"Der Persönlichkeitstest" Was Zahnarzt und ZDF gemeinsam haben

ZDF zu gucken ist manchmal wie ein Besuch beim Zahnarzt: Dort liest man zur emotionalen Erbauung im Wartezimmer die Persönlichkeitstests in den Frauenzeitschriften. Der Mainzer Sender hat das Print-Format jetzt ins Fernsehen übertragen. Erbaulich war's nicht gerade.

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Sie kennen das vom Besuch beim Zahnarzt: Da blättert man im Wartezimmer auch als Mann ganz gerne mal in Frauenzeitschriften, um sich in den dort offerierten Persönlichkeitstests ein Bild von seiner Beziehungstauglichkeit zu machen. Und auch wenn die schmerzenden Zähne im Mund an ein Trümmergebiss erinnern - die Ergebnisse dieser Psychoprüfungen lassen einen dann doch als Traumpartner erscheinen. Als bindungsunfähiges und zu Aggressionen neigendes Emo-Wrack wird man in solchen Tests "brodelnder Vulkan" genannt, als Hasenfuß mit Verlustängsten ist man immerhin eine "treue Seele". Wozu ein Besuch beim Dentisten doch gut ist.

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Fotostrecke: "Der Persönlichkeitstest" im ZDF
Das ZDF hat gestern Abend nun ein neues Fernsehformat präsentiert, das fast genau so spannend ist wie ein Zahnarztbesuch. In Mainz nennt man so was Unterhaltungssendung. Drei Prominente sitzen im gedämpften Rot der Studiokulisse herum, um Auskunft über ihre Bindungsfähigkeit zu erlangen. Über das Beziehungsleben von zweien dieser drei informierte ja schon die Boulevardpresse ausführlich: Der Fernsehregisseur Dieter Wedel ist demnach ein Freund der Vielweiberei, der Schauspieler Heiner Lauterbach ließ sich von seiner jungen Frau vom Haudrauf zum Hausmann erziehen. Und die Grünen-Chefin Claudia Roth? Über deren Partnerausrichtung war bislang nicht viel bekannt.

Das änderte sich dann im Lauf der Sendung. Nicht immer machte die Politikerin dabei eine gute Figur. Roth ist so was wie eine Entertainmentkanone mit Ladehemmungen. Sie lässt sich zwar in jede drittklassige Spielshow einladen, hat das Prinzip Unterhaltung allerdings noch nicht so recht zum eigenen Vorteil durchdrungen. Beim ZDF-"Persönlichkeitstest" hatte sie schon deshalb einen schlechten Start, weil die Topfschnittträgerin just dann im Bild erschien, als der Satz fiel: "Der Mann, dem die Frauen vertrauen." Der war eigentlich dem Roth folgenden Regisseur Wedel zugedacht - also dem passionierten Schauspielerinnenquäler, der sich nun wirklich noch nie als Frauenversteher hervorgetan hat.

Als einzige Vertreterin des weiblichen Geschlechts hatte Roth zwischen den beiden schlimmen Fingern Wedel und Lauterbach eine unangenehme Aufgabe: Während die beiden routinierten Showmänner genüsslich die Widersprüche zwischen Image und Testergebnissen auskosteten, ging es bei der Single-Frau ans Eingemachte. Irgendwie traurig klang es, als sie sagte, dass in ihrem Kühlschrank gähnende Leere herrsche, weil da niemand sei, für den es sich lohnen würde, ihn aufzufüllen. Dann wurde auch noch ein guter Freund eingeblendet, der erzählte, wie oft die Claudia schon von ihren Männern bitter enttäuscht worden sei.

Zu schlimm ist es dann aber doch nicht geworden. Dafür sorgte schon die aus der Schweiz stammende Moderatorin Sandra Studer, die nicht ganz so schöne Testergebnisse mit käsiger Alpendiplomatie wegschmeichelte. Außerdem gab es den in solchen Shows unterlässlichen Experten. Hier wars ein Psychologe mit dem putzigen Namen Werner Katzengruber. Statt wie andere Seelenklempner boshaft an den Schwachstellen anderer Leute rumzuschrauben, sprach er mit salomonischer Sanftmut Sätze wie diesen: "Mit Toleranz und Vertrauen kann man über die tiefsten Täler Brücken bauen." Ach so.

Auf diese Weise lieferte "Der Persönlichkeitstest" eine Stunde Fernseherbauung zur Primetime in nahezu kostenneutraler Form. Erst letzte Woche haben die ZDF-Programmgewaltigen bei einer Vorstellung ihrer TV-Ereignisse des Jahres 2006 stolz verkündet, man habe noch nie so viel Geld locker gemacht. Das bezog sich allerdings eher auf spektakuläre Polit-Dokus und Eventmovies.

Mit Sendungen wie "Der Persönlichkeitstest", in der ein Printformat eins zu eins für das Fernsehen übernommen wird, kann man nun supergünstig Programmzeit füllen und so auf die Finanzlöcher reagieren, die imageträchtige Eigenproduktionen wie der im März laufende Histotainment-Zweiteiler "Dresden" in den Haushalt reißen. So viel senderökonomische Kalkül geht schon in Ordnung. Man sollte es allerdings nicht überstrapazieren.

Wenn man zu lange beim Zahnarzt sitzt und in den dort ausliegenden Magazinen blättert, kommt man irgendwann zwangsläufig zu den Rätselseiten. Vielleicht möbeln die Macher in Mainz, wo man offensichtlich nicht mehr so sehr mit dem Negativ-Image des Kukident-Senders hadert, ja ein weiteres genuines Zeitschriftengenre für die eigenen Zwecke auf. Das Kreuzworträtsel im Fernsehformat. Beim ZDF durchaus vorstellbar.



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