Margarete Stokowski

Deutsche Weihnachtslieder O du schmerzliche

Einsam, hygienisch, morbide - so klingt Weihnachten in den Texten, die die Deutschen am liebsten unterm Baume singen. Der Tod feiert immer mit. Ein Verriss.
Weihnachtschor (Symbolbild): Versteckte Apokalypsen

Weihnachtschor (Symbolbild): Versteckte Apokalypsen

Foto: Oliver Killig/ DPA

Es gibt dieses Phänomen, dass man Dinge, die man von klein auf kennt, selten hinterfragt. Wenn Sie deutsch sind und Ihre Familie an Weihnachten deutsche Weihnachtslieder singt, dann sind Ihnen die Texte dieser Lieder vielleicht so vertraut, dass Sie nie so recht darüber nachgedacht haben. Kein Ding, Sie haben ja mich.

Weihnachten ist eigentlich ein Fest, bei dem eine Geburt gefeiert wird. Eine Geburt unter mysteriösen Umständen, zugegeben, aber das soll jetzt mal egal sein. Was gefeiert wird, ist, dass Jesus geboren ist. Seine Ankunft bei den Menschen, der Beginn von etwas Großem: Freude, Hoffnung, Rettung. Das Lustige an deutschen Weihnachtsliedern ist, dass viele von ihnen nicht so sehr die Geburt feiern, den Anfang und den Aufbruch, sondern voller Todessehnsucht sind.

"Todessehnsucht" mag hart klingen, man nennt das traditionell eigentlich "Besinnlichkeit", aber worauf besinnt man sich da? Auf die Feier des Lebens eher selten. Einsam, still und sauber ist der Geist der Weihnacht, der durch diese Lieder weht. Das Leben ist darin prinzipiell hart, die Sache mit Jesus zwar ganz erfreulich, aber Leiden, Pflicht und Ordnung dürfen nicht vergessen werden.

"O du fröhliche" mag auf den ersten Blick sehr positiv wirken, aber auch darin ist eine kleine Apokalypse versteckt: "Welt ging verloren" - das muss nicht erklärt werden, das ist die Grundstimmung.

Die Engel als eine Art Ruhestörung

Am beachtlichsten wird der Unterschied, wenn man deutsche Lieder mit Liedern in anderen Sprachen vergleicht. Das ist ein bisschen gemein, klar, wenn man zum Beispiel "Maria durch ein' Dornwald ging" gegen ein "We wish you a merry christmas" antreten lässt oder gegen "Przybiezeli do Betlejem pasterze". Das englische Lied lautet zusammengefasst: Frohe Weihnachten, wir wollen Pudding essen, sofort ! Das polnische: Das Baby ist geboren, ein Wunder - die Engel, Tiere, Hirten und Könige machen eine Party! Das deutsche : Maria erlebt eine schmerzfreie Schwangerschaft und geht durch einen Wald, der seit sieben Jahren tot ist.

Aber wie gesagt, es ist frech, das so zu vergleichen, das machen wir nicht. Sehen wir uns stattdessen das bekannteste deutschsprachige Weihnachtslied an: "Stille Nacht, heilige Nacht". Ich habe auf Twitter gelernt, dass es ein österreichisches Lied ist , das soll uns aber nicht weiter stören. Inhaltlich passiert im Text Folgendes: Es ist sehr leise, die junge Kleinfamilie ist einsam im Wochenbett. Besuch ist nicht. ( Alles schläft, einsam wacht / Nur das traute, hochheilige Paar.) Immerhin lacht das Baby. In der letzten Strophe  wird die Szenerie etwas dynamischer ( Durch der Engel Halleluja / Tönt es laut von fern und nah / Christ, der Retter ist da). Interessant ist, dass der Ruf der Engel nicht als froh oder feierlich bezeichnet wird, sondern einzig als "laut". Die Engel als eine Art Ruhestörung. Ich werte nicht, ich staune nur.

Ruhe ist ein zentrales Merkmal in deutschen Weihnachtsliedern: "Still, still, still / weil's Kindlein schlafen will!" Oder: "Leise rieselt der Schnee", dieser Text ist auffällig erfolgreich geworden, dafür dass es eigentlich eine Standardeigenschaft von Schnee ist, beim Rieseln wenig Geräusche machen, aber es gilt: Was leise ist, ist gut. Die ersten Adjektive in diesem Text sind: "leise", "still" und "starr". Hatte ich die Todessehnsucht erwähnt? An Substantiven sehen wir: einiges an Natur (Schnee, See, Wald) und Leid (Kummer, Harm, Sorge des Lebens). Die dunkle Seite ist stets zugegen.

Wo das Gute erwähnt wird, darf das Schlechte nicht unterschlagen werden. Auch in "Zu Bethlehem geboren" : "O Kinderlein, von Herzen / will ich dich lieben sehr / in Freuden und in Schmerzen". Deutsches Yin und Yang. In "Morgen kommt der Weihnachtsmann" wird auf denselben "mit Schmerzen" gewartet , als wenn es das Einzige wäre, was sich auf "Herzen" reimt. (Ich fände "Kerzen" jetzt gar nicht so unweihnachtlich.)

So herzlich wie eine Hausordnung

Es gibt natürlich auch nicht deutsche Weihnachtslieder, in denen es um Stille geht. Das polnische "Lulajze, Jezuniu" etwa, ein Schlaflied. Die ersten Zeilen lauten wörtlich übersetzt ungefähr: "Schlaf schön, Jesulein, mein Perlchen, schlaf schön, mein liebstes Schmuckstückchen, schlaf schön... Und du, Mutter, tröste ihn, wenn er weint." - In einer offiziellen deutschen Übersetzung  heißt es dagegen: "Lulei, mein Jesulein, dich will ich wiegen, dass alle Sorgen und Ängste verfliegen." - Im Deutschen weint das Baby nicht nur, es hat "Sorgen und Ängste" wie jeder gute Bürger. Die polnische Version endet damit, dass dem Baby gesagt wird: Schlaf gut, du wunderschönste Rose, lieblichste Lilie, du sanftes Sternchen, du schönste Sonne! Die deutsche Version enthält kein einziges Kosewort und endet mit: "Wir hüten deinen Schlaf und sind ganz leise." Elternliebe, so herzlich wie eine Hausordnung. (Immerhin! In "Heidschi Bumbeidschi"  ist das Kind komplett allein - je nach Interpretation auch tot -, die Mutter ist weggegangen "und kehrt nicht mehr heim" .)

Ein anderes wichtiges Element deutscher Weihnachtslieder ist Sauberkeit. Sie denken jetzt vielleicht: Wie bitte? Aber achten Sie mal darauf. Von "Ihr Kinderlein kommet" gibt es, wie von vielen deutschen Weihnachtsliedern, mehrere Versionen, je nachdem, welches Liederbuch man aufschlägt. Die zweite Strophe geht in einer der Versionen  so: "O seht in der Krippe im nächtlichen Stall, / seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl / in reinlichen Windeln das himmlische Kind / viel schöner und holder als Engel es sind." - In reinlichen Windeln! Gottes Sohn ist geboren und man lobt an ihm, dass er hübscher ist als andere und sich nicht einpinkelt. Unbeflecktes Mutterglück bei Maria!

Jetzt mag man einwenden, das sind doch alles Lieder aus vergangenen Jahrhunderten, Biedermeier und so weiter, aber lustigerweise gibt es selbst in Rolf Zuckowskis "In der Weihnachtsbäckerei" von 1987 die Stelle: "Sind die Finger rein? / Du Schwein."

Eine Liebe, wie sie sonst fast nur dem weißen Spargel zukommt

Auch in "Morgen Kinder wird's was geben" ist Sauberkeit ein wiederkehrendes Element, wir sehen einen "geputzten Kronensaal" sowie "blankgeputzten Zinn". No offense, ich finde das sehr gut, nichts gegen ein sauberes Haus. In der letzten Strophe wird auch noch gemahnt, den Eltern für die Care-Arbeit zu danken, vergleichsweise fortschrittlich: "Unsre guten Eltern sorgen / lange, lange schon dafür. / O gewiss, wer sie nicht ehrt, / ist der ganzen Lust nicht wert." Bisschen streng, aber gut, Deutschland ist vielleicht auch das einzige Land, in dem in einem beliebten Weihnachtslied die Bitte "Lasst mich nicht erfrieren!" vorkommt . Todesangst und Festlichkeit kombinieren - warum nicht?

Das soll natürlich alles nicht bedeuten, dass in deutschen Weihnachtsliedern nichts Schönes passiert. Manchmal wird es sogar richtig romantisch. "O Tannenbaum"  ist eines der bekanntesten deutschen Weihnachtslieder und zugleich eines der wenigen deutschen Volkslieder, in denen jemand voller Liebe direkt angesungen wird, und zwar nicht aufgrund einer bevorstehenden Trennung, sondern einfach so aus Freude und Zuneigung. Gut, es ist ein Baum, der angesungen wird, aber meine Güte, Wald ist Deutschen schon immer wichtig gewesen, im Grunde ist es der Inbegriff deutscher Romantik, einem Baum die Liebe zu gestehen.

Diese Liebe ist, wenn man sie sich genauer anschaut, eine Verehrung, wie sie in Deutschland sonst fast nur dem weißen Spargel zukommt: "Wie treu sind deine Blätter", heißt es da, es ist von "Beständigkeit" die Rede - "dein Kleid will mich was lehren". Das liebevollste deutsche Weihnachtslied: ein Lied, in dem jemand einer Pflanze Komplimente macht. Traditionell gesungen um einen Baum herum, der gefällt wurde und später auf der Straße vertrocknen wird. Der Tod feiert immer mit. Eine fröhliche Weihnachtszeit allerseits!

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