Der Traum vom Mars (II) "Die Begeisterung nimmt wieder zu"

Achim Bachem, für Raumfahrt zuständiges Vorstandsmitglied beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), sprach mit SPIEGEL ONLINE über Stimmungen, Voraussetzungen und Hürden auf dem Weg zu einer bemannten Mars-Mission.

Von Hans-Arthur Marsiske


DLR-Vorstand Bachem: "Gegenwärtig kein Thema"
Mars Society

DLR-Vorstand Bachem: "Gegenwärtig kein Thema"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Bachem, wie intensiv wird beim DLR über bemannte Missionen zum Mars nachgedacht?

Achim Bachem: Eine bemannte Mars-Mission ist für das DLR gegenwärtig kein Thema. Wenn wir uns allerdings mal die Folge der geplanten Mars-Missionen vorstellen, dann könnte so ein Projekt ein sinnvoller nächster Schritt nach der geplanten Sample-Return-Mission, also der Rückholung von Proben der Mars-Oberfläche zur Erde, sein. Der Nasa-Chef Dan Goldin hat diesen Schritt ja ganz deutlich angekündigt. Wir denken auch in Studien darüber nach, welche Voraussetzungen für bemannte Missionen gegeben sein müssen. Das betrifft medizinische Fragen ebenso wie den Antriebssektor. Aber in finanzieller Hinsicht liegt ein bemannter Flug zum Mars noch vollkommen jenseits von Gut und Böse. Es gibt daher derzeit keine konkreten Pläne.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie reden doch gewiss immer wieder mal darüber, wenn auch vielleicht eher informell auf dem Flur oder beim Kaffeeautomaten.

Bachem: Sehr häufig. Wir diskutieren ja auch immer wieder mit unseren Kollegen in den USA und werden häufig gefragt, wann eine bemannte Mars-Mission starten könnte. Es ist ein Thema, das viele unserer Mitarbeiter sehr stark interessiert. Wir sind auch alle überzeugt, dass so eine Mission eines Tages kommen wird. Der Mensch wird sich seinen Raum erweitern, das ist völlig klar.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass sich der Wille zu so einem Projekt in letzter Zeit stärker artikuliert?

Bachem: Die Sympathie für die bemannte Raumfahrt hat in Deutschland in den letzten Jahren jedenfalls wieder zugenommen. Man sieht darin ein spannendes Tätigkeitsfeld und erkennt an, dass der Kulturraum Erde dadurch erweitert wird. Wir haben das erst kürzlich beim "Tag der Raumfahrt" gesehen, als über 60.000 Menschen das DLR besuchten und sich vor allem bei uns im Astronautenzentrum drängelten. Vor allem die jungen Leute wirkten regelrecht begeistert. Das ist ein deutliches Signal.

Astronauten auf dem Mars (Nasa-Grafik): "Kein negatives Symbol mehr"
NASA

Astronauten auf dem Mars (Nasa-Grafik): "Kein negatives Symbol mehr"

SPIEGEL ONLINE: Es ist manchmal die Rede von einer Enttäuschung der Post-Apollo-Generation, die sich um die Vision der bemannten Mondlandungen betrogen fühlt. Konnten Sie so etwas beobachten?

Bachem: Nein, das habe ich bisher nicht wahrgenommen. Ich stelle eher fest, dass die junge Generation sich wieder stärker für Technik und technologische Herausforderungen begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Die Skepsis gegenüber großen, technischen Projekten wie der Raumfahrt war ja in gewisser, paradoxer Weise auch eine Folge der Apollo-Flüge, die mit den Bildern der Erdkugel das ökologische Bewusstsein nachhaltig gefördert haben.

Bachem: Das ist richtig. Auf der anderen Seite brauche ich nur irgendeine Zeitschrift aufzuschlagen und werde feststellen, dass die Zahl der Anzeigen, die Astronauten abbilden, stark gewachsen ist. Das zeigt mir, dass Großtechnologie in der Gesellschaft offenbar wieder besser ankommt und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist kein negatives Symbol mehr.

SPIEGEL ONLINE: Welches sind die schwierigsten Hürden auf dem Weg zum Mars?

Bachem: Die liegen sicher auf der medizinischen Seite. Menschen über neun Monate einer solchen Strahlenbelastung auszusetzen, sie im Falle von Krankheiten telemedizinisch versorgen zu können - das sind gewaltige Herausforderungen, an denen wir noch einige Jahre werden arbeiten müssen. In anderen Bereichen, etwa beim Antrieb, zeichnen sich Lösungen schon etwas deutlicher ab. Da liegen die Probleme im wesentlichen bei den Kosten.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit wird die Internationale Raumstation für die Vorbereitung eines bemannten Mars-Fluges genutzt?

Mars-Kolonie (Nasa-Grafik): "Da ist noch einiges zu tun"
Nasa

Mars-Kolonie (Nasa-Grafik): "Da ist noch einiges zu tun"

Bachem: Sie ist ein erster Schritt auf dem Weg dorthin. Zumindest bei der Nasa gibt es Überlegungen, die Raumstation zu nutzen, um mehr Erfahrungen zu Langzeitaufenthalten von Menschen im Weltraum zu sammeln. Ohne eine Raumstation wäre eine bemannte Mars-Mission überhaupt nicht denkbar. Wenn das europäische Forschungsmodul im Jahr 2004 im Orbit ist, werden wir sehen, was wir auch in Europa dazu beitragen können.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sagen, ohne die Raumstation wäre eine Mars-Mission nicht denkbar, beziehen Sie sich dann in erster Linie auf die vorbereitende Forschung oder haben Sie auch schon bestimmte Missions-Szenarien im Sinn? Es gibt ja das "Mars Direkt"-Konzept, bei dem die Raumschiffe direkt von der Erde ohne einen Zwischenstopp an der Raumstation starten sollen.

Bachem: Das ist richtig. Für die Durchführung der Flüge wird die Raumstation nicht unbedingt erforderlich sein. Im Zusammenhang mit einer bemannten Mars-Mission steht hier vor allem die Untersuchung der Strahlenbelastung und die Entwicklung telemedizinischer Methoden im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Die Raumfahrt präsentiert sich in Deutschland gegenwärtig sehr erdbezogen. Es wird immer wieder der wirtschaftliche Nutzen, auch im Sinne von Technologietransfer, hervorgehoben. Ist denn in einem solchen Rahmen überhaupt Platz für einen bemannten Flug zum Mars?

Bachem: Wir bemühen uns natürlich sehr, die 1,6 Milliarden Mark, die jährlich in Deutschland für Raumfahrt ausgegeben werden, in eine Anwendungsnähe zu bringen. Man soll sehen, dass es gesellschaftlich und wirtschaftlich nützliche Aktivitäten sind. 200 bis 400 Millionen Mark gehen in die bemannte Raumfahrt, größtenteils im Zusammenhang mit der Raumstation. Das wird auf Grund der internationalen Verpflichtungen die nächsten acht Jahre so bleiben. Wenn die Raumstations-Ära zu Ende ist, müssen wir überlegen, wie es weitergehen soll. Ob Deutschland sich dann an einer bemannten Mars-Mission beteiligt, falls sie von den Amerikanern durchgeführt wird, ist eine politische Frage. Im Moment gäbe es dafür keine Mehrheit.

SPIEGEL ONLINE: Müsste man, um diese Mehrheit zu gewinnen, nicht den kulturellen Aspekt einer solchen Mission stärker betonen?

Bachem: Völlig richtig. Aber ich glaube, wir befinden uns da bereits auf einem guten Weg. Wenn ich hier am "Tag der Raumfahrt" in die Gesichter der jungen Leute sehe und eine neue Begeisterung für ein Fach wie Physik entdecke, denke ich, dass die junge Generation diesen Drang, einen Schritt nach vorne zu machen, wieder stärker als einen Teil ihrer Kultur empfindet. Das negative Image der Raumfahrt ist im Schwinden begriffen, die Begeisterung kehrt wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie damit, die Landung von Menschen auf dem Mars noch selbst mitzuerleben?

Bachem: Eher nicht. Bei der Nasa wurden vor einiger Zeit die Jahre 2013/2014 als möglicher Termin gehandelt. Mittlerweile spricht man eher vom Jahr 2025, und ich halte es für möglich, dass dieser Termin noch weiter nach hinten geschoben wird. Man wird den Mars zuerst mit Robotern gründlich untersuchen, bevor man Menschen hinschickt. Da ist noch einiges zu tun. Nach den letzten Rückschlägen musste die Nasa ja ihr gesamtes Mars-Programm neu gestalten. Vor diesem Hintergrund halte ich die Chance, die Landung von Menschen auf dem Mars selbst mitzuerleben, für sehr gering.

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