Der gute WM-Gastgeber Bleiben Sie einfach deutsch!

Wie starrt man den weiblichen brasilianischen Fans unauffällig auf den Bauchnabel? Wie reagiert man auf neugierige Fragen nach Hitler? Wie soll man sich im Stadion kleiden und benehmen? SPIEGEL ONLINE präsentiert den ultimativen Ratgeber für den guten deutschen WM-Gastgeber.
Von Reinhard Mohr

Allmählich besinnen sich die Deutschen darauf, welch einzigartige Chance die WM 2006 bietet, das durch Arbeitslosigkeit, und Reformstau geschundene Land des Jammerns geistig-moralisch aufzurichten - nicht zuletzt mit Hilfe selbstproduzierter Begeisterungsfähigkeit.

Es geht um basisdemokratischen und lebensfrohen Optimismus, um zivile Freude am glücklichen Augenblick und jene Lust auf die Zukunft, deren Fehlen in Deutschland seit Jahr und Tag beklagt wird. "Die Welt zu Gast bei Freunden" heißt die Parole, mit der Kaiser Franz seit Jahren durch die Welt fliegt.

Ja nee, is' klar, immer gerne. Aber wie macht man das: Gastfreundschaft in Deutschland? Buon giorno! Mein Name ist Atze Schröder. Wie kann ich Ihnen helfen?

Aber wie weicht man den Fallstricken des multikulturellen Alltags aus, wenn karibisch groovende Fußballfans aus Trinidad/Tobago in der Dortmunder Fußgängerzone auf schwer betrunkene Schweden treffen, die auch ohne Übersetzungshilfe ganz selbsttätig herausgefunden haben, was ein "Köpi" ist? Caipi gegen Köpi - ein Kampf der Kulturen auf deutschem Boden?

Wichtiger noch: Wie präsentiert sich der Deutsche, marketingtechnisch gesprochen: Wie positioniert er sich? Wo hilft er, wo greift er ein und wo hält er sich besser raus? Und: Wie stolz soll man sein, wie patriotisch? Nicht zu viel und nicht zu wenig, würde Horst Köhler sagen. Global denken, im Lokal handeln?

Aber ob das eine brauchbare Orientierung ist für den Fall, dass deutsche Hooligans, ebenfalls in Dortmund, vor dem Spiel gegen unsere östlichen Nachbarn "Haut die Polen platt wie Bohlen!" brüllen?

Und wie erklärt man unseren Freunden aus Iran das Berliner Holocaust-Mahnmal, von der Verkehrssprache mal ganz abgesehen? Was tun, wenn serbische Fußballanhänger im Chor "Slo-bo-dan Mi-lo-se-vic!" und ein höhnisches und bitter anspielungsreiches "Sre-bre-ni-ca! Sre-bre-ni-ca!" rufen, kurz bevor es in Leipzig gegen Hollands Oranje-Kicker geht?

Um diese und andere Fragen zu klären, wollen wir ein paar Antworten versuchen: Grundsätzlich kommt es auf die richtige Haltung an. Und die ist klar:

Deutsche Befindlichkeit und Vergangenheit:

Deutschland ist weltoffen, aber auch urtypisch. Besseres Brot findest du nirgendwo auf der Welt. Vom Bier ganz zu schweigen.

Also treten wir den Freunden aus mindestens 31 Fußballnationen ebenso höflich wie selbstbewusst entgegen, gelassen und souverän, dabei weder arrogant überheblich noch spießerhaft kleinmütig oder gar gleichgültig. Jetzt können wir endlich zeigen, was wir in den vergangenen 60 Jahren gelernt haben.

Wenn also amerikanische Freunde vor dem Spiel Ghana-USA in Nürnberg auf dem Gelände der berüchtigten NSDAP-Reichsparteitage herumirren und nach Joseph Goebbels fragen, antworten Sie ganz ruhig, aber entschlossen: "Der ist tot." Vermeiden Sie unbedingt das Adverbium "leider". Also bitte nicht: "I am so sorry, but that guy is dead." Sicherheitshalber fügen Sie hinzu: "Hitler übrigens auch, the 'Führer' too".

Ins ratlose Erstaunen der lieben Freunde aus Amerika hinein können Sie vielleicht noch den Hinweis platzieren: Our recent leader is Angela Merkel, sprich: Äindschela Mörkel.

Was die mancherorts nahezu unausweichliche Konfrontation mit der Nazi-Vergangenheit überhaupt betrifft, ob vor der Münchner Feldherrenhalle, im Berliner Olympiastadion oder im ehemaligen NS-Raketenstützpunkt Peenemünde, gilt prinzipiell: Wir verschweigen nichts, wir müssen aber auch nicht ständig darüber reden. Als aufgeklärte und kritische Patrioten blicken wir nun nach vorne.

Zum Beispiel auf die nackten Bauchnabel junger brasilianischer Frauen, die vor dem Mannschaftsquartier des Weltmeisterschaftsfavoriten, dem Kempinski-Hotel in Falkenstein am Taunus, Position bezogen haben und auf Ronaldinho, Cafu, Kaka & Co. warten. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn wir als zuvorkommende deutsche Gastgeber uns dazu gesellen und so tun, als würden auch wir Ronaldinho sehen wollen. Doch wir, oder besser SIE, ja SIE sollten darauf achten, nicht allzu offensichtlich auf das traditionell freizügige Outfit weiblicher brasilianischer Fußballfans zu starren. Hier ist Sensibilität und Fingerspitzengefühl gefragt.

Wer sich gar nicht anders zu helfen weiß, sollte eine kalte Dusche nehmen oder an Robert Huth und die deutsche Abwehrkette denken.

Guter Rat und große Bitte: Bleiben Sie einfach deutsch. Wenn es sich machen lässt mit einem Schuss guter Laune. Das wirkt. Und entspannt. Auch Sie selber.

Sprudelnde Lebensfreude und allgemeine Verbrüderung:

Vergessen Sie nicht, dass von Verschwisterung nirgendwo die Rede ist.

Und: Die Fußballweltmeisterschaft ist nicht die Knutschinternationale der sozialistischen Weltjugend wie in der einstigen DDR, als bulgarische Kundschafterinnen der Staatssicherheit und ostdeutsche FDJler an der Weltuhr auf dem Alexanderplatz gegenseitig unter den Parteiuniformen und Plaste-BHs herumnestelten und jene kleine Freiheit genossen, die der real existierende Sozialismus gerade noch zuließ.

Wer hier und heute glaubt, die günstige Gelegenheit für billige erotische Abenteuer nutzen zu können, hat den nationalen WM-Auftrag - "Die Welt zu Gast bei Freunden" - nicht begriffen. Es heißt "Freunde", nicht "Freier". Für die gibt es offizielle "Verrichtungsräume" in Stadionnähe.

Wir sind Gastgeber, keine Grabscher, anständige Sportskameraden und keine marodierenden Gigolos. Wir sind charmant, nicht scharf, galant, nicht geil. Die Fußballweltmeisterschaft ist nicht dazu da, um unser langfristiges demografisches Problem zu lösen. "Wichtig is' auf'm Platz", hat ein großer deutscher Fußballweiser gesagt. Er meinte damit nicht das Gebüsch hinter der Großbildleinwand oder die Parkbank in Gelsenkirchen, sondern den hart umkämpften Strafraum des Gegners.

"Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker" soll Ché Guevara einmal gesagt haben. Comprende: Nicht "Sex" - Solidarität! Das wäre übrigens auch ein schönes WM-Motto gewesen. Reißen Sie sich also ein wenig zusammen. Gemeinsam zur Gitarre zu singen ist auch schön.

Geschlechterkampf:

Ein Wort an die deutsche Frau. Auch sie, die noch vor einigen Jahren keine Ahnung hatte, was Abseits bedeutet und wo auf dem Spielfeld eigentlich "halblinks" ist, fiebert nun mit vorm Fernseher. Und das ist gut so.

Aber wenn dann noch beim freien Fall auf die Grasnarbe die kurze Gucci-Hose verrutscht und die zu Boden gestreckten Azzurri wie waidwundes Piemont-Reh zum Schiedsrichter blicken, ist es aus mit Volk und Vaterland. Dann geht die deutsche Frau gnadenlos fremdschmachten.

Zugegeben: "Poldi" und "Schweini" klingen ein klein wenig uneleganter als Alessandro Del Piero oder Francesco Totti, und auch die Bewegungsabläufe der deutschen Balltreter sind meist ungelenker, schwerfälliger und weniger fließend als die ihrer geschmeidigen italienischen Konkurrenten. Aber darum geht es nicht. Es geht um Gerechtigkeit für Deutschland.

Einen neuen Geschlechterkampf am Spielfeldrand können wir uns gerade jetzt nicht leisten. Schon auf dem WM-Sofa zu Hause kommen Entzückensrufe über italienische, französische und lateinamerikanische Rasenschönlinge bei deutschen Fußballfreunden nicht gut an - in der großen Öffentlichkeit, vor den O-Ton-gierigen Fernsehkameras aber schwächen sie das, was Jürgen Klinsmann "unseren Spirit" nennt, das tolle Gemeinschaftsgefühl, das Selbstbewusstsein unserer Jungs, das ja auch ein schwieriger kreativer und innovativer Prozess ist.

Manchmal kommt noch strafverschärfend dazu, dass einige Frauen immer noch glauben, "auch die anderen" sollten doch mal gewinnen, zum Beispiel die sympathischen Muchachos aus dem schönen Costa Rica oder die netten Ecuadorianer mit den lustigen Zöpfen. Oder waren das die aus Trinidad-Tobago? Egal.

Verehrte deutsche Frau, lieber weiblicher WM-Fan - auch Sie tragen Verantwortung für das große Ganze!

Fallen Sie dem deutschen Mann, soweit er Fußballstiefel und kurze Hosen trägt und die Nationalhymne wie ein gefangener Kabeljau immerhin tapfer mitatmet, nicht in den Rücken! Wenn Sie unbedingt die von oben bis unten eingegelten Latin Scorer aus Argentinien und die coolen Koka-Kicker aus Kolumbien anschwärmen wollen, dann tun Sie's einfach beim Piccolöchen in der Frauenfußballgruppe.

Stadiongesänge und gutes Benehmen:

Aber auch die Männer müssen ihren Teil zum harmonischen Gesamtbild beitragen. Es muss nicht immer "Olé olé olé olé!" sein, "Wir woll'n euch kämpfen seh'n, wir woll'n euch kämpfen sehen! oder "Wir zieh'n den Amis die Lederschürzen aus!"

Auch auf der Fußballtribüne kommt es auf die Formulierung an, auf Feinheiten und Versmaß. Auch hier lassen sich Anfeuerung und optimistische Appelle an die eigene Nationalmannschaft in anspruchsvolle Reime fassen statt in tumbe Grölerei. Warum nicht einmal ganz klassisch mit Goethes "Faust" gemeinsam aus 50.000 Kehlen rufen:

"Wie alles sich zum Ganzen webt/ Eins in dem andern wirkt und lebt!"

Selbst wenn just in diesem Augenblick Philip Metzelder einer seiner berüchtigten Fehlpässe unterläuft und das deutsche Mittelfeldspiel wieder einmal im Chaos versinkt - bei Goethe findet sich immer das treffende Wort:

"Wenn aus dem schrecklichen Gewühle/ Ein süß bekannter Ton mich zog..."

Hoch gestimmte Gelassenheit und abgeklärte Grandezza des Weimarer Genies sollten uns durchaus Orientierung und Richtschnur sein. Das gilt selbstverständlich auch für den schlimmsten anzunehmenden Fall, für die Niederlage im Spiel und das vorzeitige Ausscheiden aus dem Turnier.

Wenn es trotz aller geistig-moralischen Ermunterung nicht klappt mit der Weltmeisterschaft, ist ein anderer deutscher Wesenszug gefordert, eine Mischung aus Spätromantik und bayerischem Neobuddhismus, tiefempfundenem Weltschmerz und einer Ahnung vom Nirvana. Als Franz Beckenbauer nach dem siegreichen WM-Finale im Juli 1990, im Augenblick des größten Triumphs, wie somnambul und selbstvergessen über den römischen Rasen schlenderte, zeigte er genau diese Haltung. Sie zeugte vom stillen Genuss, aber auch von dem Bewusstsein, dass es ein Moment bleiben wird, der vergeht. Dieser Geist ist gefragt im Falle des Scheiterns.

Dann verlassen wir anständig und geordnet das Stadion, den Platz vor der Großbildleinwand oder die Stammkneipe, ohne auch nur ein Glas umzuwerfen, schauen in den Himmel und fühlen uns ein bisschen wie Schimanski auf dem Weg zur nächsten Currywurstbude: einsam, aber mit der Aussicht, bald wieder etwas Warmes im Bauch zu haben: Helden des Rückzugs, aufs Wesentliche, aufs Existentielle konzentriert.

Auch im - äußerst unwahrscheinlichen - Fall des Gegenteils, zur Stunde unverhofften Glücks, sollten wir uns ganz ähnlich verhalten. Denn in der größten Freude verbirgt sich auch die tiefste Stille. Besinnung, die dem Jubel folgt, Erinnerung, die kostbarer ist als jede Augenblicksekstase.

Und helfen Sie ruhig mal mit, wenn irgendwo Not am Mann ist. Überlassen Sie nicht alles den offiziellen Hilfskräften. Auch 40.000 Polizisten, 7000 Bundeswehrsoldaten und 4000 Hostessen können nicht überall sein.

Schauen Sie auch mal selbst in einen Papierkorb oder unter einen verdächtig schräg liegenden Gully. Sprechen Sie orientierungslos herumirrende, in grellbunte Fahnen eingehüllte fremdländische Menschen einfach an ("Hi! I'm Günther. Can I help you?") und geben Sie höflich Auskunft, wenn Sie gefragt werden, wo es zum Hofbräuhaus gehe - selbst wenn Sie als Hamburger die ehrliche Antwort geben müssen, der Weg nach München sei ziemlich weit.

Stadionbekleidung und andere Baustellen:

Im Sommer herrscht selbst in Deutschland ein mediterranes Klima, der gleichnamigen schleichenden Katastrophe sei Dank. Seien Sie also locker drauf, easy und cool, trotz aller Nervenanspannung vor dem verdammt schweren Spiel gegen Costa Rica. Nur eines: Lassen Sie weiße Socken, erst recht in Kombination mit Sandalen, zu Hause! Das Gleiche gilt für bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Karohemden oder billige Muscle-T-Shirts mit eingebauten Schweißflecken.

Nebenbei: Ein schönes Eau de Toilette kann nicht schaden. Eine schicke Sonnenbrille übrigens auch nicht. Bei Männern sind kurze Hosen, wenn es denn unbedingt sein muss, erst ab 35 Grad im Schatten gestattet - bei Frauen ab 15 Grad. Kurze Röcke gerne ab 10 Grad. Von Natur aus sind wir pflichtbewusste, überwiegend protestantisch geprägte Arbeitsmenschen, die ihre Tätigkeit nur unterbrechen, um eine kurze Brotzeit einzunehmen. So kennt uns die Welt.

Daher der Appell an alle Verantwortlichen, ganz besonders in der Berliner Senatsbauverwaltung: Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, bis zum Beginn der WM die Arbeit an den unzähligen Baustellen zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz künstlich zu beschleunigen und vorzeitig zu beenden, schon gar nicht jene rund um den Hackeschen Markt! Selbstverständlich wird der Abriss am Palast der Republik planmäßig fortgesetzt - genauso wie der komplette Umbau des Monbijou-Parks an der weltberühmten Museumsinsel. Die Arbeiten am Pergamonmuseum dauern sowieso bis 2024.

Die Touristen dürfen auf keinen Fall enttäuscht werden, wenn sie das gute alte Deutschland suchen, wie es in den Schulbüchern steht: Fleißig, diszipliniert, effektiv und zielorientiert.

Deshalb ist es pädagogisch richtig, dass die internationalen WM-Besucher durch Sandhaufen waten, an hässlichen Bauwagen vorbeiklettern und über Berge noch nicht verlegten Pflasters stolpern. Dann begreifen sie ganz unmittelbar: Germany, the world famous land of ideas, is at work forever.

Das Leben - eine einzige Wanderbaustelle.

Für jeden aber kommt der Tag, da er vor seinem Herrn im Himmel steht, vor seinem Gott und Kaiser. Irgendwo auf einer Stadiontreppe, in der Herrentoilette, auf einem Empfang.

Was dann? Niederknien, herumstottern, mit feuchten Händen um ein Autogramm bitten?

Nein. Sie schauen ihm lächelnd ins Gesicht - erst recht, wenn Sie zufällig in der Toilette neben ihm stehen sollten -, nehmen Ihren ganzen Mut zusammen und sagen möglichst locker und ganz selbstverständlich:

"Ja, is' denn heut' schon Weihnachten!?!

Wenn der Kaiser freundlich lächelnd und noch viel viel lockerer zurückgibt: "Schaun mer mal!" - dann sind Sie gerettet.

Und mit Ihnen die WM und ganz Deutschland.

Denn dann war die Welt wirklich zu Gast bei Freunden.