Deutsches Einheitsmärchen Der gute Mensch von West-Berlin

Kurz vor der Wende in einem Berliner Auktionshaus: Eine DDR-Rentnerin versucht, mit sauer Erspartem ihren Familienschmuck zu ersteigern - und erhält unverhofft Hilfe von einem reichen Wessi. Eine märchenhafte, aber wahre deutsch-deutsche Geschichte aus einem geteilten Land.

Berliner Mauer: Die Stadt nicht geteilt, sondern wie ein Holzscheit gespalten
WJS Verlag

Berliner Mauer: Die Stadt nicht geteilt, sondern wie ein Holzscheit gespalten

Von Claus Christian Malzahn


Wenn über dem Schwielowsee endlich die Sonne ins stille Wasser taucht und in den Brandenburger Kleingärten sich nach graben, jäten, pflanzen brav der Grillrauch in den Himmel hebt und im neuen Deutschland heimelige Ruhe einkehrt; wenn ich also die Hauptstadt mit ihrer Hektik, Hybris, Haltlosigkeit und Hypotheken endlich im preußischen Südwesten hinter mir gelassen habe, dann denke ich gern an Herrn Scholz zurück; jenen ebenso abgerissenen wie alterslosen fliegenden Händler aus Charlottenburg, der sich mir mit seiner schnoddrigen Barmherzigkeit im grauen November 1987 zwei Jahre vor dem Mauerfall als guter Mensch von West-Berlin ins Gedächtnis brannte.

Und natürlich habe ich dann auch sofort Frau Floess vor Augen, diese DDR-Rentnerin aus Potsdam. Scholz trug einen langen, graugrünen Kunstledermantel, sie einen knallroten Pullover, an dem vermutlich keine Faser Naturwolle war. Sie setzten sich bei einer Charlottenburger Auktion von Fundsachen und Erbstücken damals zufällig nebeneinander. Und in diesem Moment begann das Großstadtmärchen, das gleichwohl eine wahre Geschichte ist, wie sie sich eben nur im zerrissenen Berlin zutragen konnte.

Scholz war als Antiquitätenhändler und Flohmarktverkäufer auf der Jagd nach Ohrringen, Brillanten, Ketten und Broschen, er suchte goldene Armbanduhren ebenso wie Hochzeitsringe und erkannte den Wert der hier anlässlich einer Versteigerung im Bezirksamt ausgebreiteten Schmuckstücke schon auf den ersten Blick. Bei den von West-Berliner Beamten sorgfältig in Plastiktütchen und mit Durchlaufnummern versehenen Gegenständen handelte es sich um Erbsachen, die keine Erben mehr gefunden hatten und deshalb von einem staatlich bestellten Auktionator, einem gewissen Herrn Pohlmann, zum Aufruf kamen. Für den untersetzten Herrn Scholz war diese Veranstaltung im trist beleuchteten Auktionshaus in der Wintersteinstraße ein Routinetermin, doch für die zierliche Frau Floess spielte sich an jenem nassgrauen 26. November 1987 das ganze Drama ihres zerrissenen deutsch-deutschen Lebens noch einmal ab.

Ohne Posten 110 kann Frau Floess nicht weiterleben

Nervös rutscht sie auf dem Holzstuhl hin und her, starrt mit verweinten Augen auf die Auktionsbühne; wo Herr Pohlmann in einem dunklen Anzug mit geölter Stimme den Nachlass kleiner Leute an Händler und Schnäppchenjäger verhökert. Die DDR-Bürgerin Floess schnäuzt sich hin und wieder die Nase und tupft sich mit einem Stofftaschentuch alle paar Minuten ein paar Tränen aus den 62 Jahre alten Augen.

Ursula Floess wartete auf Posten 110. In dem transparenten Päckchen befindet sich die Taschenuhr des bereits in den fünfziger Jahren verschiedenen Polizeihauptmeisters Albert Floess; außerdem das Hochzeitsdiadem seiner Gattin Else, die 1982 das Zeitliche segnete, zudem die Trauringe des Paares. Für Scholz, der lässig einen Tausendmarkschein nach dem anderen aus der linken Cordhosentasche zieht, ist der Floessche Nachlass eigentlich nur "Schrott", Kleineleuteschmuck, an dem die Sammler am Wochenende auf dem Flohmarkt in der Straße des 17. Juni achtlos vorbeischlendern.

Doch ohne Posten 110 kann Frau Floess offenbar nicht weiterleben. Sie ist verzweifelt, und je länger und beherzter sie von ihrem Unglück erzählt, desto mehr Auktionsbesucher hören ihr zu. Es scheint, als hätte die Rentnerin schon immer darauf gewartet, vor türkischen Schnäppchenjägern, Charlottenburger Luden und Profi-Einkäufern wie Scholz ihr Leben auszubreiten.

Das kinderlose Ehepaar Floess hat die Waise Ursula großgezogen; Nazi-Zeit, Bombenkrieg und Hungerwinter erlebte Ulla in Friedenau. 1947 zog die 22-Jährige dann der Arbeit wegen in den Osten; in einen anderen Berliner Bezirk. Jeden Sonntag fährt sie mit der S-Bahn zu den Eltern, doch nach dem 13. August 1961 kommt sie, wie alle anderen Ost-Berliner auch, nicht mehr rüber.

"450 Mark. Wenn ditt bloß reicht!"

Solche Geschichten gab es zwar tausendfach in dieser Stadt, die man nicht geteilt, sondern seinerzeit mit einem Schlag wie einen Holzscheit gespalten hat. Aber heute, am 26. November 1987, ist Ulla Floess an der Reihe, sie schnäuzt und redet und flüstert und fleht und zählt sie immer wieder ihr Geld: 450 Mark West, darauf hat sie in Potsdam lange gespart. Seit dem Tod von Else Floess versucht sie, das Familienerbe, das ja hinter der Mauer im Westen liegt, zusammenzuhalten. Im Testament wird sie ausdrücklich genannt. Aber weil erstens keine Blutsverwandtschaft vorliegt und sich zweitens der eiserne Vorhang zwischen Erbin und Nachlass herabgesenkt hat, "kann man da ja nüscht machen", wie ein Charlottenburger Beamter Frau Floess nach ihren unzähligen Eingaben erklärt. Immerhin hat man die bezeichneten Habseligkeiten kulanterweise zusammengefasst. Pohlmann ruft auf: "Posten 110!" Floess wimmert: "450 Mark. Wenn ditt bloß reicht!"

Das ist das Stichwort für Herrn Scholz, der die ganze Zeit ruhig zugehört, seine Tausender gezählt und sich ab und zu mit schnellen Geboten sicheren Handbewegungen einen Posten gesichert hat. Er nestelt aus Verlegenheit an seiner Brille, lugt hinüber zur Nachbarin und sagt dann mit fester West-Berliner Stimme: "Lassense ma. Ick mach ditt schon."

Pohlmann listet auf: "Ein Hochzeitsring, 585er Gold. Ein weiterer Ring, 700er Gold. Ein versilbertes Diadem, zwei Ohrringe, auch Gold." Ruckzuck schaukelt sich die Sache hoch, 150, 200, 300 Mark. "Nun machen Sie doch was!" fleht Floess. Doch Scholz bleibt cool. Bei 370 D-Mark schaltet er sich ein, drückt mit ein paar Gesten den Preis nach oben und bekommt bei 510 Mark den Zuschlag.

"So viel hab ich doch gar nicht!" ruft Floess entgeistert.

"Macht nix. Ditt schenk ick Ihnen."

Dann steht Scholz auf, holt sich Posten 110 bei Pohlmann ab, wirft den Familienschmuck seiner ungläubig staunenden Nachbarin in den Schoß, rückt sich die dicke Brille zurecht, grinst, und bevor sich der gute Mensch von West-Berlin in den zugigen Charlottenburger Norden verabschiedet und seinen wie auch immer gearteten Geschäften nachgeht, greift Frau Floess in ihre Tasche - und schenkt ihm ein Pfefferminzbonbon. Etwas anderes hatte sie gerade nicht dabei.

Ich habe diese Geschichte mit eigenen Augen gesehen, muss aber einräumen, dass ich, sobald mir Frau Floess ihren Namen buchstabiert und einige Detailfragen beantwortet hatte, so schnell wie möglich aus dem Charlottenburger Auktionshaus verschwunden bin, weil erstens der Redaktionsschluss näherrückte und ich - noch wichtiger - die Rückkehr von Scholz befürchtete. Falls er es sich anders überlegen würde und sein Geld doch noch eingefordert hätte, wäre die unglaubliche Pointe meiner Reportage geplatzt. Ich wollte mir diesen Knaller nicht durch Übereifer kaputtrecherchieren. Aber inzwischen glaube ich, dass diese Befürchtung ganz grundlos war, nur meiner damaligen Skepsis vor allem und jedem geschuldet.

Scholz, Floess und Pohlmann habe ich anschließend nie wieder gesehen, werde dieses Berliner Ensemble aber mein Lebtag nicht vergessen. Solche Großstadtwunder geschehen selten, gleichzeitig sehnt man sich nach Ihnen, weil sie einem den Glauben wiedergeben - woran auch immer. Damals im Auktionshaus stand die große Politik der kleinen Wiedergutmachung im Wege, aber glücklicherweise haben die kleinen Leute das unter dem Radar geregelt.

Der Text ist ein Auszug aus dem in Kürze erscheinenden Buch von Claus Christian Malzahn: "Über Mauern. Warum das Leben im Schatten des Schutzwalls eine sonnige Sache war"



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