Neue Architektur in Istanbul Moschee? Minimal!

Sultanesker Pomp? Nicht mit Emre Arolat. Der türkische Architekt hat eine unterirdische Moschee entworfen, die in Istanbul für Aufsehen sorgt. Der minimalistische Bau ist ein Gegenentwurf zur neo-ottomanischen Prunkarchitektur, die Premier Erdogan schätzt.

Cemal Emden/ EAA Emre Arolat Architects

Von , Istanbul


Das steinerne Ding, das da in den blauen Himmel ragt, sieht aus wie ein alter Fabrikturm. Im Hintergrund mit Zäunen abgetrennte, kameraüberwachte Wohnsiedlungen mit stattlichen Einfamilienhäusern, auf der anderen Seite ein weites Tal mit Weideflächen. Büyükcekmece liegt am Stadtrand von Istanbul, hier lebt die Mittelschicht.

Eine eigene Moschee haben sie sich hier gewünscht. Jetzt haben sie sie - wenn auch der Öffnungstermin noch nicht feststeht. Der Turm ist das Minarett eines ungewöhnlichen Gotteshauses, das mit seiner Modernität einzigartig ist in der Türkei: Die Moschee in Büyükcekmece ist in den Hang gebaut, von der Straße aus betrachtet liegt sie unter der Erde. Die Leute reden deshalb von einer "unterirdischen Moschee".

Auch der Gebetsraum im Inneren ist schlicht, in warmen Beigetönen. Anders als üblich steigt der Raum in Stufen nach hinten an, damit alle Gläubigen einen guten Blick auf den Prediger haben. Bis zu 700 Menschen finden auf dem Boden Platz. Bunte Kacheln, Kalligrafien, Ornamente fehlen. In seiner Einfachheit wirkt der Raum elegant. "Hier sollen die Betenden Ruhe finden, abgeschottet von der Außenwelt. Sie können in sich hineinhorchen, ein Gespräch mit Gott führen", sagt der Architekt Emre Arolat, der die Moschee entworfen hat.

Auf manche Muslime wirkt die neue Architektur befremdlich. In den Teehäusern in der Umgebung der Sancaklar-Moschee reden sie, öffentlich mag sich aber niemand äußern. Eine Moschee müsse doch prachtvoll sein, ein Symbol der Kraft des Islam und der Ehre, die man Gott bezeuge. Außerdem finden manche, dass der Besuch einer Moschee in erster Linie ein Gemeinschaftserlebnis sein müsse und nicht eine einsame Erfahrung wie der Dialog mit Allah. Die Sancaklar-Moschee ist ihnen nicht erhaben genug. Sie ist von außen ja nicht einmal als Moschee zu erkennen.

Arolat weiß, dass es Kritiker gibt - doch er kann seinen Entwurf begründen. Schließlich hat er sich Zeit genommen, um sich mit der islamischen Philosophie auseinanderzusetzen. Vier Monate lang las er religiöse Texte, studierten den Koran und beschäftigte sich mit anderen islamischen Schriften. Er stellte fest, dass der Koran nirgendwo vorschreibt, wie eine Moschee auszusehen hat. "Es gibt keine formalen Vorgaben, und die ersten Moscheen hatten keine Dachkuppel und kein Minarett." Vielmehr sei jeder Ort auf der Erde geeignet, der sauber sei, um dort zu beten. "Islamische Philosophie erklärt Bescheidenheit zu einem Prinzip", sagt er.

Istanbul lieben - und verbessern

Emre Arolat ist einer der wenigen Stararchitekten, die die Türkei hat. Er wurde 1963 als Sohn zweier Architekten in Ankara geboren und wuchs in Istanbul auf - doch nacheifern wollte er seinen Eltern zunächst nicht. Er zog lieber mit Freunden durch die Gegend, statt viel Zeit am berühmten Istanbuler Galatasaray-Gymnasium zu verbringen. "Ich war ziemlich faul."

Nach der Schule entschied er sich doch, in Istanbul Architektur zu studieren. Er beobachtete, lernte, kopierte - und entwickelte dann seinen eigenen Stil. Seine Eltern waren nicht immer glücklich über seine Ideen. Aber sie hielten zu ihm und förderten ihn. Er verwarf Althergebrachtes, wissend, dass der Weg zu Ruhm und Anerkennung in der Architektur über das Wagnis führt, Neues zu schaffen. 2004 gründete er gemeinsam mit einer Partnerin sein eigenes Büro.

Bei Emre Arolat Architecs (EAA) arbeiten mittlerweile etwa hundert Architekten, darunter viele junge, weltgewandte Leute, die internationale Preise gewinnen, Istanbul lieben und die Stadt doch aus architektonischer Sicht verbesserungswürdig finden. Noch herrscht in der Stadt städteplanerisches Chaos, ein Durcheinander von Alt und Neu, eine unkontrollierte Ausbreitung von Schmucklosigkeit - Arolat und seine Architekten haben sich noch nicht durchgesetzt.

"Islamische Philosophie erklärt Bescheidenheit zu einem Prinzip"

Arolat wagt Außergewöhnliches wie die unterirdische Sancaklar-Moschee. Benannt ist sie nach dem Geschäftsmann Suat Sancak, dessen Stiftung an Arolat herantrat mit der Bitte, eine Moschee zu entwerfen. Es ist die erste Moschee überhaupt, die Arolat gezeichnet hat. Bislang befasste er sich mit Shoppingmalls, Flughafengebäuden, Museen, Kulturzentren, auch Wohnhäuser hat er gemacht.

"Ich finde, heute entworfene Moscheen sollten im Erscheinungsbild ruhig zurückhaltend sein. Das passt in unsere Zeit. Die prunkvollen Moscheen, für die Istanbul bekannt ist, stammen aus einer Zeit der Sultane. Die mussten ihre Macht demonstrieren. Die Sancaklar-Moschee repräsentiert viel besser, wie unsere islamische Gesellschaft heute ist", sagt er. Bewusst habe er darauf verzichtet, traditionelle Symbole zu verwenden oder alte Formen zu kopieren. Dass Premierminister Recep Tayyip Erdogan die größte Moschee der Welt in Istanbul plant, kommentiert er mit den Worten: "So etwas macht man nur, wenn man ein Sultan sein will."

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
senfdazu 26.02.2014
1. Das....
...gefällt mir !
cyclist01 26.02.2014
2. Gefuehlt der groesste Fortschritt im Islam seit Saladin
Inspiriert vom deutschen Pavillon der Weltaustellung 1928 in Barcelona, ganz offensichtlich und unverbluemt anknuepfend an die fortschrittliche Avantgarde der Bauhausarchitektur des 20.Jahrhunderts. Wenn er damit durch- und ankommt beim Mittelstand dort in Istanbul, dann ist das mehr als ein Zeichen! Hoffentlich wandert damit auch das Zentrum der Tonangeber im Islam von Mekka nach dort.
nextkabinett 26.02.2014
3. Ein traumhaft schönes Gebäude,
das Bescheidenheit und Kontemplation perfekt darstellt. Gratulation und Hochachtung dafür, ein so wunderbares Gotteshaus errichtet zu haben, das seinen Besucher viel Freude bringen möge.
LapOfGods 26.02.2014
4. Moderne Architektur
Moderne Architektur gefällt mir selten, aber das Ding sieht wirklich sehr gut und faszinierend aus.
der_durden 26.02.2014
5.
Zitat von sysopCemal Emden/ EAA Emre Arolat ArchitectsSultanesker Pomp? Nicht mit Emre Arolat. Der türkische Architekt hat eine unterirdische Moschee entworfen, die in Istanbul für Aufsehen sorgt. Der minimalistische Bau ist ein Gegenentwurf zur neo-ottomanischen Prunk-Architektur, die Premier Erdogan schätzt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-tuerkische-architekt-emre-arolat-will-istanbul-schoener-machen-a-954626.html
Da ich von Religionen nichts halte, kann ich mir das Folgende gerade nicht verkneifen: Religionen gehören genau dort hin - unter die Erde. Anstatt als riesenhaftes Phallus-Symbol in die Welt zu ragen. ;-) Sachlich jedoch, komme ich nicht umhin, zu sagen, dass mir dieses Gebäude extrem gut gefällt! Wirklich eine tolle Architektur! So etwas darf es gerne mehr geben!
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