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"Der Fall Meursault": Die Wunden sind nicht verheilt

Foto: Judith Buss

"Der Fall Meursault" in München Das Opfer hat einen Namen

Amir Reza Koohestani bringt den Roman "Der Fall Meursault" auf die Bühne. Ein hervorragender Theaterabend über die Verwüstungen, die der französische Kolonialismus in Algerien hinterlassen hat.

Jetzt, da der "Fall Meursault" gelöst ist und der Tod des namenlosen Arabers am Strand von Algier gerächt, stürzt sich das Theater darauf. Wir erinnern uns: Albert Camus ließ in seinem Roman "Der Fremde" einen Algerier aus scheinbar niedrigsten Beweggründen umbringen, von einem Franzosen namens Meursault. Den Nobelpreisträger interessierte aber weniger die Tat an sich, als die abgründige Gleichgültigkeit und die Seelenkälte des Mörders.

In der Folge wurde großes philosophisches Gewese um das Buch gemacht, vom Geworfensein in die Welt und von der Absurdität überhaupt geredet. Der Tote am Strand: ein philosophischer Kollateralschaden.

Das wurmte Kamel Daoud, einen Landsmann des Opfers, und 70 Jahre nach dem Erscheinen des Buches legte er eine "Gegendarstellung" vor: In seinem Roman bekommt das Opfer einen Namen und eine Familie. Und Moussa, wie er nun heißt, wird von seinem Bruder Haroun nahezu klassisch gerächt. Die Fragen aber, die Daoud stellt, sind weitaus lebensnaher als Camus' existenzialistisch es Gedankenkonstrukt. In "Der Fall Meursault" geht es um einen Funken Frieden, um den Ursprung von Gewalt, um andauernde Unterdrückung und um die Herstellung von Ordnung und Normalität in einem Land, das bis heute unter den postkolonialen Auswirkungen leidet.

"Wie macht man daraus einen Theaterabend...?", wurde schon vor einigen Wochen an dieser Stelle gefragt. Die Kollegin kam zu dem Schluss, dass die Inszenierung von Johan Simons für die Ruhrtriennale nicht gelungen sei. Eine gigantische Kohlenmischmaschine schien das Stück niederzuwalzen: spektakuläre Bilder, betörende Töne - am Kern des "Falls" vorbeiinszeniert. Beliebigkeit. Eurozentrismus.

Der Tote bleibt ein Symbol der Ausbeutung

Ausgerechnet an Simons' alter Wirkungsstätte aber, den Münchner Kammerspielen, zeigt jetzt der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani, dass sich der Stoff eben doch hervorragend für die Bühne eignet, wenn man nicht die visuelle Überwältigung im Sinn hat, sondern die stillen, poetischen, gleichwohl schmerzenden, zweifelnden, unerhörten Töne des Romans ernst nimmt und sichtbar macht.

Indem Koohestani seine Figuren in einem leeren, nur mit Teppichen ausgelegten Raum zeigt, schafft er eine stimmige, zeitlose Atmosphäre, die dafür steht, dass das Land Algerien bis heute auf die Einlösung des Versprechens wartet, in Frieden und Unabhängigkeit zu existieren. Moussa (beziehungsweise Musa, wie man ihn in München schreibt), der Tote, bleibt ein Symbol der Ausbeutung und der menschenverachtenden Ignoranz, mit der die Kolonialmacht Frankreich in Nordafrika regierte - und unterging, ohne sich um die Wunden und nicht heilen wollenden Narben zu kümmern, mit denen sie ein desillusioniertes Volk zurückließ.

Daouds Buch ist eine lange Suche nach Antworten. In den Münchner Kammerspielen wird daraus ein vielschichtiges Verwirrspiel, bei dem die Realität in die erfundene Erzählung einbricht, bei dem Lebende auf Tote treffen, Romanhelden auf wirkliche Verlierer, Identitäten erprobt und vertauscht werden. In jeder Szene findet hier Verstörung statt, werden Ängste formuliert, und es zeigt sich, dass der Seelenballast, den die Familie Moussas mit sich herumschleppt, mit den Jahren nicht kleiner, sondern erdrückender geworden ist.

Aus einer Gegenwart heraus, in der Aufstände gegen den Staat und die übermächtig werdende Religion schon mitten im ersten euphorischen Siegesgeschrei scheitern, blickt Haroun (in München: Harun), der Bruder, auf das quälende Ereignis im Roman Camus' zurück. Der Blick ist Auslöser für einen verzweifelten Kampf gegen die Verhältnisse, vor allem gegen das eigene Erdulden der historischen Fehler.

Die Kugeln brauchen eine Ewigkeit, bis sie treffen

Wie eine Rachegöttin zieht Moussas Mutter (Mahin Sadri) mit dem Bild ihres Sohnes durch die Szene und fragt (auch ganz frontal das Publikum) nach seinem Verbleib. Sie spricht konsequent nur ihre Sprache, Farsi, als ob es nur in ihr das Wort "Gerechtigkeit" gäbe, und weiß doch in ihrem Innersten, dass niemand sie verstehen wird; sie ist steckengeblieben in diesem Tag vor 70 Jahren, die Entwicklungen um sie herum sind ihr fremd. Es wird auch keine Verständigung mit Haroun geben, der in München in drei verschiedenen Entwicklungsstadien auftaucht.

Da ist das kleine Kind, das stumm die Ermordung des Bruders registriert, aber nie vergessen wird. Als junger Mann, den Samouil Stoyanov glänzend ironisch, sarkastisch und fatalistisch spielt, dringt er vor zu den Wahrheiten hinter den Lügen von Politik und Heilsverkündung und tötet seinerseits mit dem Wissen um die Vergeblichkeit einen Franzosen; für diese Folgetat, die doch nur die Gewaltspirale weiterdreht, interessiert sich aber schon niemand mehr. Walter Hess, der alte Haroun, der mit vom Rotwein schweren Kopf jedem, den es nicht interessiert, die Geschichte seiner Familie erzählt, ist da mit seiner komischen Hilflosigeit wie eine Beckett-Figur, der der Sinn ihres Tuns und Schwadronierens längst abhanden gekommen ist.

Wo endet der Roman und wo beginnt das richtige Leben und Sterben? Koohestani jongliert mit den Ebenen und den Gewissheiten, sein Erzählton ist ruhig und fast ein wenig melancholisch, er ist mal streng protokollarisch, mal wie verzaubert und wie aus einer ganz anderen, weit entfernten Welt kommend. Die Zeit spielt keine Rolle hier, selbst die Kugeln brauchen eine Ewigkeit, bis sie treffen, und wer getroffen wird, der fällt fragend und um Erklärung ringend. Um Schuld geht es Koohestani nicht, nur um das Begreifen.

Die Liebesgeschichte zwischen Haroun und Meriem (Maya Haddad), die das Erfundene mit all dem Erlebten und Erlittenen zusammenbringen will, könnte am Ende eine Erlösung sein. Aber da wird nichts draus, da ist zu viel aufgestauter Hass, da sind die Zwänge des Glaubens und da ist die verletzte Ehre. Und da sind die Toten, der Algerier, der nun wenigstens einen Namen hat, und der Franzose, um den sich niemand schert. Und Leichen verweigern nun mal die ausgestreckte Hand.


"Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung": Münchner Kammerspiele, nächste Vorstellungen am 30.9. sowie 4., 10., 21. und 31.10.; Tel. 089/23 39 66 00; www.muenchner-kammerspiele.de 

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