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Deutsche Metropolen: Gespensterstädte mit Lofts

Foto: Jérome Gerull/ jeromegerull.de

Macht und Metropolen "Man baut unsere Städte für die Oberschicht"

Das Proletariat? Kannste vergessen - der Klassenkampf von heute findet in und um Metropolen statt! Diese These vertritt David Harvey. Im Interview spricht der britische Neo-Marxist über Immobilienblasen, irrwitzige Prestigebauten wie die Elbphilharmonie und Häuslebauer als Feinde der Revolution.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte sich ein Marxist heutzutage eigentlich mit Metropolen befassen - und nicht mit der Arbeiterklasse?

Harvey: Traditionelle Marxisten sehen in der Industriearbeiterschaft ja die Avantgarde der Revolution. Seitdem diese im Zuge der Deindustrialisierung im Westen aber verschwindet, fängt man an zu begreifen, dass urbane Konflikte möglicherweise entscheidend sind.

SPIEGEL ONLINE: In Griechenland sind im Verlauf der Schuldenkrise die Löhne gesenkt und soziale Errungenschaften abgeschafft worden. Die Generalstreiks erzeugten nicht ausreichend Gegendruck. Ein Beleg für Ihre These, dass das klassische Proletariat ein Land nicht mehr lahmlegen kann?

Harvey: Ja, die Arbeiterschaft ist heute Teil einer breiteren Klassenkonfiguration, in der es um den Kampf um die Stadt selbst geht. Ich ersetze das traditionelle Klassenkampf-Konzept durch den Kampf all derer, die urbanes Leben produzieren und reproduzieren. Gewerkschaften müssen auf den städtischen Alltag blicken - ein Schlüssel für kommende soziale Auseinandersetzungen. In den USA etwa hat deshalb der Gewerkschaftsverband AFL-CIO angefangen, gemeinsame Sache mit Hausarbeiterinnen und Migranten zu machen.

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Deutsche Metropolen: Gespensterstädte mit Lofts

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SPIEGEL ONLINE: Eine Grundthese Ihres Buchs "Rebellische Städte" ist, dass Stadtentwicklung das Problem des überschüssigen Kapitals löst: Man baut Straßen und Immobilien auf Pump - und versucht so, der Rezession zu entkommen.

Harvey: Der "Federal Reserve Bank Report" aus San Francisco hat es kürzlich so ausgedrückt: Die USA haben ihre Rezessionen historisch stets überwunden, indem sie Häuser gebaut und sie mit Sachen gefüllt haben. Urbanisierung kann Krisen auslösen - aber sie ist vor allem ein Weg, um aus Krisen rauszukommen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es aktuelle Beispiele für diese Strategie?

Harvey: Wo entwickelt sich die Wirtschaft derzeit am rasantesten? In China und der Türkei. Was sehen wir in Istanbul? Überall Kräne. Und China verlor, als 2008 die Krise losbrach, wegen der Einbrüche der US-Importe für Konsumgüter 30 Millionen Jobs innerhalb von 6 Monaten. Die chinesische Regierung hat dann 27 Millionen neue Jobs geschaffen. Und wie? Die Chinesen haben ihre riesigen Handelsbilanzüberschüsse dafür genutzt, ein gigantisches Stadtentwicklungs- und Infrastrukturprogramm aufzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Braucht man für so eine Hauruck-Krisenstrategie nicht ein autoritäres Regime wie in China?

Harvey: Man stelle sich mal vor, Obama würde Goldman Sachs befehlen wollen, Geld an Immobilienentwickler auszugeben - viel Spaß! Wenn aber eine chinesische Bank eine Anweisung vom Zentralkomitee der Partei erhält, verleiht sie eben Geld wie gewünscht. Die chinesische Regierung hat die Banken dazu gezwungen, Entwicklungsprojekte großzügig mit Geld auszustatten.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Art von Urbanisierung denn unbedingt schlecht?

Harvey: Urbanisierung ist ein Kanal, durch den überschüssiges Kapital fließt, um die Städte für die Oberschicht neu zu bauen. Ein machtvoller Prozess, der neu definiert, worum es in Städten geht, wer dort leben darf und wer nicht. Und er definiert die Lebensqualität in Städten nach den Maßgaben des Kapitals, nicht nach denen der Menschen.

SPIEGEL ONLINE: In Istanbul baut die staatliche Wohnungsbaugesellschaft Toki aber massenhaft Großsiedlungen für Ärmere - widerspricht das nicht Ihrer These?

Harvey: Nein, denn die Bewohner der sogenannten Geçekondus, informellen Siedlungen, die immerhin am Stadtrand liegen, werden kurzerhand in Neubaugebiete 30 Kilometer außerhalb des Zentrums verpflanzt. Eine massenhafte Vertreibung.

SPIEGEL ONLINE: Die Subprime-Krise in den USA ist ja gerade aus dem Versuch entstanden, den Hausbesitz in die unteren Schichten zu tragen. Man hat waghalsige Finanzprodukte geschaffen, damit selbst die ärmsten Schlucker beliehen werden konnten.

Harvey: Gib Kredit! - Dieser Schlachtruf hat die neoliberale Agenda durchgesetzt. Neu ist das aber nicht. Schon während der McCarthy-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die herrschenden Klassen erkannt, dass Eigenheime eine wichtige Rolle spielen, um soziale Unruhen zu vermeiden. Man bekämpfte einerseits linke Umtriebe als unamerikanisch. Andererseits förderte man mit Finanz- und Hypothekenreformen das Bauen. In den Vierzigern lag die Eigenheimquote in den USA noch bei unter 40 Prozent, in den Sechzigern dann schon bei 65 Prozent - und während des letzten Immobilienbooms in den Nullerjahren bei 70 Prozent. In den Diskussionen um die Hypothekenreform Ende der Dreißiger fiel einmal der Schlüsselsatz: "Verschuldete Hausbesitzer streiken nicht."

SPIEGEL ONLINE: Die Philosophen Michael Hardt und Toni Negri behaupten in ihrem Buch "Commons", die Stadt sei eine Fabrik zur Produktion von Gemeingütern. Würden Sie das unterschreiben?

Harvey: Es kreist tatsächlich viel um die Frage, was als urbanes Gemeingut gilt. Die Öffentlichkeit zentraler Plätze ist bedeutsam, wenn es um ein Recht auf Stadt geht - das haben die Occupy-Bewegung sowohl in New York als auch in London gezeigt, die beide privatisierte Plätze erobern mussten. Mir gefällt das historische Bild der Pariser Kommune in diesem Zusammenhang: Die an der Peripherie lebenden Menschen kehren ins Zentrum zurück, um die Stadt, aus der sie ausgeschlossen wurden, zurückzuerobern.

SPIEGEL ONLINE: Sollen Besetzungen ein Recht auf Stadt durchsetzen? Ein Haus nach dem anderen, ein Platz nach dem anderen?

Harvey: Nein, dafür muss man politische Macht erobern. Die Linke heute schreckt aber leider vor Größenordnungen, bei denen staatliche Politik gefordert ist, zurück. Ein freiwilliger Machtverzicht in meinen Augen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Marxist und Theoretiker der Urbanisierung. In Ihrem neuen Buch "Rebellische Städte" schreiben Sie von der "Kunst der Grundrente" - das heißt, dass das Kapital Extraprofit aus lokalen Unterschieden schlägt. Was genau meinen Sie damit?

Harvey: Ganz einfach: Ein Monopolist kann einen Aufschlag verlangen, weil nur er ein gefragtes Gut hat. Städte versuchen daher heute, einen Preisaufschlag zu erreichen, indem sie sich als kulturell einzigartig darstellen. Nachdem Bilbao 1997 sein Guggenheim-Museum gebaut hatte, haben in den Folgejahren Städte auf der ganzen Welt nachgezogen und Landmark-Building-Projekte begonnen. Das Ziel ist, behaupten zu können: Diese Stadt ist einzigartig, deshalb musst du einen besonderen Preis bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn jede Stadt ein Guggenheim-Museum oder eine Elbphilharmonie hat, gibt's eine Inflation solcher Leuchtturmprojekte, und diese Strategie scheitert, oder?

Harvey: In Spanien ist die Blase ja auch geplatzt, viele der riesigen Projekte blieben halbfertig. Groß-Events wie Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften oder Musikfestivals verfolgen übrigens denselben Zweck. Städte versuchen, sich am Markt als besonders wertvoll zu platzieren - wie ein seltener Wein aus einem guten Jahrgang.

Das Interview führte Christoph Twickel
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