Deutsches Schauspielhaus Hitler im Land der Lacher

Komödien über die Nazis? Auch der große Kino-Schelm Ernst Lubitsch musste sich diese Frage gefallen lassen. "Sein oder Nichtsein“, der große Leinwandklassiker, war 1942 durchaus umstritten. Die neue Theaterversion von Lubitschs Werk am Schauspielhaus in Hamburg überlässt leider nur den Lachern die Bühne.


Die Bühne des Deutschen Schauspielhauses ist sehr breit, sehr hoch, sehr tief. Richtig viel Platz für das opulente Szenario, auf das uns Regisseur Sebastian Schlösser zu Anfang seiner "Sein oder Nichtsein"-Adaption führt. Ein Warschauer Theater im Kriegsjahr 1942. Bühnenarbeiter, Schauspieler, Beleuchter wuseln durcheinander, geordnet durch Regie- und Inspizienten-Anweisungen, Licht wird ausprobiert, Akteure witzeln und eifersüchteln, ein Hauch Authentizität weht durch das organisierte Chaos, jetzt kann es losgehen.

Was wird dieser 27-jährige Regisseur mit den ebenso heiklen wie faszinierenden Ideen eines Ernst Lubitsch anfangen, der es zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges wagte, die Nazis als Klamotteure und lächerliche Knallchargen in einer Kinokomödie zu präsentieren?

Pointen und Schüsse knallen um die Wette

Zunächst spielt er Komödie und zeigt uns "seinen" Hitler, denn die Warschauer Theaterleute proben die Komödie "Gestapo im Herbst", die mit Shakespeares "Hamlet" alternierend aufgeführt werden soll. Natürlich ist es ein alberner Chaplin-Hitler, er hat nur eine stumme Rolle und kämpft gleich am Anfang um ein bisschen Dialog, rennt an die Rampe, kaspert mit Frisur und Händen, er will einen "Lacher". Von diesem Moment an zoomt das Bild Zug um Zug ein, bald haben wir einen künstlichen Rahmen um die Handlung, wir sind wieder im Kino, Lubitsch rollt ab, die Pointen und Schüsse knallen um die Wette.

Im Grunde könnte man in diesem Moment gehen, wenn denn die Handlung und die Dialoge nicht doch so göttlich komisch und schneidend böse wären. Die Schauspieler, die erst Nazis spielen wollen und dann, um den polnischen Widerstand zu retten, Nazis spielen müssen, um die "richtigen" Nazis zu übertölpeln, geben alles, weil man sie sonst einfach umbringen würde. Das ist eine gnadenlose Doppelbödigkeit und Härte, die im Film Ernst Lubitschs mit der gestalteten Intimität der Kamera zu einem höllischen und bitteren Spaß wird. Es geht um nichts weniger als um Liebe, Leben und Tod, eine Großaufnahme der Verzweiflung und des Mutes, der auch in scheinbar eitlen und oberflächlichen Menschen wohnt. Zur Not muss man die Größe eben spielen.

Die Truppe des Hamburger Schauspielhauses tut ihr Bestes, und es ist ja auch eine lösbare Aufgabe, aus dem saftigen Filmtext die von den Bühnen-Mimen so sehnlich gewünschten "Lacher" zu erzeugen. Die Doppeldarstellung und Entlarvung des verräterischen Wissenschaftlers Professor Siletsky gerät zum brillanten Comedy-Highlight, die Eifersüchteleien des Schauspieler-Paares Maria und Josef Tura (schön überkandidelt: Myriam Schröder und Alexander Simon) oder der immer nur chargierende Möchtegern-"Kaufmann von Venedig" Grünberg (präzise und pointiert: Bernd Moss) fließen dicht und überzeugend über die Rampe. Doch eh wir uns versehen, sind wir mitten in einer boulevardesken, situationskomischen Brüllnummer angelangt, die auch im 1. Stock der "Pension Schöller" spielen könnte.

Zu viel Boulevard, zu wenig Abgrund

Sicher, es wird erschossen und gedroht, "Heil Hitler!" bis zur Heiserkeit gebrüllt, dennoch gelingt der Schrecken nicht halb so gut wie die Komik. Wenn man mal im Land der Lacher ist, kommt man so schnell nicht wieder raus und ist dort so gefangen wie Aktrice Maria Tura im besetzten Hotel, wo sie ihre Reize gegen den "echten" Gestapochef Ehrhardt (brillant komisch und böse: Thomas Kügel) einsetzt. Zwar reduziert Regisseur Schlösser mit dem verengten Bühnenraum (effizient: Stéphane Laimé) die Handlung zur Essenz, doch die simulierte Intimität wird immer wieder durch überschäumende, raumgreifende Ausbrüche unterlaufen, wenn es um "Sein oder Nichtsein" geht - warum die große Bühne, wenn man sie doch eindampft? Das ist hier die Frage.

Bernd Moss', der schließlich vor dem "Führer" doch noch zu seinem dramatischen Shylock-Monolog kommt, und Alexander Simon, der die ganzen Spielarten des Hamlet-"Seins" durchprobiert, beide zeigen in aller Komik und Drastik doch auch, wie Schauspieler "spielen" und retten dadurch etwas von der Substanz des Plots. Der sicher vorhandene große Respekt des Regisseurs vor Ernst Lubitsch verbat ihm wohl einen forscheren Zugriff auf das - natürlich - perfekte dramatische Material. So wurde immerhin ein Riesenspaß daraus, was natürlich das Gegenteil dessen ist, was Lubitsch wollte.

Die Reduktion in der Äußerlichkeit hätte der Dramaturgie auch gut getan - ein gleichförmiger Wechsel von Auftritt und Abgang, von laut und leise, Schüssen und "Heil Hitler!" ist schlicht zu viel Boulevard. Dass das, worüber wir vielleicht lachen, eigentlich gar nicht witzig, das Grauen jedoch erschreckend komisch und grotesk ist, wäre der Abgrund gewesen, an dem man spielen müsste. Schade eigentlich, dass man diesen Taumel des Entsetzens nicht erleben konnte. Eine verschenkte Chance in Zeiten des "Untergangs". Das Publikum war offenbar erleichtert, immerhin "seinen" Lubitsch bekommen zu haben, frenetischer Beifall für das gekonnt agierenden Ensemble, ebenso für Regie und Technik.



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