Fotostrecke

Fußballmalerei: Feuer aus Öl

Foto: Tom Strobl

Kicker in der Ölmalerei "Fußballfans sind Künstler"

Ihre Gesänge sind wie Opernchöre, ihre Tänze erinnern ans Ballett. Fans zeigen unglaubliche Kreativität, um ihren Vereinen zu huldigen. Der Galerist Gernot Rammer hat einen Maler beauftragt, ganze Fankurven in Öl zu verewigen. Im Interview schwärmt er über ihre revolutionäre Kraft und Schönheit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rammer, was hat der gemeine Fußballfan in der Hochkultur verloren? Mit dem Maler Tom Strobl haben Sie die Bilderserie "Fankultur macht Kunst"  erdacht. Strobl hat 23 großformatige Werke geschaffen, fotorealistische Szenen aus den Fanblöcken bekannter Vereine, gemalt in Öl, im Stil Gerhard Richter ähnlich.

Rammer: Man drückt Fußballfans viel zu schnell einen Stempel auf, nennt sie gewalttätig, chaotisch oder proletenhaft. Dabei sind ihre Choreografien in den Stadien oft kunstvoll, wurden wochenlang geübt. Auch die Logistik ist bemerkenswert: Bringen Sie mal 20.000 Leute dazu, zu einer bestimmten Zeit bestimmte Gesten zu machen, zu singen, zu hüpfen, das ist hochkomplex. Solche Inszenierungen kennt man eher aus der Kunst oder dem Theater. In den großen Museen ist diese Ästhetik aber noch nicht angekommen, dort wird zur Zeit eher Behübschung betrieben als die Besucher mit dem realen Leben zu konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Fan als Kunstobjekt entdeckt?

Rammer: Tom Strobl und ich sind über das abstrakte Thema Masse auf die Fußballfans gekommen. Uns fiel auf, dass sich die Strukturen von protestierenden, revoltierenden oder feiernden Menschenmengen stark unterscheiden, sie haben ihre eigene Optik. Die Fankurve des Bundesligaclubs Rapid Wien etwa ähnelt historischen Massenbildern der Französischen Revolution. Die Entdeckung dieser Parallele war die Geburtsstunde von "Fankultur macht Kunst".

SPIEGEL ONLINE: Mit seiner Ölmalerei bedient sich Strobl einer jahrhundertealten Technik, deren Werke heute vor allem von einer kulturellen Elite im Museum betrachtet werden. Führen Sie die Fans in Öl mit ihren Schals, Wimpeln und nackten Bäuchen nicht wie Eingeborene im Völkerkundemuseum vor?

Rammer: Das wäre möglich, passiert aber nicht. Die Bilder sind ja keine Karikaturen, sondern realistische Darstellungen von Fans, die eben gerade mehr sind als Zuschauer. Sie produzieren Bilder, sind Teil von Formationen und Szenen. Den Bildern von Tom Strobl merkt man den Respekt vor dieser Leistung an. Wir haben sie vielen völlig unterschiedlichen Fans gezeigt, die durch die Bank begeistert waren. Sie freuen sich, dass ein Künstler sich so ernsthaft mit ihnen beschäftigt. Die Fans der verschiedenen Kurven von Sturm Graz etwa streiten inzwischen darüber, welche die wichtigste ist und deswegen eigentlich hätte gemalt werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in der Geschichte der Sportfotografie wahrscheinlich Millionen von Aufnahmen aus den Fanblocks: Nahschüsse, Halbtotalen und Totalen, die bis ins Detail festhalten, was wann und wo passierte. Welchen Erinnerungswert können die Ölbilder von Tom Strobl noch hinzufügen?

Rammer: Die Motive von Fotografien und die seiner Bilder sind die gleichen, die Anmutung aber ist dramatisch anders. Die Malerei bildet nicht ab, der Künstler interpretiert das, was er sieht. Tom Strobl vermittelt mit seinen Bildern ein Gefühl von Authentizität, das kein Foto transportieren kann. Der Fotorealismus, der Wechsel aus Schärfe und Unschärfe, dazu die Größe von 2,40 auf 1,70 Meter - das macht die Bilder unverwechselbar.

SPIEGEL ONLINE: Nach welchen Kriterien hat Tom Strobl die 23 Fan-Motive ausgewählt?

Rammer: Die Bilder gehen auf Fotos zurück, die uns Vereine zugeschickt haben, auch im Internet findet sich eine Menge an Material. Strobl hat dann die Bilder ausgewählt, die ihn angesprochen haben. Insgesamt hat er mehr als zwölf Monate an den Werken gearbeitet. In meiner Galerie  kann man jetzt limitierte Prints der Bilder und einen Katalog zur Ausstellung kaufen - zu Preisen, die sich ein Fußballfan auch leisten kann.

SPIEGEL ONLINE: Auf Strobls Bildern verschwimmt der einzelne oft mit der Masse, Sie haben sich für das Projekt nun über ein Jahr mit Fans auseinandergesetzt, sind selbst Anhänger von Rapid Wien und dem Wiener Sportclub. Warum sehnt sich der Mensch immer nach der Gruppe?

Rammer: Weil er Identität sucht, etwas Größeres, als ihm Familie und Freundeskreis bieten können. Er will mitleiden, Emotionen ausleben, der Rückzug traditioneller Identitätsstifter begünstigt diese Entwicklung. Die Bedeutung der Religion nimmt ab, Patriotismus tritt in der globalisierten Welt in den Hintergrund. Diese Lücke füllt ein hyperlokaler Verein ideal aus.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir eine Stadt mit zwei Vereinen, etwa Hamburg mit St. Pauli und dem HSV, oder Wien mit Rapid und dem Sportclub. Wieso wird einer Pauli-Fan, wieso wird einer Rapid-Fan?

Rammer: Das hängt stark mit der eigenen Fußballbiographie zusammen. Viele suchen sich das gar nicht aus, sondern werden in eine Austria-, Rapid- oder eben St.-Pauli-Familie hineingeboren. Da gibt es kein Entrinnen.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Monaten sind Fußballfans in Misskredit geraten, das "Skandalspiel von Düsseldorf" trug einen großen Teil dazu bei. Gehört Gewalt zum Fußball?

Rammer: Leider gibt es fast überall Radikale, im Fußball gelingt es einer Minderheit gewalttätiger Fans, eine ganze Kultur zu diskreditieren. Bei Rapid Wien gab es vor kurzem einen Platzsturm, ein Wiener Derby musste abgebrochen werden. Mit Pyros bewaffnete Anhänger liefen aufs Feld - so entstehen Schlagzeilen. Doch friedliche Fans finden ihre Identität im Fußball, er ist ein ungeheuer integrativer Sport, viele Kulturen und Ethnien kommen zusammen. Wenn man diese Leute krimininalisiert und ihnen unterstellt, nur mit der Faust sprechen zu können, dann ist das gesellschaftspolitisch unklug.

SPIEGEL ONLINE: Auf den Bildern sind wenig Frauen zu sehen. Wieso gibt es so wenig weibliche Fans?

Rammer: Die Zahl der Frauen in den Fanclubs wächst seit ein paar Jahren. Die verhalten sich übrigens genauso wie Männer. Auch für sie ist der Fußballplatz ein sorgenfreier Raum, in dem sie machen können, was sie wollen. Beim Public Viewing ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen oft schon fast halb halb.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren deutsche Fans auf "Fankultur macht Kunst"?

Rammer: Der Verein "Rot-Weiß Essen" kriegt bald ein neues Stadion, wir wurden gefragt, ob wir bei ihnen die Ausstellung zeigen könnten. Gleich nach dem Ende der Ausstellung in Linz Ende Juni wollen Tom Strobl und ich mit einem neuen Zyklus beginnen, "3 mal 11" wird er heißen. 11 Clubs aus Nordrhein-Westfalen, 11 Clubs aus Deutschland und 11 Clubs aus Europa werden dabei mitwirken, momentan suchen wir noch nach den Vereinen mit den spannendsten Fans. Anregungen für unsere NRW-Liste nehmen wir gerne entgegen.

SPIEGEL ONLINE: An diesem Freitag beginnt die Europameisterschaft, Millionen von Fans werden vor den Fernsehern mitfiebern. Wer gewinnt?

Rammer: Ja, wenn ich das nur wüsste.

Das Interview führte Jochen Brenner


"Fanart": bis 10. Juni im Stadion des Wiener Sportklub