Deutscher Fernsehpreis Familienfest mit Hindernissen

Bester Film, beste Serie, beste Nachrichtenmoderatorin: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben beim Deutschen Fernsehpreis abgeräumt. Für die Privaten blieben nur zwei Show-Trophäen. Der gediegenen Familienfest-Stimmung tat das aber keinen Abbruch - zumindest vordergründig.


Es gibt bei Preisverleihungen diese berühmt-berüchtigten Floskeln, die für fast jeden Geehrten in Frage und deshalb besonders häufig zum Einsatz kommen. Zum Beispiel nicht enden wollender Dank an Mitstreiter, Kollegen, die Jury, vielleicht auch noch an Freunde und die Familie. Oder das Bekunden des totalen Überraschtseins, des "Niemals-mit-dem-Preis-gerechnet-Habens" – meist als Erklärung für das Fehlen eines pointierten Redekonzepts oder für erbarmungswürdiges Stammeln. Manch ein Preisträger unternimmt gar den Versuch, die Langatmigkeit derartiger Prozeduren offensiv zu thematisieren und zu persiflieren – was wegen des hohen Wahrheitsgehalts meist nach hinten losgeht.

All das war auch gestern wieder zu bestaunen. Aber insgesamt schienen die Protagonisten der von Jörg Pilawa weitgehend unfallfrei moderierten Verleihung des Deutschen Fernsehpreises dazugelernt zu haben: Die Zweieinhalb-Stunden-Gala im Kölner Coloneum, die live in der ARD übertragen wurde, verlief halbwegs kompakt und würdevoll und war auch am Bildschirm goutierbar – wenn auch mit wenigen wirklichen emotionalen Höhepunkten.

Über der erst im Jahr 1998 gemeinsam von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 ins Leben gerufenen Veranstaltung, die damals den öffentlich-rechtlichen Telestar und den Goldenen Löwen von RTL zusammenführte, lag die Atmosphäre eines großen Familientreffens. Dem tat es auch keinen Abbruch, dass überwiegend die öffentlich-rechtlichen Sender die Trophäen abräumten: Lediglich zwei von 16 Hauptkategorie-Preisen gingen an Formate von RTL und Sat.1. Schließlich durfte zumindest als Laudator irgendwie jeder mal ran – und wer die Trophäe diesmal nicht bekam, hat sie ja vielleicht schon im Schrank stehen.

Pilawa gestaltete zudem bereits seine getanzte Eröffnungsmoderation als Hommage an die Trend setzende RTL-Show "Let's dance". Da war es gar nicht mehr so schlimm, dass in der Kategorie "Beste Unterhaltungssendung" schließlich nicht das schlagzeilenträchtige Heide-Simonis-Format gewann, sondern ein Special der Ratesendung "Wer wird Millionär?", in dem Hape Kerkeling als Lokaljournalist Horst Schlämmer bei Günther Jauch aufgetreten war.

Hochverdienter Preis für "Türkisch für Anfänger"

Die meisten Entscheidungen der elfköpfigen Jury aus Journalisten, Autoren, Regisseuren, Produzenten, der Moderatorin Sandra Maischberger und der Schauspielerin Christiane Paul gingen in Ordnung und kündeten von seriöser Recherche. Der Sieg der "Tagesthemen"-Frontfrau Anne Will in der Sparte "Beste Moderation einer Informationssendung", mit dem sie über die RTL-"Nachtjournal"-Kollegin Susanne Kronzucker und die ZDF-"Morgenmagazin"-Moderatorin Kay-Sölve Richter triumphierte, war genauso plausibel wie der Triumph des ZDF-WM-Trios aus Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier im Bereich "Beste Sportsendung."

Die Entscheidung, von den drei großen Fernsehfilmen der letzten Saison den ZDF-Zweiteiler "Dresden" zu küren, die Sat-1-"Luftbrücke" mit einem Schauspielerpreis (Ulrich Noethen als bester Nebendarsteller) zu bedenken und zum Thema Sturmflut lieber die NDR/Arte-Doku "Die Nacht der großen Flut" auszuzeichnen, war sogar ein gelungener Akzent. Ebenfalls hochverdient: der Sieg der frechen ARD-Multikulti-Soap "Türkisch für Anfänger" im Bereich "Serie".

Lediglich in einigen Fällen konnte man berechtigte Fragen stellen: Warum wurde in der Kategorie "Sitcom" die Sendung "Pastewka" und nicht "Stromberg" gekürt? Warum erhielt bei der "Besten Informationssendung" das ZDF-Nahostspezial "Krieg ohne Ende" und nicht "Monitor" oder "Frontal 21" die Auszeichnung? Warum wurde Jan Fedder ("Der Mann im Strom") als bester Schauspieler prämiert und nicht Herbert Knaup ("Der Mörder meines Vaters")? Warum triumphierte Dagmar Manzel über Iris Berben?

Urteilsbegründungen? Fehlanzeige

Während bei den Schauspielern noch zur Begründung dienen konnte, dass manche gleich mit zwei Werken nominiert waren (wie Manzel für "Die Nachrichten" und "Als der Fremde kam"), fiel durch die anderen "Zweifelsfälle" überhaupt erst richtig auf, dass auf Urteilsbegründungen komplett verzichtet wurde: Die von Pilawa zur Präsentation der Einzelkategorien hinzu gebetenen Laudatoren riefen stets nur die in Trailern vorgestellten Nominierten auf, öffneten dann einen Umschlag – und dann folgte die Danksagung. Die einzige Ausnahme hinsichtlich einer echten Laudatio bildete der Preis fürs "Lebenswerk", den Bundespräsident Horst Köhler in einer gewohnt bemühten Rede ("vier Bilder und ein Kurzkommentar") an den langjährigen WDR-Intendanten und "Bericht aus Bonn"-Moderator Friedrich Nowottny überreichte.

Sieht man von einem kleinen Schüttelreim Jan Fedders ab, der noch mal auf den verschobenen ARD-Film "Wut" ("der war ausgesprochen gut") anspielte, und übergeht man Peter Kloeppels leicht verquere Würdigung der Qualitäten von Frauen im Allgemeinen und im Nachrichtengeschäft im Besonderen, dann gab es kaum nennenswerte Provokationen oder Peinlichkeiten. Nicht zufällig gehörte da die Verleihung eines Nachwuchspreises an die offensichtlich völlig überwältigte Jungschauspielerin Rosalie Thomass zu den emotionalen Höhepunkten des Abends.

Eine Kusshand von Uli Wickert

Zu den raren aufgrund von Komik, Originalität oder Esprit unterhaltsamen Wortbeiträgen gehörten die schräge Anmoderation von Piet Klocke für das Segment "Comedy" (Preisträger: Kurt Krömer), Uli Wickerts rührender Auftritt mit Kusshand für die frisch prämierte Anne Will und Verweis darauf, wie sehr er es genieße, dass jetzt in Hamburg Tom Buhrow mit den "Tagesthemen" warten müsse, sowie Harald Schmidts Persiflage auf Jürgen Klopps WM-Taktik-Analysen mit den schon legendären Kreis-Zeichnungen. Und natürlich der kurze, aber pointierte Auftritt von Hape Kerkeling.

In diesen Momenten mochte man davon träumen, wie der Abend anders hätte aussehen können, wären mehr Künstler dieses Schlages mit von der Partie gewesen. Aber wie das so ist mit Familientreffen: Man soll ja nicht zu viel erwarten. Und glamouröser als bei Grimmes war es in Köln allemal.



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