Deutsch-israelische Klischees Die Schuld der Juden und der Radfahrer
Sind Juden besonders geschäftstüchtig? Es scheint, dass man da guten Gewissens mit Ja antworten kann. Die Rothschilds fallen einem ein, deren Glanz zwar heute verblasst ist, aber dafür gibt es ja Goldman Sachs. Die Investmentbank wurde vor anderthalb Jahrhunderten in New York von einem aus Deutschland eingewanderten Juden gegründet und ist heute das profitabelste Geldhaus der Welt. Lloyd Blankfein, seit vier Jahren amtierender Chef von Goldman Sachs, stammt ebenfalls aus einer jüdischen Familie. Aufgewachsen in kleinen Verhältnissen in der Bronx, regiert Blankfein jetzt eine Firma, die finanzstärker ist, als viele Staaten der Erde.
Na, da sieht man's doch.
Will man aber von Avi Primor wissen, ob Juden wirklich besonders geschäftstüchtig sind, dann ist die Sache nicht ganz so einfach. Der israelische Diplomat, Botschafter in Deutschland von 1993 bis 1999, hat jetzt ein lesenswertes Buch über "deutsch-jüdische Missverständnisse" vorgelegt: "An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld". Es ist ein kluges, eindringliches Buch, sehr persönlich, aber auch reich an Fakten und Hintergrundwissen. Schon nach wenigen Seiten wird deutlich: Dass Primor (Betonung auf der zweiten Silbe) als Vertreter seines Landes mehr öffentliches Gehör fand als seine Vorgänger und Nachfolger, war kein Zufall.
Bogen zur heutigen Nahostpolitik
Gemeinsam mit seiner Co-Autorin Christiane von Korff zerpflückt Primor die gängigen Vorurteile über die Juden und den Staat Israel. So zieht sich das Klischee vom cleveren jüdischen Geschäftemacher schon durch die Jahrhunderte bis zurück ins Mittelalter. Während einer Zeit, in der das Christentum de facto Staatsreligion war, lebten Juden als Menschen zweiter Klasse, von Handwerk und Ackerbau waren sie weitgehend ausgeschlossen. Übrig blieben Handel und die offiziell verpönten Geldgeschäfte (von denen hintenherum oft auch die christlichen Patrizier profitierten).
Systematisch gehen Primor und Korff in zwölf Kapiteln einem Vorurteil nach dem anderen auf den Grund: "Sieben Milliarden Menschen werden von zwölf Millionen Juden beherrscht" lautet eins dieser antisemitischen Klischees, "der unabhängige amerikanische Präsident ist nur eine jüdische Tarnung" ein anderes. Ganz nüchtern referieren die Autoren zur angeblich schon immer so mächtigen jüdischen Lobby in den USA, dass Israel vor 1967, dem Jahr des Sechstagekrieges, keineswegs aus Washington unterstützt wurde. Erst dann schloss Amerika mit den Israelis ein enges Bündnis, um im unruhigen Nahen Osten einen sicheren strategischen Stützpunkt zu haben.
Primor, dessen Mutter 1932 aus Deutschland nach Palästina emigrierte, zeigt sich in diesem Buch als Aufklärer im besten Sinne. Er ist präzise, wenn nötig auch scharf, aber niemals alarmistisch. Die immer wieder geäußerte Befürchtung, der deutsche Antisemitismus sei wieder auf dem Vormarsch, weist er überzeugend anhand einer gründlichen Datenrecherche zurück.
So ist es nur folgerichtig, dass er überall genau hinschaut, auch in Israel. Primor hält es für überflüssig und verfehlt, wenn Deutsche aus Angst davor, antisemitisch erscheinen zu können, auf Kritik an Israel verzichten. Er selbst hat sich bereits in seiner aktiven Zeit als Diplomat immer die Freiheit genommen, die Schwächen und Fehler der israelischen Politik anzusprechen, was ihm manche Rüge eintrug. Auch im aktuellen Buch spannt er den Bogen immer wieder zur heutigen Nahostpolitik. Die Frage, welcher Weg endlich zum Frieden der verfeindeten Nachbarn führen könnte, treibt ihn um, auch wenn er sich damit von seinem eigentlichen Thema ein gutes Stück entfernt.
Ach ja, und was hat es eigentlich mit den Radfahrern auf sich? Der Titel des Buches geht auf einen Witz zurück: Ein älterer Jude aus Berlin findet sich von Nazis umringt, die ihn zu Boden schlagen und höhnisch fragen: "Na Jude, wer ist denn schuld am Krieg?" Der Mann ist nicht auf den Kopf gefallen und antwortet: "Die Juden und die Radfahrer." "Warum die Radfahrer?", wollen die Nazis wissen. "Warum die Juden?", kontert der alte Mann.
Avi Primor, Christiane von Korff: "An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld", Piper Verlag, 320 Seiten, 19,95 Euro