Charly Hübner als Tschechow-Held Wanja in der Wärme-Hölle

In Karin Beiers Hamburger "Onkel Wanja" trauert der Schauspieler Charly Hübner sehr komisch über eine unglückliche Liebe - und verblüffenderweise auch über die Klimakatastrophe.

Mit viel Slapstick, Blasmusiklärm und Charly Hübner (l.): "Onkel Wanja" am Hamburger Schauspielhaus
Klaus Lefebvre

Mit viel Slapstick, Blasmusiklärm und Charly Hübner (l.): "Onkel Wanja" am Hamburger Schauspielhaus

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Ganz plötzlich staksen sie wie hysterische Störche durch die keineswegs schöne russische Botanik, die Menschen aus dem Empfindsamkeitsklassiker "Onkel Wanja". Gerade noch haben sie brav den teegefüllten Samowar über die fast leere Bühne geschleppt, haben über Liebeskummer und Geldnot gejammert und ihre müden Knochen auf herbeigezerrte Stühle sinken lassen, da packt die Darsteller jäh der große Hampelwahn.

Frauen und Männer verziehen die Gesichter zu Grimassen und exerzieren im Stechschritt herum. Was ist bloß in diese eben noch so sensiblen Leute gefahren? Könnte es sein, dass sie am Zustand der Welt irre geworden sind? Kohlschwarz und düster ist die tote Natur um sie herum.

Mit viel Slapstick, Blasmusiklärm und dem stets lustig zerknautschten Schauspieler Charly Hübner in der Titelrolle hat die Regisseurin Karin Beier im Hamburger Schauspielhaus (dessen Intendantin sie ist) einen ziemlich irritierenden "Onkel Wanja" angerichtet. Es ist ein fast durchgehend auf Spaß getrimmtes Drama, die in einer stockfinsteren, kahlen, kaputten Landschaft spielt. Schwarze Schlacke bedeckt den Boden bis zum Theaterhorizont im Bühnenbild von Johannes Schütz. Manchmal sieht man einen vermummten Kerl im Dreck wühlen und darf rätseln, ob er nach Essbarem sucht oder nach Gold. Hell beleuchtet ist allein ein breitlings an die Bühnenrampe gebauter Holzsteg, auf dem sich die Menschen saufend, weinend und brüllend ihre Lebensverzweiflung gestehen - oft unter lautem Gelächter des Publikums.

Der Steg ist offenbar der letzte Rest eines jener russischen Landhäuser, in denen fast alle Stücke des bis heute hochverehrten Dramatikers Anton Tschechow (1860-1904) spielen. Tschechow war überzeugt davon, dass seine Stücke Komödien seien. Weltberühmt aber wurden "Der Kirschgarten", "Die Möwe" und eben "Onkel Wanja", weil sie als milde Tragödien aufgefasst wurden, als Untergangsdramen einer Schicht von Gutsbesitzer-, Bürger- und Künstlermenschen, die klarsichtig, aber wie gelähmt ihrem eigenen Scheitern zusehen.

Im "Onkel Wanja" hat eine schöne junge Frau namens Elena (in Hamburg gespielt von Anja Lais) einen alten Professor (Oliver Nägele) geehelicht und vertreibt sich auf dem Landgut der angeheirateten Familie die Zeit damit, allen möglichen Männern den Kopf zu verdrehen, darunter dem Arzt Astrow (Paul Herwig) und dem guten Wanja (Hübner), der für den Professor das Landgut betreibt. Einst war der Professor mit Wanjas Schwester verheiratet, dann ist die Schwester gestorben, die Tochter aus dieser Ehe, Sonja (Lina Beckmann), widmet sich nun mit Wanja zusammen der Landwirtschaft.

In Hamburg zeigt Karin Beier den "Onkel Wanja" im Prinzip als Drama der beiden schrecklich verliebten Unglücksraben Wanja und Sonja. Lisa Beckmann spielt das späte, mit Hässlichkeit gestrafte und in den Doktor Astrow verknallte Mädchen Sonja mit schroffem Charme und störrischer Inbrunst. Charly Hübners Wanja wirft sich vor der Professorengattin Elena, die hier im Stil einer Zwanzigerjahre-Diva auftrumpft, sogar auf den Boden und mimt ein kläffendes Hündchen, so grässlich verfallen ist dieser Trauerkloß im weißen Schlotterhemd der Angebeteten.

In der Hauptrolle: das Bühnenbild

Wie in allen besseren Tschechow-Inszenierungen sieht man hier Menschen, die im Bewusstsein der eigenen Lächerlichkeit sich und der Welt etwas vormachen. Nur dass die Regisseurin Beier die Kraft für diesen Verzweiflungshumor nicht im tiefsten Seelengrund der Figuren sucht, sondern in den Muskeln und Gliedmaßen ihrer Darsteller. Immer wieder lässt sie die Menschen in Posen gefrieren und zu ihren Turnübungen antreten, bevor sie wenig später wieder in die gewohnten Rollen zurückkehren und ihre Klagelitaneien aufsagen.

"Ich war eine strahlende Persönlichkeit. Nur hat dieses Strahlen niemand bemerkt", sagt Hübners Wanja in einem der wenigen wirklich ruhigen Momente. Der wichtigste Satz dieses Theaterabends, der die konsequent auf modernes Deutsch vertrauende Übersetzung von Angela Schanelec benutzt, hat entfernt mit den Naturstudien zu tun, die der Arzt Astrow auch bei Tschechow schon betreibt. Dieser Satz lautet: "Das Klima verschlechtert sich."

Beiers "Onkel Wanja" bietet zwei Stunden lang intelligentes, manchmal krawalllustiges und vom Publikum am Ende heftig bejubeltes Unterhaltungstheater, in dem alle Figuren irgendwann ihren weichen Kern offenbaren dürfen. Die einzige von der Regisseurin wirklich ernst genommene Hauptrolle des Abends allerdings spielt das Bühnenbild: Es verkündet eine Öko-Botschaft. Beier hat dem Hamburger Schauspielhaus nämlich einen Spielzeit-Schwerpunkt zum Klimawandel verordnet, mit vielen Projekten, unter anderem von Rimini Protokoll, und allerlei klugen Referaten.

Der Klimakatastrophen-Leitgedanke ist schuld daran, dass in Hamburg Onkel Wanjas Drama in der Wärmehölle einer Zukunft spielt, in der alle Wälder abgeholzt sind und alle Seen vertrocknet und in der nur noch schwarze Schlacke die Erde bedeckt. Dass die Erderhitzung in den Menschen auf der Bühne immer wieder plötzliche Schübe an wilder Zappelsucht auslöst, sollten wir vielleicht als Zeichen der Hoffnung verstehen. Selbst in den letzten Stunden vor der Klima-Apokalypse scheint zu gelten: Närrisch geht die Welt zugrunde.


"Onkel Wanja". Deutsches Schauspielhaus , nächste Vorstellungen am 19. und 31.1., am 11., 20. und 26.2. sowie am 27.3., Karten unter www.schauspielhaus.de und Tel. 040 / 24 87 13.

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