"Der Herr der Ringe" Harry Potters größter Feind

Der Herr im Netz: Die Verfilmung des Tolkien-Romans revolutioniert die Film-PR. Auf Websites verfolgen Fans die Arbeit der Filmemacher auf Schritt und Tritt.

Von Rüdiger Sturm


Harry Potters größter Gegner heißt nicht "Du-weißt-schon-wer", denn Weihnachten 2001 trifft der erste Film um Joanne Rowlings Zauberlehrling auf eine viel mächtigere Konkurrenz. Zeitgleich startet Teil eins von Peter Jacksons Verfilmung der "Herr der Ringe"-Trilogie. Schon jetzt, gut zwei Monate vor Ende der Dreharbeiten, ist die Kinoversion von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Longseller zum Phänomen geworden. Noch nie zuvor wurde die Entstehungsgeschichte eines Films so genau verfolgt und dokumentiert. Das Medium aller Herr-der-Ringe-Fans ist das Internet. Über 20 Websites, sogar auf Hebräisch oder Polnisch, sind allein dem Film gewidmet, die Foren zum Thema Tolkien gar nicht eingerechnet.

Auf Plattformen wie "The Realm of the Ring" oder "Ringbearer", werden alle mehr oder minder relevanten Meldungen zur Verfilmung präsentiert und diskutiert: Ob die Statisten beim Dreh unterbezahlt werden, welcher Schauspieler für eine noch unbesetzte Rolle ausgewählt wurde, wann die Filmcrew vom Regen überrascht wurde. Das Interesse der Fans scheint keine Grenzen zu kennen. Besonders begehrt sind Fotos von den Filmkulissen, Trutzburgen, Palästen und mächtigen Städten, die auf Grund ihrer großen Dimensionen schwer versteckt werden können. Nachdem Jacksons Crew ausschließlich in Neuseeland dreht, sind die Schauplätze für die Fan-Spione noch leichter zu lokalisieren. Neuerdings gibt es sogar eine vierminütige Collage mit Video- und Fotoaufnahmen von Filmsets und Drehorten zum Herunterladen.

Szene aus "Lord of the Rings"

Szene aus "Lord of the Rings"

Dagegen stehen die meisten der professionellen Medien vor verschlossener Tür. New Line, das produzierende Studio, gewährte bislang fast nur neuseeländischer Lokalpresse Zutritt zum Set, während die Umtriebe der Fans von den Produzenten weitgehend geduldet werden. Die zig Millionen von Tolkien-Adepten sollen schließlich Kinotickets kaufen, und mit derlei PR werden die Erwartungen nur angeheizt. Stefan Servos, Macher der führenden deutschsprachigen Fansite, "herr-der-ringe-film.de", will damit "das Warten auf den Film abkürzen."

Über seine Internetadresse versucht er die Tolkien-Gemeinde auch in der realen Welt zusammenzubringen: Von 12. bis 14. Januar veranstaltet er auf der Jugendburg Hohensolms bei Gießen "das größte Treffen von Tolkien-Fans in Deutschland". Heißeste Ware der Seiten-Macher sind exklusive Neuigkeiten, die von einem Netzwerk aus Informanten zugetragen werden. Selbst Servos, der fern vom Drehort agiert, hat seine Kontakte: Er war der erste, der die Besetzung für die Figur des Denethor, einer wichtigen Nebenrolle, mit dem Schauspieler John Noble vermelden konnte. Vom New Line-Produktionschef Michael de Luca holte er sich zudem die offizielle Bestätigung für das Engagement von Liv Tyler.

"Company of the Ring: TolGalen", die dienstälteste Film-Site, kann sich sogar eines direkten Drahts zu Regisseur Jackson rühmen. In der Regel arbeiten die Online-Tolkienianer weltweit zusammen und spielen sich die Nachrichten zu. Doch für manche ist jetzt Schluss mit lustig. "TheOneRing.net", eine der wenigen Sites, die auch als kommerzielles Unternehmen funktioniert, sieht die anderen Herr-der-Ringe-Foren offensichtlich als lästige Konkurrenz und versuchten sie jüngst mit fadenscheinigen Argumenten sperren zu lassen.

Filmplakat des begehrten Streifens

Filmplakat des begehrten Streifens

Manchmal führt das Buhlen um die Fans sogar vor den Kadi. Als die neuseeländische "Evening Post" Poster von spektakulären Filmkulissen vermarkten wollte, schritten New Lines Anwälte ein. Im August wurde der Neuseeländer Predrag Dordevich verurteilt, der drei 90-minütige Videobänder mit "exklusivem, nie gezeigtem Filmmaterial" für 50.000 Dollar das Stück zu verkaufen versuchte. So könnte die unorthodoxe "Herr der Ringe"-PR langsam zum Erliegen kommen. In der Endphase der Dreharbeiten ist das Filmset stärker abgeschottet als sonst. Wenn sich danach die Filmemacher in ihren Büros an die Effekt- und Schnitt-Computer zurückziehen, wird es für die Fan-V-Männer noch schwieriger, an exklusive Bilder und Neuigkeiten zu kommen. New Line hat sein Informationsmonopol zurück. Aber vielleicht verfügen Tolkiens Agenten über einen Ring, der sie unsichtbar macht.



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