Deutsch-russische Beziehungen Grundschulprosa und Bonbon-Farben

Eine vom Bund und dem Energiekonzern Gazprom gesponserte Ausstellung im Berliner Gropius-Bau verklärt die deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert mit vielen bunten Kaiser-Bildern. Sträflich unterdrückt werden dabei die teils blutigen Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa.


Sie waren die Gendarmen Europas, unerbittlich gegenüber jedem, der von Freiheit und nationaler Selbstbestimmung zu träumen wagte. Ihre Geheimpolizisten tauschten wie später KGB und Stasi Daten über Oppositionelle aus. Sie halfen einander, rebellische Polen niederzuhalten und schickten in den Kerker, wer sich ihnen widersetzte. Die Rede ist von Friedrich-Wilhelm III., König von Preußen, und dem russischen Zaren Alexander I.

Skulptur "Rossebändiger" des russischen Pferdebildners Pjotr Clodt von Jürgensburg im Gropius-Bau: Gedankenloser Augenschmaus
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Skulptur "Rossebändiger" des russischen Pferdebildners Pjotr Clodt von Jürgensburg im Gropius-Bau: Gedankenloser Augenschmaus

1815 schlossen sich die beiden Monarchen gemeinsam mit dem österreichischen Kaiser zur "Heiligen Allianz" zusammen – eine irreführende Bezeichnung, denn das Bündnis hatte nur einen Zweck: den Majestäten ihre Throne und Reiche zu sichern. Nun widmet sich eine Ausstellung der "Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg" im Berliner Martin-Gropius-Bau einem Teil dieses Dreierbündnisses, nämlich den deutsch-russischen Beziehungen zwischen 1800 und 1860 ("Macht und Freundschaft. Berlin – St. Petersburg 1800 – 1860").

Ohne den herausragenden Ausstellungsband wäre diese am Wochenende eröffnete Schau ein Skandal. Denn in den 13 Räumen mit den 448 Exponaten erfährt der Besucher so gut wie nichts Substantielles von der Unterdrückung der Freiheitsbewegungen in Deutschland und Polen durch Berlin und Petersburg – obwohl gerade die gemeinsame Knebelung der Polen die Grundlage der Kooperation bildete.

Absurdes Urteil

Stattdessen versteigt sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Schirmherr der Ausstellung, in seinem Grußwort zu der These, die "von gegenseitiger Zuneigung und Sympathie geprägten Verbindungen" zwischen Hohenzollern und Romanows hätten "positive Auswirkungen auf ganz Europa" gehabt. Ein absurdes Urteil, aber die Geringschätzung der polnischen Freiheitsbewegung hat in der SPD Tradition. Schon in den achtziger Jahren reagierten die deutschen Sozialdemokraten überaus verhalten, als die polnische KP auf Geheiß Moskaus die Gewerkschaft Solidarnosc unterdrückte. Da wundert es auch nicht, dass das staatliche russische Energieunternehmen Gazprom ein Drittel der Ausstellung-Kosten übernommen hat; ein weiteres Drittel trägt die Kultur-Stiftung des Bundes.

Zu sehen sind immer neue Porträts der Royals, ihrer Kinder, Bilder ihrer Schlösser, dazu Möbel und Porzellan in den zeitüblichen Bonbon-Farben – der Glanz der höfischen Welt. Prinzessin Charlotte, die Tochter Friedrich-Wilhelms III., hatte 1817 den Großfürsten Nikolai Pawlowitsch, Sohn Alexanders I. (und späteren Zar Nikolaus I.) geheiratet - infolgedessen ergab sich zwischen beiden Höfen ein reger kultureller Austausch, der nun ohne kritischen Blick ausgestellt wird. Selbst die Zeichnungen, die der Bruder der Prinzessin (und spätere König Friedrich-Wilhelm IV.) während einer Russlandreise fertigte, bleiben dem Besucher nicht erspart.

Neben den Exponaten hängen dann Texte in Grundschulprosa. Etwa über das gemeinsame russisch-preußische Manöver, das 1835 in Kalisch (polnisch Kalisz) im heutigen Großpolen stattfand. Es ist zu lesen: "Am Ende waren Friedrich-Wilhelm III. und Nikolaus I. glücklich und zufrieden mit ihren Soldaten." Wie schön.

Die polnische Frage

Dabei wurden im Martin-Gropius-Bau einst Maßstäbe gesetzt für einen ausgewogenen Umgang mit der preußischen Vergangenheit. Hier lief 1981 die legendäre Preußen-Ausstellung, an der sich die Ausstellungsmacher hätten orientieren können. Aber es wäre auch schon ausreichend gewesen, wenn sie sich ihren eigenen Katalog zur Richtlinie genommen hätten. Dort haben Historiker kühl die Schattenseiten der preußisch-russischen Verbindungen analysiert. "Die Ratio der engen Interessenverflechtung lag in der polnischen Frage begründet", schreibt etwa Martin Schulze Wessel.

Noch vor der Wende zum 19. Jahrhundert hatten Preußen und Russland (gemeinsam mit Österreich) Polen unter sich aufgeteilt. Alle drei fürchteten fortan ein Aufbegehren der Minderheit innerhalb der jeweils eigenen Grenzen – eine Interessenkoalition, die auch über die Napoleonische Ära hinaus Bestand hatte. Preußen sei die "mit Russland am engsten verbündete Macht", schrieb 1828 der russische Botschafter in Berlin.

Als zwei Jahre später in Warschau ein Aufstand losbrach, genehmigte Friedrich-Wilhelm III. russischen Truppen den Durchmarsch über preußisches Territorium, lieferte ihnen Lebensmittel und Munition, beschlagnahmte Waffenlieferungen für die Polen und fror polnische Bankguthaben ein. Polnische Flüchtlinge wurden festgenommen und ausgeliefert. Das blutige Niederschlagen des Aufstandes übernahmen dann die Russen. Wie ein Alibi wirkt da das in die Ausstellung gehängte Gemälde "Finis Poloniae" von Dietrich Montens, auf dem trauernde polnische Patrioten zu sehen sind, inmitten der bunten und glitzernden Nichtigkeiten.

Für den Zaren war das Bündnis mit Preußen "antipolnische Versicherung und prophylaktische Quarantänemaßnahme gegen die Revolution" (Schulze Wessel) – Preußen sollte Russland wie eine Art Damm vor den westlichen Ideen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schützen. Die staatliche russische Propaganda beschwor daher immer wieder die Erinnerung an die Befreiungskriege, als Preußen und Russland gemeinsam gegen Napoleon gekämpft hatten. Etwa durch die Alexandersäule, die 1834 auf dem Platz vor dem Winterpalais in St. Petersburg errichtet wurde. In der Ausstellung ist ein Gemälde von Alexej Denissow zu sehen, das die Bauarbeiten beim Aufstellen der Säule zeigt. Den politischen Hintergrund muss sich der Besucher selbst erarbeiten.

Und so geht es durch alle Räume. Schatullen und Schalen aus Malachit, Teller und Eier aus Porzellan, Vasen und Kameen – präsentiert für den gedankenlosen Augenschmaus.

"Macht und Freundschaft" ist der Titel der Ausstellung. Von Freundschaft – zwischen den Familien auf den Thronen – ist viel zu sehen. Die Macht und ihr blutiges Fundament hingegen bleiben außen vor.



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