker! vielleicht bezeichnend für das ganze projekt. p.s. den tagesthemen ist mal ein noch dümmerer fehler passiert: Falscher Deutschland-Flagge bei den "Tagesthemen". hihi! - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=bq2FcV2x9FA)
neanderspezi 07.07.2012
4. Bedienung des sensationshungrigen Kunstmarkts
Unglaublich, wie mit diesen mittelprächtigen, teilweise noch ungeschickten kreidegehöhten Zeichnungen von Schülerhand eine direkte Beziehung zu dem Jahrhundertmaler Caravaggio herzustellen versucht wird. Es dürfte bekannt sein, dass in mittelalterlichen Kunstschulen die Meister als Lehrmittel in erster Linie Kopieren vorschrieben und in der Übungsphase nicht in Farbe, sondern in Kreide, Kohle, Rötel, Silberstift und in weiteren für Zeichnungen geeigneten Werkzeugen arbeiten ließen und alle Schüler mussten so ihr Handwerk lernen. Ein Caravaggio hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht Details seiner späteren Werke hellseherisch in der von Curuz und Fedrigolli verkündeten Weise schon als Schüler vorgezeichnet, sondern wenn es mit diesen Zeichnungen Parallelen zu seinem Werk geben sollte, so haben Kunsteleven nach ihm sich Ausschnitte aus seinen Bildern für Übungen vorgenommen.
inhabitant001 07.07.2012
5. Webdesign
Zitat von lichtbildnerwenn es wirklich ein raffiniertrer marketingclou sein soll, würde ich die ersteller der homepage sofort entlassen. der button für die deutsche version wird durch die belgischen nationalfarben dargestellt! schwarz-gelb-rot, hochkant. wie peinlich für kunsthistoriker! vielleicht bezeichnend für das ganze projekt. p.s. den tagesthemen ist mal ein noch dümmerer fehler passiert: Falscher Deutschland-Flagge bei den "Tagesthemen". hihi! - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=bq2FcV2x9FA)
Gutes Webdesign und Italien hat noch nie zusammengepasst. Ohne Javascript funktioniert noch nichtmal der Link zum Verursacher, lol.
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