Deutsche Jugendkultur in Indien Bachelor, Bushido, Barbara
Jugend in Indien: Ashishs Traum vom deutschen Glück
Er raucht nicht, trinkt nicht, er hat keine feste Freundin, er wohnt noch bei seinen Eltern, zusammen mit dem Großvater und der Uroma väterlicherseits. Nach indischen Begriffen eine Kleinfamilie. Ashish, 1989 geboren, braucht viel Zeit zum Lernen und Arbeiten, schon weil er mit seinem indischen Motorrad mehrmals am Tag die Stadt durchfahren muss. Morgens vom Elternhaus im Stadtteil Aundh am Rande von Pune in ein College am anderen Ende der Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole, wo er Deutsch unterrichtet, von dort in die Universität, wo er "International Business" studiert, ein unter jungen Indern sehr beliebtes Fach.
Abends geht es wieder heim nach Aundh. Auf Berlin übertragen, würde das bedeuten: morgens von Reinickendorf nach Treptow, am Nachmittag weiter nach Dahlem und abends zurück nach Reinickendorf. In Pune bedeutet es aber mehr: endlose Staus, Stress und eine Luft, die so schlecht ist, dass sogar Ashishs Motorroller gelegentlich schlappmacht.
Für Ashish ist das alles ganz normal. Nach dem Abitur 2007 hat er sich erst einmal im Goethe-Institut von Pune angemeldet, um Deutsch zu lernen. In nur 16 Monaten schaffte er alle sechs Lernstufen. Es war seine fünfte Sprache nach Sindhi, Hindi, Marathi und Englisch.
Deutsch zu lernen, sagt er, fiel ihm leicht, weil er schon während der Schulzeit als Austauschschüler fünf Wochen bei einer Familie in Hamm verbracht hatte. Seine Gasteltern nahmen ihn nach Dortmund, Münster und Kiel mit, mehr war in der kurzen Zeit nicht drin. Aber es reichte, um ihn den Beschluss fassen zu lassen: "Ich komme wieder."
Lieber Bushido als Wagner
In Pune lebt Ashish so mit der deutschen Kultur, wie es die Angehörigen der gebildeten Stände in Osteuropa im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert taten. Nur dass er nicht Goethe, Schiller, Hölderlin und Novalis liest, sondern indische Autoren in deutscher Übersetzung. Er hört am liebsten deutsche Musik, allerdings nicht Schubert-Lieder und Wagner-Arien, sondern neuere Titel, die er im Netz findet: Bushido, Sido, die Söhne Mannheims, Fettes Brot, die Fantastischen Vier und Inga Humpe. Deren Songs kennt er auswendig, ebenso wie die Lieder aus dem Musical "Linie 1" von Volker Ludwig. Und statt heimischer Bollywood-Produktionen schaut er sich lieber deutsche Filme an, zum Beispiel "Alles auf Zucker" und "Good Bye, Lenin!". Deutscher Rap und deutsche Filmkomödien haben es ihm angetan. "Das sind die besten."
In spätestens zwei Jahren, 2011, will Ashish seinen Bachelor-Abschluss im Fach "Business Management/International Business" haben und dann in Deutschland weiterstudieren. Vorausgesetzt, er bekommt ein Stipendium. Denn seine Eltern können zwar die Studiengebühren für die Uni von Pune bezahlen - 35.000 Rupien pro Jahr, umgerechnet etwas mehr als 500 Euro -, aber nicht die Kosten eines Studiums in Deutschland. Ashishs jüngerer Bruder Nikhil macht demnächst das Abitur und soll ebenfalls studieren. Und alles zusammen kostet doch mehr, als sich eine indische Familie aus der Mittelschicht leisten kann.
Wie Ashish wollen Millionen junger Inder ins Ausland, nach Amerika und - noch lieber - nach Europa, sie sind mobil, motiviert und praktisch veranlagt. Eine Ausbildung machen und einen Job finden, das steht auf der Wunschliste obenan. Sprache, Religion und kultureller Hintergrund scheinen zweitrangig. Als praktizierender Hindu isst Ashish kein Rindfleisch. Aber er käme nie auf die Idee, anderen den Genuss von Tafelspitz verbieten zu wollen. Früher war er Vegetarier, seit kurzem mag er auch Huhn- und Lammgerichte.
Indischer Luxus
Im Elternhaus von Ashish steht auch ein kleiner Schrein. Jedes Mitglied der Familie bleibt mindestens einmal am Tag vor dem Schrein stehen und spricht ein kurzes Gebet, "dass es uns so gut geht, dass wir alles haben, das wir zum Leben brauchen", sagt Vater Ghansham, 1961 in Pune geboren. Dabei hätte die Familie durchaus ein paar Gründe, mit ihrem Schicksal zu hadern.
1947, als der indische Subkontinent geteilt wurde, mussten etwa elf Millionen Hindus aus den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Landesteilen wegziehen; im Gegenzug verließen etwa acht Millionen Muslime die von den Hindus bewohnten Gebiete. Auf beiden Seiten fand eine gewaltige "ethnische Säuberung" statt. Pakistan wurde eine islamische Republik, Indien ein säkularer Staat.
Ashishs Urgroßeltern lebten in einer Kleinstadt namens Ubavdo im Bezirk Sakkhar. Sie waren Hindus und Sindhi. Die Sindhi stammen ursprünglich aus Afghanistan und sollen mit den Sinti verwandt sein, die heute auf dem Balkan leben. 1947 kamen Uroma und Uropa und etwa 20 weitere Familienangehörige mit einem Flüchtlingsschiff in Bombay an, wo sie in einem Lager für Vertriebene einquartiert wurden. Ashishs Uropa war ein "Candymaker", mit ein paar Töpfen und Gaskochern, mit denen er seine Zuckerwaren herstellte, machte er sich sofort selbständig.
Als die Familie anderthalb Jahre später nach Pune umgesiedelt wurde, hatte er genug verdient und gespart, um einen Stoffladen aufmachen zu können, den sein Sohn, Großvater Chetandas, später übernahm. Dessen Sohn, Ashishs Vater Ghansham, hat Ingenieur gelernt und Anfang der neunziger Jahre einen Elektro- und Elektronikladen in Pune aufgemacht, den er bis heute betreibt - mit mehr als 30 Angestellten.
Die ganze Familie - Uroma, inzwischen 86, der 69-jährige Opa, Mutter Renu und Vater Ghansham, Ashish und sein Bruder Nikhil - lebt in einem Vier-Raum-Bungalow. Nach europäischen Standards extrem bescheiden, nach indischen ziemlich luxuriös.
"Am besten mit einem Dr. vor dem Namen"
Das Haus liegt in einer Siedlung, die "Sindh Society" heißt, einer "Gated Community" im Stadtteil Aundh, die Ende der vierziger Jahre von der indischen Regierung für die aus Pakistan vertriebenen Sindhi-Familien gebaut wurde, die gerne unter sich bleiben wollten.
Sie bekamen 365 sogenannte "Plots" zugeteilt, Flächen, die sie nach Belieben bebauen konnten. Was einmal ein Flüchtlingslager war, ist heute eine der besten und gewiss die schönste Wohngegend von Pune mit einer weiträumigen Parkanlage, halb Kibbuz und halb Club Med. Mit einem Gemeinschaftshaus, einer Schule, einer Krankenstation, einem Sportplatz, einem Schwimmbad, einer Bank und einer kleinen Shopping-Mall. Hunde müssen an der Leine geführt, Blumen dürfen nicht gepflückt werden. Die Regel, dass nur Sindhi auf dem Gelände der "Sindh-Society" leben dürfen, wurde längst aufgehoben.
Rund um den Bungalow, in dem Ashish mit seiner Familie lebt, sind neue und zum Teil recht pompöse Häuser gebaut worden, deren Besitzer zu den wirklich Reichen gehören. Ashish' Eltern ist das egal. Ghansham und Renu haben in die Ausbildung ihrer Kinder investiert, fahren zwei japanische Kleinwagen und freuen sich über die Satellitenschüssel auf dem Dach und die Hollywood-Schaukel, die im Vorgarten steht.
Deren Ehe war noch arrangiert. Ihre Söhne, Ashish und Nikhil, werden sich die Frauen, die sie heiraten wollen, selber aussuchen. "Die Zeiten haben sich geändert", sagt Opa Chetandas. "Früher hat man nicht einen Mann oder eine Frau geheiratet, sondern die ganze Familie." Heute soll der Schwiegersohn oder die Schwiegertochter vor allem eine gute Ausbildung haben. "Meinetwegen kann es auch eine Barbara oder eine Sabine sein", sagt Vater Ghansham, "am besten mit einem Dr. vor dem Namen."