In eigener Sache Ein Jahr Relotius-Skandal

Vor zwölf Monaten wurde der Betrugsfall Claas Relotius beim SPIEGEL öffentlich. Die Folgen wirken bis heute nach. Wir haben unsere Lehren daraus gezogen.
SPIEGEL-Verlag in Hamburg

SPIEGEL-Verlag in Hamburg

Foto: Bodo Marks/ dpa

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass der SPIEGEL die Fälschungen von Claas Relotius offengelegt hat. Relotius galt als großes Reportertalent, er wurde mit Preisen überhäuft, bis sich herausstellte, dass er seine Geschichten weitgehend erfunden hatte.

Wir haben den Betrugsfall damals in Form einer Titelgeschichte publik gemacht und eine unabhängige Kommission eingesetzt, die klären sollte, wie es zu den Fälschungen kommen konnte. Und wir haben versprochen, den Abschlussbericht der Kommission zu veröffentlichen.

Wem ein so schwerer Fehler unterläuft, der muss dazu stehen, egal wie peinlich das wird. Daran haben wir uns gehalten. Der Bericht, den wir online und im Heft publiziert haben, schildert, wie unsere Sicherungsmechanismen versagt haben. Diese Transparenz war schmerzhaft, aber nötig. Denn dass ausgerechnet der für seine akribische Verifikation berühmte SPIEGEL einem Betrüger aufgesessen war, hätte den Fall andernfalls für all jene zu einem Fest gemacht, die den Medien unterstellen, sie würden Fake News verbreiten.

Der Fall hat uns und den deutschen Journalismus insgesamt verändert. Zum einen, weil Relotius nicht nur für den SPIEGEL Geschichten erfunden hat, sondern auch bei anderen Medien. Zum anderen, weil er eine Stilform in Misskredit gebracht hat, die zu den vornehmsten im Journalismus zählt: die Reportage. Vieles von dem, was Reporter vor Ort erleben, kann nicht oder nur in Teilen überprüft werden. Das Bewusstsein für Authentizität allerdings hat Relotius nun wieder geschärft. Heute wird kaum mehr ein Journalistenpreis vergeben, bei dem die Jury nicht genau hinschaut, ob die Erzählung auch stimmen kann. Die Reportage aus Angst vor Fälschungen abzuschaffen, war für uns keine Option.

Um einen zweiten Fall Relotius zu verhindern, haben wir unsere journalistischen Standards für Recherche, Erzählung und Verifikation überarbeitet und in einem verbindlichen Leitfaden zusammengefasst. Wir werden zum Jahresanfang 2020 eine Ombudsstelle einrichten, die auch anonyme Hinweise auf Unregelmäßigkeiten entgegennimmt und diesen gegebenenfalls zusammen mit der Aufklärungskommission nachgeht. So wie wir dies derzeit im Fall der rund 26 Jahre alten Titelgeschichte "Der Todesschuss" (SPIEGEL 27/1993) zum GSG-9-Einsatz von Bad Kleinen tun.

Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bedanken bei Juan Moreno, unserem Kollegen, der Relotius entlarvt hat. Und bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dafür, dass Sie uns die Treue gehalten haben, im Vertrauen darauf, dass wir aus diesem Fehler unsere Lehren ziehen.