Deutsches Schauspielhaus Kill Romeo!

"Romeo und Julia" ist die komödiantischste Tragödie Shakespeares. Was passiert, wenn man diese Tatsache zu leicht nimmt, zeigte Nils Daniel Finckhs Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit Kino-Idol Robert Stadlober.


Julia-Darstellerin Schulz (r.), "Romeo" Stadlober: Androgyner Spiegel und härterer Keks
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Julia-Darstellerin Schulz (r.), "Romeo" Stadlober: Androgyner Spiegel und härterer Keks

Was für eine Welt: Düster, kalt, nass, mit fahlem, dann wieder grellem Licht, irgendwo zwischen Kanalisation und Fabrikruine angesiedelt, so beginnt Regisseur Nils Daniel Finckh (zuletzt in Hamburg mit "Trainspotting" recht erfolgreich) seine neue "Romeo und Julia"-Vision am Hamburger Schauspielhaus. Zeitnah und zeitlos zugleich, Endzeit und Historie, ironisch und todernst, zerquält und grotesk - wer sich da zurechtfindet, ist Zeitgenosse. Denn es soll ja zu seinem Titelhelden passen. Romeo-Darsteller Robert Stadlober, der Jungstar, perfekt zerkämmt und lässig kostümiert wieder der prototypische 2004-Jugendliche, also wie er selbst, morpht von Beginn an millimetergenau in dieses Post-Industrial-Ambiente der abstoßenden Trostlosigkeit, das offensichtlich nur Tod und Verderben produzieren kann. Verona oder Duisburg? Egal. Und dennoch ist dieser Romeo Montague verliebt, ausgerechnet in die Tochter der verfeindeten Familie Capulet. Schlimmer kann's kaum kommen, selbst in dieser kalten Hölle.

Umso mehr berührt und verzaubert die erste Bühnenbegegnung Romeos mit seiner Julia, die sich als zarte Pantomime entfaltet. Mit lustvoll scheuen Berührungen, kindlich und neugierig, pirschen sich die beiden Teens zueinander und entdecken den Kick der ersten, wahren Liebe. Julia, explosiv und kraftvoll durchlebt von Jana Schulz, ist optisch so etwas wie ein androgyner Spiegel für ihren Stadlober-Romeo, sie ist ein Junge mit weicheren Zügen und Formen, dabei mental deutlich ein härterer Keks als der kleine Montague. Ein Geschlechterspiel beginnt, bei dem die Rollen noch gefunden werden müssen. Der trübfarbige Romeo und die pastellene Julia, die jedoch auch äußerlich von der Lichtgestalt rasch zur grauen Todesfee mutiert. Schließlich kämpft sie wie Romeo nicht nur mit ihren Gefühlen, sondern auch mit der Familie.

Der Tarantino-Effekt greift nicht

Und diese Familie Capulet ist ein Graus. Julias Kette rauchende Mutter (Julia Malik), hier eine veritable Society-Zicke, bettelt ständig um physische Nähe ihrer Tochter, ohne selbst Liebe geben zu können. Sie erträgt ihren gleichgültigen Mann, ist hoffnungslos unterlegen der allgegenwärtigen und emotional selbstlosen Amme Julias (brillant und überschäumend: Christiane von Poelnitz), die sich sogar von Romeos Freund Mercutio (vielschichtig verworfen: Tillbert Strahl-Schäfer) Vergewaltigung und äußerste Demütigung gefallen lassen muss. Dennoch zerbricht sie nicht. Im Gegenteil: Später trägt sie den toten Tybalt zurück nach Haus. Julias Vater, ein besinnungsloser Trottel, der seine Tochter an den flachgeistigen, aber adrett gekleideten Country-Club-Gecken Graf Paris verheiraten will, findet mit seiner Tochter ebenfalls keine Kommunikationsebene. Allem die Krone setzt Vetter Tybalt auf (schön fies: Guido Lambrecht), der als Hüfthosen und Seidenhemd tragender aggressiver Voll-Proll mühelos den King jeder Dorf-Disco stellen könnte. Klar, dass er sich exzessiv mit Romeos Freund Mercutio messen muss, was schließlich in den tragischen Tod aller mündet.

Schauspieler Stadlober, Schulz: Gefängnishof der Seelen
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Schauspieler Stadlober, Schulz: Gefängnishof der Seelen

Dieses Duell zwischen Mercutio und Tybalt inszeniert Regisseur Finckh ausführlich und mit Liebe zum Detail. Die beiden brechen sich vier Eisenrohre aus der Fabrikwand und liefern sich damit einen stilisierten Schwerterkampf, der an modische Martial-Arts-Mysterien und Quentin Tarantino gemahnt. Was jedoch als Beinahe-Ballett beginnt, endet dann doch in der üblichen Schlägerei. Schließlich brauchen Machos die körperliche Komponente, den Sex in der Gewalt. Offensichtlich physisch voneinander angezogen, müssen sie schon zuschlagen, wenn sie sich doch nicht küssen dürfen. Immer wieder durchbricht die Regie dieses archaische Ritual mit ironischen Kommentaren Mercutios, der Überlegene ist er deshalb nicht. Romeo leidet wie ein Hund als sein Freund Mercutio stirbt, er killt zur Revanche Julias Vetter Tybalt und wird verbannt. Viel derbe Komik trifft auf krasse Härte, was auch das Publikum zuweilen überforderte: Lachen oder Ekel? Der Tarantino-Effekt allerdings schafft im Theater keine neue Ebene, sondern denunziert das Spiel. Schwer ist leicht was, aber komisch ist das nicht. So stirbt Mercutio vergebens. Schade eigentlich.

Die Frauen tragen schwer an diesen Männern

Nils Daniel Finckh, der Leiter dieses Todesspiels, vertraut auf ein einziges Bühnenbild (Dirk Thiele), dem er nur leichte Lichtregie zukommen lässt: ein Gefängnishof der Seelen. Dazu einige nasse Untiefen auf den zerschlissenen Bühnenbrettern, ein unsichtbares Untergeschoss für Auftritte und Abgänge, eine stählerne Galerie, die das Heim Julias andeutet. Mehr ist nicht an Welt. Alles andere muss das Spiel der Schauspielhaus-Truppe bringen. Und dieses Ensemble rennt mit erstaunlich traditioneller Verve und sehr viel Sprachkultur gegen das Weltgefängnis an, deklamiert was das Zeug hält, bringt alles an physischer Präsenz, dass es nur so eine Art hat.

Julia kämpft wie eine Tigerin gegen das Schicksal an, durchläuft mehrere Metamorphosen während des Stücks und ist zum Schluss, nicht mehr niedlich, aber gestärkt, eine Frau. Sie trägt ihren schwachen Romeo, wie zuvor die Amme Tybalt - die Frauen tragen schwer an den Männern in diesem Spiel, und sie bekommen nicht einmal die Erlösung dafür. Einzig erlöst dürfte sich Robert Stadlober am Schluss gefühlt haben, denn sein Romeo litt hölzern und quengelig zwischen den Orkanen und Minidramen um ihn herum. Ein Junge, für den dieses Gefühl zu groß war, wie auch die Kraft seiner Julia. Nur eine Nummer zu groß. Aber im Gegensatz zu Romeo kann Robert ja noch wachsen.

Dennoch fast ausschließlich freundliche Bravos für die Schauspieler, wenig Buhs für die spartanische Regie. Besonderes Lob verdiente sich die neue Prosa-Übersetzung des Stückes von Gesine Danckwart: Eng am Original, aber frisch, direkt und lebendig in der Sprache. Ungekünstelt, aber kunstvoll und intensiv; das kann man eigentlich kaum besser machen. Das ließ andere Schwächen vergessen.



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