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Das Frankreich von Elger Esser: Sehnsucht in Sepia

Foto: IKS Medienarchiv/ Ralph Goertz

Landschaftsfotograf Elger Esser Mann sucht den Sommer

Seine verträumten Landschaftsbilder ähneln Postkarten, die in der Sonne ausgeblichen sind. Warum macht Elger Esser das? Ganz einfach: Den weltweit erfolgreichen Deutschen treibt die Sehnsucht nach dem Land seiner Kindheit. Das mag konservativ sein. Aber ist es auch Kitsch?

Als Elger Esser bei Lyon im Stau festsaß, die Sonne schräg durch die Wolken schien, die Frühlingsluft lau war und nach Mimosen roch, da sah er jenseits des Flusses Saône die Stadt daliegen wie auf einem Gemälde von Canaletto, dem berühmten Maler von Stadtansichten Venedigs aus dem 18. Jahrhundert. Esser steuerte seinen Wagen auf den Bordstein. Er stieg aus und fotografierte.

Esser hatte gerade, es war das Frühjahr 1996, sein Studium in der berühmten Düsseldorfer Becher-Klasse abgeschlossen. Vor ihm hatten dort heute berühmte Künstler wie Candida Höfer, Andreas Gursky und Thomas Ruff ihre Karriere begonnen. Er hatte das Gefühl, viel gelernt zu haben. Seinen eigenen künstlerischen Ausdruck aber hatte er noch nicht gefunden. Doch irgendwie ging ihm die Ansicht von Lyon auf dieser Reise nicht mehr aus dem Kopf. Als er, zurück in Deutschland, mit einem ersten Abzug aus der Dunkelkammer kam, hielt er die Farbgebung zuerst für misslungen. Dann merkte er, dass gerade dieser Sepia-Stich aus der Fotografie ein Bild machte.

Heute ist Esser bekannt für seine lichten Landschaften, die ausgeblichen wirken wie alte Ansichtskarten, die vor einem Kiosk zu lange in der Sonne hingen. Seine Arbeiten werden vertreten von großen Galerien wie Ileana Sonnabend in New York oder Thaddaeus Ropac in Paris. Und sie kommen nicht nur bei Sammlern an: Seine Werkschau 2009/10 im Kunstmuseum Stuttgart hatte 55.000 Besucher.

Ein Atlas der Erinnerung

Esser hat in einem Düsseldorfer Hinterhof loftartige Atelierräume, samt Archiv, Dunkelkammer und Lagerraum. Dort sitzt er an einem alten Holztisch mit Marmorplatte und Bistroflair und soll sagen, warum er macht, was er macht. Warum die nach klassischen Kompositionsregeln erstellten Bilder? Warum Motive wie aus einer anderen Zeit? Warum hantiert er, gleich einem Flaneur durch die Fotografiegeschichte, mit schweren Plattenkameras, lässt altmodisch anmutende Heliogravüren drucken? Und warum arbeitet er an einer fotografischen Kartografie Frankreichs, wenn es ein solches Projekt im 19. Jahrhunderts schon einmal gab, als Fotografen wie Gustave Le Gray die französischen Kulturgüter festhielten?

Esser wählt seine Worte mit Bedacht: In jeder seiner Arbeiten gehe es um das große Thema Zeit. Um die Spannung zwischen dem kurzen Moment, in dem eine Fotografie entsteht, und der langen Zeitspanne, die in ihr aufbewahrt scheint, weil nichts in ihr anders scheint als vor hundert Jahren. Und: "Leute wie Le Gray hatten einen tollen Blick, eine großartige Wahrnehmungsschärfe, aber sie hatten nicht die Techniken von heute. Warum also nicht dort ansetzen?"

Und warum, so obsessiv, Frankreich? Esser ist in Stuttgart geboren, aber in Rom aufgewachsen. Die Sommer seiner Kindheit aber hat er in der Nähe von Bordeaux verbracht. Dorthin, wo seine Mutter herkam, reisten sie damals von Rom aus mit dem Auto quer durch das Land. Schon damals hat er viel aus dem Fenster auf die langsam vorbeiziehenden Landschaften geschaut. "Das hat mich untergründig geprägt", sagt Esser.

Später, nach dem Studium, kam die Begeisterung für Marcel Prousts "À la recherche du temps perdu" dazu, dieses große Buch über die Erinnerung. Seither taucht im Titel jeder seiner Heliogravüren das Wort "Combray" auf, der Name des fiktiven Kindheitsorts des Ich-Erzählers. Und so wie Proust verschiedene Orte zu Combray verdichtete, so arbeitet Esser daran, aus Ansichten unzähliger unscheinbarer Orte einen Atlas der Erinnerung, ein gefühltes Frankreich entstehen zu lassen.

Seine Bilder efeuumrankter Kirchen, ungepflasterter Dorfstraßen und überwucherter Flussläufe sind fernab aller Trends und Moden. Kein Wunder. Schließlich ist Esser alles Modische so zuwider, dass er sogar das Adjektiv "altmodisch" für sein Tun ablehnt. Konservativ allerdings dürfe man ihn, wenn man das nicht vordergründig politisch meine, schon nennen.

"In Rom kiffen die Jugendlichen auf umgestürzten Säulen"

Er ist 1967 geboren. Sein Vater, Manfred Esser, war ein linker Schriftsteller der Sechziger und Siebziger, seine Mutter Pressefotografin. So wuchs er im Intellektuellenhaushalt auf und im Künstlermilieu - bei Eltern, die "gern noch mal alles über den Haufen werfen wollten und meinten, sich neu erfinden zu müssen". "Ich musste deshalb nicht gegen eine spießbürgerliche Herkunft revoltieren, ich musste mir vielmehr verlässliche Werte zurückgewinnen." Und konservativ habe ihn auch die Stadt mit der 3000-jährigen Geschichte gemacht: "In Rom hockt der kiffende Jugendliche eben nicht an einer modernistischen Bushaltestelle, sondern auf einer umgestürzten Säule."

Ja, und auch romantisch, wenn man das vor allem im Sinne von "sehnsüchtig" begreife, sei er durchaus: "Ich habe mich, wo immer ich war, stets nach einem anderen Ort gesehnt. Das ist sicher auch Thema meiner Arbeit."

Eine Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn zeigt jetzt unter anderem seine neuen Arbeiten, entstanden in Claude Monets Garten in Giverny. Man könnte fürchten, dass Esser angesichts des touristisch aufgehübschten Blütentraums endgültig in Romantizismen verfällt.

Doch er hat sich die Idylle bei Nacht vorgeknüpft. So entstanden Ansichten der kultivierten, ja musealisierten Natur, die sie zugleich filigran und bleiern zeigen, als sei die nächtliche Luft zwischen dem Seerosenteich, der japanischen Brücke und den Trauerweiden ausgegossen mit dem schweren Licht der Dunkelheit - eingefangen in Vollmondnächten mit bis zu sechsstündigen Belichtungen.

Und Deutschland, wo er geboren wurde, studierte und lebt - hat er dieses Land nie fotografiert? "Schon, aber irgendwann habe ich beschlossen, damit aufzuhören. Ich lebe sehr gern in diesem Land - aber auch nur, um mir meine Sehnsucht nach dem Anderen zu erhalten."


Elger Esser: "Lichte Weite", 26. April bis 24. Juni im Rheinischen Landesmuseum Bonn, www.rlmb.lvr.de 

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