Anspruch auf Gratistickets bei der Bahn Sind wir nicht alle Soldatinnen?

Was es nicht alles zu tun gäbe bei der Bundeswehr! Aber was fällt der neuen Verteidigungsministerin als Erstes ein? Freifahrkarten. Eine wirklich beachtlich schlechte Idee.

Annegret Kramp-Karrenbauer, Verteidigungsministerin voller Tatendrang
Michael Kappeler/ DPA

Annegret Kramp-Karrenbauer, Verteidigungsministerin voller Tatendrang

Eine Kolumne von


Kennen Sie autogenes Training? Es gibt sehr viele Varianten davon, man kann sich zum Beispiel vorstellen, dass man an einem sehr schönen Ort ist und es da sehr warm und ruhig ist, und dann sagt man sich, meine Beine sind ganz schwer und so weiter, und mit der Zeit tritt dann eine gewisse Entspannung ein. Ich mache manchmal eine Sonderform davon, die nicht wirklich der Entspannung dient, aber ganz ähnlich ist: Ich stelle mir vor, ich wäre eine bestimmte Person aus einem anderen politischen Lager und überlege mir, was ich zu einem bestimmten Thema sagen würde.

Also: Ich bin Annegret Kramp-Karrenbauer, ich bin seit Neuestem Verteidigungsministerin. Ich bin Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt, ich atme ein, ich bin voller Tatendrang, ich atme aus. Was werde ich als Erstes tun in diesem schönen Amt, das Gott mir geschenkt hat?

Nehmt euer Gegenüber so ernst wie möglich

Der Witz an der Übung ist, dass ich mir wirklich vorstellen muss, dass ich diese Person bin, und ich versuche, mich so gut wie möglich in sie hineinzuversetzen. Ich atme ihre Werte. Wenn ich mir also vorstelle, ich wäre Annegeret Kramp-Karrenbauer, dann darf ich nicht einfach sagen: Ja, cool, also, ich würde überall Unisextoiletten einrichten und mich für kostenlose Abtreibungen einsetzen. Das geht nicht, denn das würde allem widersprechen, wofür Kramp-Karrenbauer steht. Es ist ihr claim to fame, stramm konservativ zu sein, da reicht es nicht, zu sagen: Werden Sie doch mal linke Feministin. Es wäre dann nicht mehr viel übrig von dem, was vorher da war. Ich muss also etwas von meinen eigenen Zielen abstrahieren und denken, okay, ich bin jetzt AKK, Befehlsgewalt und so weiter, was mache ich mit der Bundeswehr?

Ich mache diese Übung, weil ich glaube, dass Kritik besser wird, wenn man das Gegenüber so ernst nimmt wie möglich. Was kann ich ehrlicherweise von dieser Person erwarten, und wofür kann ich sie sinnvollerweise kritisieren? Wenn man zum Beispiel einen christlichen Politiker kritisieren will, weil er schlechte Flüchtlingspolitik macht, kann es hilfreich sein, auf christliche Konzepte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit hinzuweisen und zu zeigen, wo seine Widersprüche liegen.

Wenn ich mir aber vorstelle, ich bin Annegret Kramp-Karrenbauer und ich will etwas für die SoldatInnen dieses Landes tun, dann sind kostenlose Bahnfahrten, das Letzte, wirklich Allerletzte, was mir einfällt. Auch bei maximaler Einfühlung muss ich zu dem Ergebnis kommen, dass es eine wirklich beachtlich schlechte Idee ist, und es ist fast schon unangenehm, sich darüber lustig zu machen.

Die Bundeswehr in der Öffentlichkeit

Der aktuelle Zustand der Bundeswehr stellt sich der Öffentlichkeit wie folgt dar: Ein Haufen Zeug ist kaputt, viele Fahr- und Flugzeuge sind nicht einsatzfähig, mal läuft irgendwo Kerosin aus, mal sind irgendwelche Bolzen nicht sicher, und dann ist da noch dieses schrottige Schiff, in das Millionen Euro gepumpt werden. Die PR-Abteilung, die Werbung für die Bundeswehr entwirft, greift regelmäßig komplett ins Klo (zuletzt: "Gas, Wasser, Schießen"). Und nicht zuletzt: Es gibt rechtsextreme Netzwerke in der Bundeswehr. Ab und zu wird ein rechtsextremer Hausmeister entlassen oder ein Soldat, der beim Feiern den Hitlergruß gezeigt hat, aber man kriegt gelinde gesagt nicht wirklich das Gefühl, dass die Sache so bald in den Griff zu bekommen ist.

Einer der wenigen, die sich positiv zur Freifahrkartenidee für SoldatInnen geäußert haben, ist der CSU-Landesgruppenvorsitzende Alexander Dobrindt, der sagte, die Freitickets seien ein Beitrag für die Sichtbarkeit der SoldatInnen in der Gesellschaft: "Übrigens geht dies auch einher mit einem stärkeren Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger." Unklar, würde ich sagen. Im Moment haben ziemlich viele Bürgerinnen und Bürger, die ich so kenne, das Gefühl, dass die Bundeswehr zu weiten Teilen aus einem Haufen Nazipreppern besteht, die Waffen und Leichensäcke horten und jetzt eben auch noch kostenlos Bahn fahren dürfen.

Es ist natürlich absolut berechtigt, wenn Leute sagen, es gibt andere Berufsgruppen, die kostenlose Bahnfahrten verdient hätten. Kranken- und AltenpflegerInnen, SozialarbeiterInnen, Hebammen, so-called Bufdis, Leute mit Ehrenamt und so weiter. Alles richtig. Ich würde aus meiner Erfahrung als Heavy Userin der Bahn noch PsychologInnen, Anti-Aggressions-TrainerInnen und MediatorInnen dazunehmen. Abgesehen davon, dass der öffentliche Personennahverkehr meines Erachtens eh kostenlos sein sollte. So viel zu Utopien.

Warum die Argumentation der Befürworter nicht hinhaut

Nur leider haut die Argumentation derer, die Freitickets für SoldatInnen befürworten, vorne und hinten nicht hin. Soldaten dürfen nicht mal lange Haare haben, apropos Anerkennung. Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels spricht davon, dass den SoldatInnen "für deren besonderen Dienst eine besondere Wertschätzung der Nation zum Ausdruck" gebracht werden soll. Allein, der Teil der Nation, der SoldatInnen wertschätzt, schätzt sie mit und ohne Freitickets vermutlich genau gleich. Und der Teil der Nation, der bislang dachte, dass es sich bei der Bundeswehr um einen Haufen Naziprepper handelt, denkt jetzt eben, dass es sich um einen verwöhnten Haufen Naziprepper handelt.

Das Schlimmste an der Freiticket-Entscheidung ist, dass sie all diejenigen in ein moralisches Dilemma zwingt, die nie eine Uniform tragen wollten. Auf "ze.tt" habe ich gelesen: "Allen, die mit dem Gedanken spielen, ihre Bahncard gegen eine Uniform einzutauschen, sei gesagt: Die Uniform allein bringt gar nichts, denn die Angehörigen der Bundeswehr müssen ihre Fahrten künftig über ein eigenes Buchungsportal buchen." Ja, das würde ich als seriöses Jugendportal natürlich auch so schreiben.

Meine Ebay-Suche "Bundeswehr Uniform Frauen Größe 36 38" läuft trotzdem weiter, denn aus Erfahrung muss ich sagen: PolizistInnen dürfen ja schon seit Längerem in Uniform kostenlos Bahn fahren, und ich habe noch nie gesehen, dass jemand von denen einen Dienstausweis vorgezeigt hätte. Es reicht ein freundliches Nicken zur Schaffnerin, und das, so viel kann ich sagen, kriege ich auch noch hin. Ich bin Soldatin (Soldatin der Liebe), ich diene diesem Land, ich atme ein, ich atme aus.



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martinscheld 20.08.2019
1. Ganz ihrer Meinung!
... und das Thema ist ja noch lange nicht fertig - denn was aus dem Freifahrtticket noch werden wird, wenn sich bundesweit die Finanzämter an die Schätzung/Ermittlung der individuellen geldwerten Vorteile für die Soldatinnen und Soldaten macht, das verspricht jahrelange Unterhaltung:-)
Georg_Alexander 20.08.2019
2. Habe ich das richtig verstanden?
Freie Fahrt für das "Zur-Schau-Tragen" der Uniform? Bauen wir bald auch wieder Kriegerdenkmäler? Werden wir wieder den Heldentod sterben? Bitte eine 180°-Kehrtwende und wieder nach vorne schauen! (Und ich dachte, es geht darum, wer die Kosten für die Heimfahrt mit der Bahn zahlt... Im Sinne der Kostentransparenz muss dies selbstverständlich aus dem Verteidigungshaushalt gezahlt werden, da sonst ja die anderen Fahrgäste diese Last alleine trügen.)
Mister Stone 20.08.2019
3.
Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels spricht davon, dass den SoldatInnen "für deren besonderen Dienst eine besondere Wertschätzung der Nation zum Ausdruck" gebracht werden soll. Aha, und was ist mit den Polizisten in unserem Land und den Krankenschwestern und den Feuerwehrleuten und den Sanitätern und den vielen anderen, die Tag für Tag ein realen (!) gefährlichen Dienst für unsere Gesellschaft leisten? Die sind nicht zu 90% ihrer Arbeitszeit "in Bereitschaft". Für ist ist jeden Tag Ernstfall.
Tom82 20.08.2019
4. Ein Witz!
Was leistet ärztliches Personal, was Pflegekräfte? Jeder in dieser Gesellschaft, der arbeitet, trägt zum Allgemeinwohl bei! was soll dann diese Bevorzugung der Bundeswehr? Ich werde trotzdem weiterhin denken, dass der Laden unreformierbar und von Extremisten unterwandert ist! Wenn ich jemanden von der Bundeswehr im Zug sehen werde, so werde ich garantiert nicht denken "Oh, die Bundeswehr, toll, was Sie leisten!", sondern würde mich sofort wieder daran erinnern, was der Laden wirklich ist - nichts wert!
jujo 20.08.2019
5. ...
Polizisten und -Innen dürfen in Uniform kostenlfrei Bahnfahren! Ein Kopfnicken zum Schaffner und zur -in reicht? Toll!! was kostet eine Uniform?
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