Designobjekt Weihnachtsbaum Klobürste statt Tanne

Ohne Plastik-Klimbim und Lichterkette: Zum fünften Mal organisieren zwei Studenten in der Karlsruher Hochschule für Gestaltung eine Ausstellung, für die Designer und andere Berufene den Weihnachtsbaum neu erfinden.


Der Weihnachtsbaum – ein Thema für Designer? Wohl kaum. Denn alles ist festgelegt beim Symbol für das letzte kollektiv praktizierte Ritual Weihnachten: Tanne, kegelförmig, glanzvoll mit Glaskugeln oder ökologisch korrekt mit Strohsternen geschmückt, von Kerzenlicht beleuchtet. Natürlich gibt es auch die tiefer gelegte Version mit Plastik-Klimbim und Lichterkette. Geschmack ist nun mal verschieden, und was ist schon einzuwenden, wenn Vernunft "der Kinder wegen" waltet und kein Wachs mehr auf Laminat und Teppichböden kleckert.

Das wussten natürlich auch die beiden Design-Studenten der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Johannes Marmon und Johannes Müller, als sie 2004 ein Projekt an ihrer Hochschule initiieren wollten, das Spaß machen und an dem alle teilnehmen sollten, vom Professor über den Mitarbeiter bis zum Studenten.

Mehr "intuitiv als geplant" kamen sie damals auf den Weihnachtsbaum, weil "jeder weiß, worum es geht, jeder hat seine Vorstellungen davon, eigene Erinnerungen und Assoziationen", sagt Marmon. Und weil der Baum heidnisch und christlich sei, im Supermarkt genauso wie im Wohnzimmer und auf dem Marktplatz stehe und das in aller Welt von Stockholm bis Kapstadt, von Miami bis Peking, deshalb böten sich genügend unterschiedliche Blickwinkel für Grafiker, Medienkünstler, Produktdesigner, Kunstwissenschaftler und Szenografen an, für deren Texte und Bilder, Plakate, Klänge, Objekte und sonstiges Schaffen. Ihr Anliegen damals, sagen die beiden Organisatoren, ließe sich in den Satz fassen "Freut Euch über ihn, hasst ihn, zerstört ihn und belebt ihn wieder".

Gleich die erste Ausstellung in der Vorweihnachtszeit 2004 war ein Riesenerfolg. Rund 40 Teilnehmer brachten ihre Kreationen in die Hochschule, die Lokalpresse berichtete, und es kamen jede Menge Besucher. Vom "Last minute"-Baum und der verrückten Idee bis zur wirklichen Produktgestaltung und zum grafischen Design war alles dabei. Alles war möglich – und ungeahnte Ideen wurden umgesetzt.

Allerdings ging es den meisten Teilnehmern nicht nur um ein "neues Styling für das Wahrzeichen des kalendarisch, mental und emotional festgelegten Datums", sagt Volker Albus, Weihnachtsbaum-Gestalter von Anfang an und Designprofessor. Es ging ihnen vor allem um eine Art soziologischer Bestandsaufnahme, wie und was dieses Fest inzwischen bedeutet und zu welchen Sichtweisen dieser Bedeutungswandel führt. Bei nur wenigen der Teilnehmer führt das Nachdenken über "das in die Jahre gekommene Logo Weihnachtsbaum" zu Schönheit und Idealisierung, vielmehr herrscht eine bewusste Bissigkeit. Bei den abgelieferten und ausgestellten Baumideen gibt es viel Persiflage, Verballhornung und Ironisierung – allerdings immer augenzwinkernd und charmant, nie bierernst.

Albus' Weihnachtsbaum-Beitrag im ersten Jahr der jetzt zum fünften Mal stattfindenden Ausstellung ist so ein Beispiel: Von einem vertikalen Stamm ausgehend, bilden horizontal angebrachte stabile Drähte die Baum-Kegelform. Am Ende jedes Drahtes steckt wie als Verlängerung des eisernen Zweiges horizontal eine weiße Kerze. Und wenn die alle zusammen brennen, wird aus der tropfenden Wachskleckerei schnell eine weiße Hügellandschaft unter dem Baum. Inzwischen ist der Baum ein Hit, der jedes Jahr variiert wird und Kultstatus hat.

Johannes Müller, einer der beiden Veranstalter, stellte damals seinen "Kloh Tannenbaum" aus, eine Toilettenbürste aus künstlichen Tannenzweigen im billigen Plastikständer. Und im Gedächtnis ist den meisten Besuchern das "Weihnachtsbuch" von Katrin Sonnleitner geblieben, das sie in Baumform aus den Blättern einer Bibel geschnitten hatte.

Spaß hatten alle an der Ausstellung, von den Designern bis zum Publikum, und als Marmon und Müller die nächste Ausstellung verkündeten, gab es gleich zwanzig neue Teilnehmer mit frischen Weihnachtsbaum-Kreationen.

Computerschrott wurde zum Kegel aufgetürmt (Kai Zirtz), Eva Marguerre und Tina Schmid knipsten das Licht in den Zimmern eines Hochhauses planmäßig so an, dass die beleuchteten Fenster auf der Fassade einen grafischen Baum bildeten.

Und Hendrik Vogel bastelte Plastik-Kreationen aus Aldi-Einkaufstüten, die kegelförmig den weihnachtlichen Konsumwahn auf die Schippe nahmen.

Im zweiten Jahr ihrer Ausstellung waren die beiden Initiatoren flügge geworden und hatten ihr Diplom gemacht, ihre Ausstellung veranstalten sie bis heute, mit ungebremstem Idealismus und gegen eine kleine Vergütung. Richtige Arbeit mit viel Spaß sei das inzwischen, sagen Marmon und Müller, denn in diesem Jahr werden es rund hundert Weihnachtsbaum-Kreationen sein, und die meisten davon kommen im letzten Augenblick. Nicht nur Hochschulmitarbeiter bringen ihre Beiträge, sondern auch externe Kreative.

Jeder Baum wird ausgestellt, auch wenn er mit zehn Metern riesengroß ist, oder wahnsinnig kompliziert aufgebaut werden muss. Wie im letzten Jahr die "KLannGenbaum"-Soundinstallation der Medienkunst-Klasse aus abgehängten Lautsprechern, die Marmon trotzdem zu seiner Lieblingsarbeit 2007 erklärt. Müllers Favorit war der "Winterreifen weihnachtlich runderneuert" von Cornelia Sieg, dessen Gummiprofil Weihnachtsbäume in den Schnee drückt.

Anregungen für zu Hause gibt es massenhaft, vom gebogenen "Kleiderbügelbaum" mit Kerze (Silvia Posavec & Justine Schmitz) über die "Weihnachtsarmee" von Masa Busic aus kegelförmig arrangierten Schokoladen-Nikoläusen bis zu Tina Gerkens "Weihnachten" aus baumförmig aufgestapelten Weingläsern mit rotem und weißem Wein.

Zu kaufen gibt es bis heute aber nichts in der Ausstellung, "vielleicht ändert sich das einmal", sagt Johannes Marmon, und denkt dabei vielleicht an das gerade zusammen mit Johannes Müller gegründete eigene Büro jjoo und an die Weihnachtsindustrie, an der Krisen anscheinend spurlos vorübergehen. Wer will schon an der Inszenierung des letzten noch verbliebenen Familienrituals sparen?

Aber falls das in Zeiten der Krise doch erforderlich werden sollte: Ein Blick in die Karlsruher Ausstellung oder wenigstens auf deren Web-Seite kann dazu anregen, wie man von der billigsten Weihnachtsbaum-Idee zum designten Minimalismus kommen kann oder wie man sich selbst gleich zum Weihnachtsbaum stilisiert. Pävvi Raivino und Niko Venäläinen zeigen das mit "Evergreen", ihrem selbstgenähten grünen Zackenanzug plus Kopfbedeckung.


Ausstellung Oh Tannenbaum –designer christmas trees. 5 Jahre Weihnachtsbaumausstellung an der HfG Karlsruhe. 13.–21.12., Eröffnung am 12.12. um 18 Uhr, mit Weihnachtskonzert um 20 Uhr.



insgesamt 2 Beiträge
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W. Robert 09.12.2008
1. Oh Tannenbaum
Deutschlands Künstler sind wesentlich kreativer als ihr Ruf. Erstaunlich. Ich habe sogar mehrmals das subversive Lächeln kaum verhehlen können :)
AnikaStracke 11.12.2008
2. Das Buch zur Ausstellung...
... ist im AusnahmeVerlag Hamburg erschienen und kann beim Verlag online gekauft werden. Darin: die 25 kühnsten Tannenbäume auf heraustrennbaren Postkarten und Texte von Volker Albus, Franziska Beyer, Simon Bieling und Johannes Marmon & Johannes Müller. http://ausnahmeverlag.de/site/index.php?page=Detailansicht&buch=32&WID1=5da49f0823aa6a140abc3362c79c0feb
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