Ferda Ataman

Verkorkste Erinnerungskultur Eure Einheit, unser Albtraum

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, feierten viele Migranten mit. Dann kam der Frust. Denn die Einheit lässt bis heute keinen Platz für Leute, die nicht zum "Volk" gehören. Plädoyer für eine andere Erinnerungskultur.
Montagsdemonstration in Leipzig (1990)

Montagsdemonstration in Leipzig (1990)

Foto: Frank Kleefeldt/ DPA

Am Tag, als die Mauer fiel, holte mich meine Mutter aus dem Bett und sagte, ich müsse mir das im Fernsehen anschauen. Ich war zehn Jahre alt und verstand nur Bahnhof. Ich sah Menschen auf eine Mauer klettern und feiern. Meine Mutter weinte. Sie freute sich über die unerwartete Wiedervereinigung der beiden Deutschländer. Ich durfte die ganze Nacht fernsehen. Das werde ich nie vergessen.

Wenn nächsten Monat 30 Jahre Mauerfall zelebriert werden, dann werden wieder alle so tun, als sei das eine Wiedervereinigung von weißen Westdeutschen mit weißen Ostdeutschen gewesen. Juhu, Party! Ach, wie war das schön! Endlich wuchs zusammen, "was zusammengehört" . Dieser verblendete, einseitige Rückblick ist für manche schwer zu ertragen: für viele Migranten und People of Color zum Beispiel und vermutlich auch für viele Ostdeutsche.

Für die Ostdeutschen, weil aus der Einheit eher eine Eingemeindung wurde und viele von ihnen dabei über den Tisch gezogen wurden. Für die Nichtdeutschen, weil alle so tun, als wären wir bei der Party nicht dabei gewesen. Dass die Wiedervereinigung auch uns bewegt hat, geht in der Erzählung jedes Mal unter. Genauso wie die Tatsache, dass sie einen rassistischen Wendepunkt markiert, der viele People of Color  traumatisiert hat.

Die postmigrantische Erinnerung an die Einheit geht so:

Für uns, im Westen, waren die Ostdeutschen die neuen Einwanderer. Auf der Suche nach einem besseren Leben kamen haufenweise Menschen mit Zonenhintergrund in unsere Städte. Ja: in unsere. Wir waren schließlich länger da. Ronny und Mirko kamen in meine Klasse, nicht umgekehrt. Wir waren die Aufnahmegesellschaft.

Das sahen natürlich nicht alle so. Nach den Freudentränen entpuppte sich die Wende für Ausländer und People of Color als Zeit der Abwertung  - egal ob in den neuen oder alten Bundesländern. Wir rutschten in der Hackordnung weiter nach unten. Jetzt sollten die "Gäste" wieder gehen. Viele bekamen im Alltag zu spüren, dass sie nicht mehr erwünscht waren. Danke, aber wir brauchen euch nicht mehr.

Für die Arbeitskräfte aus der Türkei, Vietnam, Mosambik, Korea und so weiter wurde die Nachwendezeit zum Albtraum. Im Osten galt das Ausreiseverbot für Ausländer erst mal weiter - auch nach dem Mauerfall . Auch im Westen hatten viele Angst, ihren Job zu verlieren, und einige wurden tatsächlich arbeitslos. Das Schlimmste aber war der völkische Nationalrausch.

Aus "Wir sind das Volk" wurde "Wir sind ein Volk". Diese Wendeparole hat es in sich. Denn in diesem "Wir" hatten die Ausländer nichts verloren, und mit "Volk" war kein demokratischer Souverän gemeint, sondern der eigene ethnische Clan. Die "Herstellung der Einheit Deutschlands", die vertraglich zwischen der DDR und BRD geregelt wurde , verstanden viele als Einheit des deutschen Volkes.

Diese Stimmung führte in den Jahren nach der Wende immer wieder zu pogromartigen Übergriffen  auf schwarze Menschen und Einwanderer. Nur neun Wochen nach dem Ende der DDR gab es das erste Todesopfer: der 28-jährige Amadeu António Kiowa , ein Vertragsarbeiter aus Angola, der von mindestens 50 Leuten durch Eberswalde gejagt und zusammengeschlagen wurde, während die Polizei, die da war, lange nicht eingriff.

Es folgten die brutalen Übergriffe von Hoyerswerda (1991), Rostock-Lichtenhagen (1992) oder die tödliche "Hetzjagd von Guben"  (1999), in Westdeutschland die Brandanschläge in Mölln (1992) und Solingen (1993). Ich sah meine Mutter fortan oft vor dem Fernseher weinen, aus Trauer. Migranten wurden gejagt, geprügelt, angezündet, erschossen, einfach nur, weil sie nicht zum Volk gehörten.

Die Nachwendezeit hat sich in das kollektive migrantische Bewusstsein eingebrannt. Und es sind keine schönen Erinnerungen. Für uns hat die Einheit einen üblen, völkischen Beigeschmack. Die Verlierer im vereinten Vaterland, das sind bis heute die Kanaken.

Bestimmt werden sich einige wundern oder ärgern, warum ich ihnen den schönen, deutschen Feiertag vermiesen will. Aber die Wahrheit ist: Die Einheit wurde glattgebügelt. Niemand würde sich einen abbrechen, wenn wir die Geschichte von allen Seiten beleuchten. Erst dann kann man nach vorn blicken und eine demokratische Gemeinschaft werden, ohne völkischen Firlefanz.

Bisher dreht sich in unserer Geschichtsbetrachtung alles nur um die Ureinwohner, als wäre Deutschland ein Germanenreservat. Warum haben wir keine Erinnerungskultur, die die Vielfalt der Bevölkerung aufrichtig anerkennt und würdigt? Wo bleiben die Perspektiven der wiedervereinten, postmigrantischen Gesellschaft in unseren Schulbüchern und Museen, bei Denkmälern, Feiertagen und Straßennamen? Ich bin da beim Historiker Jan Plamper: Unser Land braucht ein neues "Wir" . Und dafür eine neue Erzählung.