"Der Gott des Gemetzels" in München Kotzt nicht so romantisch!

Ein Stück über sich brutal prügelnde Schüler und die Streitereien ihrer Eltern ist Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels". Die Münchner Inszenierung will beweisen, dass in jedem ein Gewalttäter steckt - und dass Sunnyi Melles sich so krass auf der Bühne zu übergeben versteht wie niemand sonst.

Der Bürgerkrieg findet im Wohnstudio statt, und das ist in der Boutiquen- und Bonzenhauptstadt München natürlich besonders schick bestückt. Vier elegante Stühle, ein Glastisch und zwei Blumenvasen auf einem Parkettbodenviereck, dahinter die Brandmauer des Theaters, das ist das Arrangement, in das die bekannt geschmackssicheren Theaterkünstler Jürgen Rose (Bühnenbild) und Dieter Dorn (Regie) vier edle Starschauspieler hineinsetzen, als sei's ein Schaufenster des Edelmöbelladens Habitat.

Sibylle Canonica und Michael von Au auf der einen Seite, Sunnyi Melles und Stefan Hunstein auf der anderen, diese vier spielen zwei Ehepaare, die sich zu Friedensverhandlungen treffen: Ihre beiden elfjährigen Jungs haben sich geprügelt, und der eine, Ferdinand, hat dem anderen, Bruno, dabei anderthalb Zähne ausgeschlagen.

Die Zuschauer im Residenz-Theater schreien vor Lachen, viele lachen so sehr, dass ihnen die Tränen über die Wangen rinnen: Das ist auch in München so bei Yasmina Rezas Wohnzimmerstück und Ehe-Zankerei "Der Gott des Gemetzels". Denn das Stück gilt ganz zu Recht als Komödienbrüller der Saison. In Zürich, Bochum und Köln ist es schon ein Riesenerfolg, bald wird es in noch viel mehr Städten laufen, in Hamburg zum Beispiel kommt es Mitte Februar am St. Pauli Theater heraus (unter anderem mit Barbara Auer und Herbert Knaup).

Für Dieter Dorn aber ist die Sache bitterernst. Wenn sich bei ihm die Eltern erst freundlich unterhalten, dann angiften und sich schließlich gegenseitig an die Gurgel gehen, dann ist das nicht bloß eine spielerisch philosophische Mahnung wie bei Yasmina Reza (in jedem Mensch steckt unter einer dünnen Schicht andressierter Zivilisation ein Raubtier), sondern eine strenge Anklage.

Rotwangig empört erzählt Sybille Canonica als Mutter des verletzten Jungen von ihrem Engagement für die Opfer des Völkermords im afrikanischen Darfur, und wenn sie dann später selber ausflippt und ihrem Mann eins auf den Kopf gibt, dann wissen wir: Darfur ist auch in Europa nicht weit, die Totschläger sind mitten unter uns, ach was - in uns. Die Gewalttäter sind nicht jugendlich und ganz ohne Migrationshintergrund, es sind vornehme und anständige, linksalternative oder konservative Bürger wie du und ich.

Erstaunlicherweise stört Dorns moralische Zaunpfahlschwingerei nicht weiter. Zwar lässt er seine Schauspieler in kostbarer Langsamkeit die Schrullen ihrer Figuren auspacken, wenn Stefan Hunsteins Anwalt zum Beispiel immer aufs neue nach seinem Mobiltelefon fingert und seine Mitarbeiter anschnauzt und seine von Sunnyi Melles gespielte Gattin über die ständige Telefoniererei erst nur ganz sanft und dann immer mehr in Rage gerät. Zwar zeigt Dorn stets überdeutlich die Verzweiflung, in der Michael von Aus Cordhosenpapa stets um Harmonie bemüht ist, die Panik, in der Melles' Vermögensberaterschnepfe sich in Mädchenposen wirft, für die sie schon ein paar Jahre zu alt ist. Aber die vom Regisseur stets dick aufgetragene Tragödienschminke potenziert noch den Spaß des Publikums.

Denn dass die Figuren wirklich schlimm zu leiden scheinen, macht ihre Abstürze erst richtig lustig: Das übelste Malheur passiert, als sich die von Sunnyi Melles gespielte Mutter des Übeltäters Ferdinand plötzlich übergeben muss. In anderen Aufführungen ist das eine ulkige Lachnummer, hier folgt die Reiherattacke der Devise: Kotz nicht so romantisch!

Minutenlang ächzt Melles und würgt und übergibt sich, dass es ein Elend ist. Sie krümmt sich auf dem Stuhl und kniet auf dem Parkett, sie röchelt und röhrt - eine schrecklich, grandiose, von Jubel und fröhlichem Geschrei im Zuschauerraum begleitete Theatersauerei! Wobei die Begeisterung des Publikums natürlich schlagend beweist, was Reza und Dorn in unterschiedlichen Tonlagen verkünden: Wir Menschen sind schon ein rohes, mitleidloses Pack.

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