Deutscher Presserat Missbilligung für "Bild", Rüge für die "FAZ"

"Bild" stellte G20-Demonstranten an den Pranger, die "FAZ" diskriminierte in einem Kommentar Homosexuelle: Diese Artikel verstießen nach Ansicht des Presserats gegen den Kodex.

"Bild"-Zeitung, 10. und 11.07.2017 (Pixelung durch SPIEGEL ONLINE)
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"Bild"-Zeitung, 10. und 11.07.2017 (Pixelung durch SPIEGEL ONLINE)


Der Deutsche Presserat hat wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex insgesamt neun öffentliche Rügen ausgesprochen. Das gab das Gremium in einer Pressemitteilung bekannt.

"Gesucht! Wer kennt diese G20-Verbrecher?" - unter dieser Überschrift berichtete "Bild" im Juli über die Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg. Die Redaktion zeigte Einzelfotos von Demonstranten in Aktion und rief die Leser zur Fahndung nach den Personen auf. Durch die Art der Darstellung - mit Foto und eingeklinktem Porträtbild - in Verbindung mit dem Fahndungsaufruf würden die Gezeigten an einen öffentlichen Medienpranger gestellt, so das Beschwerdegremium.

Es gehöre nicht zur Aufgabe der Presse, selbstständig nach Bürgern zu fahnden, ohne dass ein offizielles Fahndungsersuchen seitens der Staatsanwaltschaft vorliegt. Die Berichterstattung sei daher nicht mit dem Ansehen der Presse gemäß der Präambel des Kodex vereinbar, entschied der Presserat und sprach eine Missbilligung aus. Folgen einer selbst inszenierten "Verbrecherjagd" sind nach Auffassung des Presserats nicht mehr zu kontrollieren und könnten auch Selbstjustiz Vorschub leisten.

Unzulässige Porträts von Opfern

Eine Rüge wegen diskriminierender Berichterstattung erhielt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Die "FAZ" hatte einen Kommentar unter der Überschrift "Wir verraten alles, was wir sind" über die Ehe für alle und damit verbundene Änderungen im Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften veröffentlicht. In dem Kommentar wurden aus Sicht des Presserats die Behauptungen aufgestellt, dass adoptierte Kinder aufgrund einer wegfallenden "Inzest-Hemmung" ungleich stärker der Gefahr eines sexuellen Missbrauchs ausgesetzt seien und dass diese Gefahr bei homosexuellen Eltern aufgrund ihrer Homosexualität besonders hoch sei.

Diese Behauptungen, für die es nach Auffassung des Presserats keinen wissenschaftlichen Beleg gibt, entfalten eine diskriminierende Wirkung gegenüber Homosexuellen und stellen einen schweren Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot des Pressekodex dar.

Weiterhin beanstandet wurde die Berichterstattung von Bild.de und "TZ Online" über den Terroranschlag beim Ariane-Grande-Konzert in Manchester: Beide hatten einzelne Opfer mit Namensnennung und Porträtbildern gezeigt, für deren Verwendung in der Presse keine Einwilligung der Angehörigen vorgelegen habe. In einem anderen Artikel zum Thema zeigte Bild.de ein minderjähriges Anschlagsopfer mit Foto und Namensnennung, dessen Mutter zu diesem Zeitpunkt noch nicht über den Tod ihres Kindes informiert war. Dies rügte der Presserat und nannte es "ethisch problematisch".

Was ist hier Werbung?

Das "Traunsteiner Tagblatt Online" wurde für eine mangelnde Trennung von Tätigkeiten gerügt. Die Zeitung hatte einen Artikel über eine Bürgerversammlung veröffentlicht, bei der der Bürgermeister der Gemeinde Rede und Antwort stand. Das Problem: Autor des Berichts war der zweite Bürgermeister, der somit über das Wirken seines Vorgesetzten schrieb. Ebenfalls wegen eines schweren Verstoßes gegen das Gebot zur strikten Trennung von Tätigkeiten wurde die "Volksstimme" gerügt. Die Zeitung hatte ausführlich über Investitionen einer Wohnungsbaugenossenschaft berichtet. Der Autor des Artikels war gleichzeitig als Redakteur für das Kundenmagazin der Genossenschaft tätig.

Eine Rüge wegen mangelhafter Kennzeichnung von Werbung und damit einer Verletzung des Trennungsgrundsatzes sprach der Presserat gegen "Focus Online" aus. Gerügt wegen Schleichwerbung wurde "Freizeit Heute" für einen Beitrag unter der Überschrift "Hier mäht der Robo-Gärtner". Der "Donaukurier" wurde wegen eines Verstoßes gegen das Gebot der klaren Trennung von Werbung und Redaktion gerügt: Teilnahmebedingung für einen Biergartentest war das Schalten einer Anzeige.

Insgesamt erteilte der Presserat neun öffentliche Rügen, 22 Missbilligungen und 33 Hinweise. Sechs Beschwerden wurden als begründet bewertet, auf eine Maßnahme wurde jedoch verzichtet, 60 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorigen Version des Artikels hieß es in Zeile und Vorspann, "Bild" habe für seinen G20-"Fahndungsaufruf" eine Rüge des Presserats erhalten. Wie im Text korrekt dargestellt handelte es sich um eine Missbilligung.

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