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10. März 2019, 11:12 Uhr

Deutsche Identitätskrise

Dieser Hase ist kein Skandal

Ein Kommentar von

Die Deutschen streiten über Karnevalswitze, Kostümvorschriften und sogar über Osterhasen. Die Vorliebe für identitätspolitische Minimalskandale zeigt, dass wir ziemlich sorgenfrei leben - aber auch, dass wir nicht wissen, wer wir sind.

Deutschland lebt in einer neuen Epoche, der des Minimalskandals. Ein Land von dieser Größe, in dem so viele Menschen leben, muss wohl oder übel eine Form des öffentlichen Diskurses pflegen, auch wenn alle lieber ihre Ruhe hätten, um störungsfrei von früher zu träumen. Man muss also über irgendetwas kommunizieren, vielleicht sogar streiten, aber riskieren mag auch keiner etwas. Das alles begünstigt den Minimalskandal: Man regt sich kurz und heftig über ein Thema auf, dessen Irrelevanz nicht bezweifelt werden kann.

Aussage ohne Wert

Die Kostümvorschriften eines Kindergartens mögen die Eltern ärgern, ein schiefer Witz in einer Büttenrede der CDU-Vorsitzenden quält höchstens ihr Publikum - aber in minimalskandalösen Kategorien sind beide Themen ideal. Man kann sich zanken und die Sache schnell wieder vergessen. Ebenso verhält es sich mit der Bemerkung von CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus über die Religionszugehörigkeit künftiger Bundeskanzler - es handelte sich um eine binsenweise Spekulation. Unser Grundgesetz ermöglicht so eine Wahl seit 1949, auch hier wenig Grund zur Empörung.

Es war überdies eine Aussage ohne Wert, als würde man prophezeien, nach der Landung außerirdischer Lebewesen werde einer von denen eine Goldmedaille im Golfen gewinnen. Vielleicht, vielleicht nicht. Der Furor gegen Brinkhaus eröffnete zwar Einblicke in eine besonders üble Ecke unserer Gesellschaft, wo man es völlig okay findet, Muslime harte und gefährliche Jobs erledigen zu lassen, aber Untergang des Abendlands schreit, wenn vom Amt des Kanzlers die Rede ist. Aber dass es solche Menschen gibt, weiß mittlerweile jeder.

Sicher geht auch bald wieder der jährliche Kampf wackerer Männer für den Osterhasen aus Schokolade los, der angeblich aus politischer Korrektheit zum Traditionshasen umgetauft wurde. In Wahrheit ist es völlig egal, denn der Schoko-Osterhase kommt in der Bibel erwartungsgemäß nicht vor und schmeckt Kindern aller Religionen. Überhaupt: Eine Islamisierung findet nicht statt, solche Ängste entbehren einer sachlichen Grundlage. Und wenn man solche Tendenzen bekämpfen möchte, sollte man in den Beziehungen zu Ländern wie Iran und Saudi-Arabien damit beginnen und nicht beim Osterhasen.

Nun kann man zurecht feststellen, dass ein Land, das sich über solchen Kram streitet, glücklich sein muss - wenn man sonst keine Sorgen hat.

Aber die Lächerlichkeit der einzelnen Fragen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nervosität und Empörungsbereitschaft über Fragen der Identität auf eine Schwäche in dieser Hinsicht schließen lässt.

Das Ego als Produkt

In den langen Jahren der Großen Koalition wurde darum ein großer Bogen gemacht. Irgendwo zwischen dem immer nur halb fertigen Europa, dem Wettbewerb mit der ganzen Welt ging die Diskussion über die deutsche Identität unter. Den Bürgern wurde das, wie schon den Bundesbürgern vor der Wiedervereinigung, mit einem Trick verkauft: Hier bleibt alles wie früher, nur die Welt wird anders und zwar überweist sie uns mehr Geld. Kein Grund, andere Autos zu bauen, die innovativen Konzepte der hiesigen Wissenschaftler zu vermarkten oder etwas an der hierarchischen Art deutscher Firmen zu ändern - alles wie immer galt als das beste Rezept.

Manchmal konnte man den Eindruck haben, dass die ganze Republik zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, so veränderungsphobisch gaben sich Politik und Öffentlichkeit in diesem Jahrhundert. Neuerungen wurden höchstens mit der zwanghaft gebrauchten Formel von der Neuerfindung thematisiert: Wenn schon etwas Neues kommen muss, dann bitte als "wir müssen uns neu erfinden" - damit bloß kein anderer da hineinredet.

Aber es ist eine Illlusion: Niemand möchte sich neu erfinden müssen und es ist auch nicht möglich. Wohl aber möchte man, kann man die eigene Identität klären, und zwar nicht nur individuell, jeder für sich und immer neu, sondern zusammen, denn das Leben wird nicht allein gemeistert, sondern in einer Gemeinschaft. Aber Fragen nach dem Wesen einer Gemeinschaft, dem, worüber sie sich einig ist, wie Vertrauen in ihr entsteht und gefestigt wird und vor allem, was sie sich vornimmt und anpacken möchte, passten nicht in eine Epoche, die von extremer Individualisierung lebt, in der das Ego zugleich zum Produkt wie zum Produktionsmittel wurde.

Parteien auf Identitätssuche

Im digitalen Kapitalismus geht es nicht um Gemeinschaft, um Kompromisse und Verbindlichkeiten. Jeder Nutzer kann und soll zur Marke werden, alles erreichen, allem nachgehen und sich selbst, seine Wohnung, sein Auto, seine Klamotten und warum nicht sein Haustier vermieten, wenn er sie kurz nicht braucht. Jedes Hobby kann zu Geld gemacht werden, jede Reise, Begegnung und neue Erfahrung lässt sich veröffentlichen und in digitale Aufmerksamkeit ummünzen. Aber wozu?

Identität entsteht nicht vereinzelt, also herrscht die kulturelle Konfusion. Reist man ein wenig in der Provinz herum, entdeckt man allenthalben die große Ratlosigkeit. Aus alten Läden werden Räume für Agenturen. Die Leute stellen sich begeistert Buddhastatuen in jeder Größe und Beschaffenheit in Gärten und Zimmer, aber wissen dann doch recht wenig über Richtungen und Lehren dieser komplexen Religion.

Nun ist das Ende der Epoche der Großen Koalition absehbar und die Parteien sind schon mal für sich auf Identitätssuche. Aber augenblicklich steht zu befürchten, dass sie die in ihrer Vergangenheit suchen, in Kruzifix-Aktionen und Sozialpolitik statt, wie es Willy Brandt so meisterlich sagte, "auf der Höhe der Zeit" zu sein.

Suchen wir nach einer Identität, die sich nicht bloß in schrillen Skandalen über Toiletten und Karnevalskostüme, nicht nur in Benimmhandbuch-Fragen wie "Darf man das?" erschöpft. Es ist immer derselbe Sketch, eine Art sprachliches Don-Quijote-Projekt, dessen Pointe nun bekannt ist. Der Kampf gegen eine bloß behauptete, in Wahrheit gar nicht wirkmächtige "politische Korrektheit" führt zu oft dazu, legitime Debatten lächerlich zu machen und erschöpft sich in kurzer Empörung. Nach Jahrzehnten der Polemik dagegen warte ich immer noch drauf, jemanden zu treffen, der oder die wirklich Sprachpolizei spielt.

Eine gute Entwicklung

Veränderungen, Neubestimmungen unserer Identität sind nichts Schlimmes. Der Mensch selbst ist permanente Veränderung, niemand sieht bei seinem Ableben so aus wie bei seiner Geburt und die Zeiten, in denen wir uns selbst irgendwie ähneln, sind arg kurz. In Deutschland geben heute weder der Adel noch die Armee den Ton an, obwohl es über Jahrhunderte so war - eine gute Entwicklung. Die Kirchen spielen noch eine wichtige Rolle, aber sie gleichen kaum noch den düsteren Institutionen von früher.

Identität konstituiert sich nicht, indem man sich in ewiger Introspektion verliert und damit hadert, dass Helmut Schmidt nicht mehr Kanzler ist, sondern auch in dem, was man sich vornimmt. Man kann auch Depressionen entwickeln, wenn man sich unterfordert fühlt.

Wir sind, was wir tun

Klar, so wie die deutsche Wirtschaft aufgestellt ist, hören sich die Nachrichten vom baldigen Aus des PKW-Verbrennungsmotors beunruhigend an - aber gerade darum wäre es an der Zeit, eine Identität zu beschreiben, die sich nicht im Beharren erschöpft, in Müdigkeit und Furcht, sondern in der Arbeit an neuen Verhältnissen, in der kritischen Würdigung von Traditionen und der Besinnung auf den Weg, der in diesem Land seit den Tagen von Imperialismus, Nationalsozialismus und Totalitarismus schon zurück gelegt wurde. Nach Sartre sind wir, was wir tun, also gehört so eine Suche zur Vita activa, nicht in die Abteilung Folklorepflege.

Das Neue, die Welt und die Anderen sind derzeit wie bedrohliche Schatten unter deutschen Betten. Es nutzt aber nichts, unter der Decke zu bleiben, dann und wann für Minimalskandale hochzuschrecken - es ist längst Zeit, sich etwas vorzunehmen und Identität zu denken, als Bürger einer Kommune, einer Region, als Deutscher und Europäer.

Wer sind wir und was können wir dafür tun?

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